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Orkan Lothar sorgte im Kreis Tübingen für Stromausfälle und erhebliche Sachschäden

Welch weihnachtliches Wüten

KREIS TÜBINGEN. Orkanartig schnell war es gestern vorbei mit der Weihnachtsruhe. Familienbesuche mussten ausfallen. Hausbesitzer zogen den Blaumann über und machten sich an die Aufräumarbeiten. Mit bis zu 215 Stundenkilometern wütete der Orkan Lothar in Süddeutschland. Im Kreis Tübingen warf er unzählige Bäume um, deckte Dächer ab und sorgte für Stromausfälle. Polizei, Feuerwehr und THW waren stundenlang im Katastrophen-Einsatz. Bei den Förstern und in den Büros der Stromversorger herrschte Hochbetrieb. Im Tübinger Hauptbahnhof fuhr den ganzen Nachmittag kein Zug ein. Ernsthaft verletzt wurde nach Angaben der Polizei niemand.

26.04.2011
  • Matthias Stelzer

„Es ist verdammt gefährlich da draußen“, hieß es gestern Nachmittag bei der Tübinger Polizei. Herumfliegende Blechteile, ein wahrer Ziegelregen, jede Menge entwurzelter Bäume, kaputte Autos und zerborstene Fensterscheiben — an diesen zweiten Weihnachtsfeiertag wird man sich noch in einigen Jahren erinnern. Das Orkantief Lothar, das von Frankreich kommend über Baden-Württemberg hinwegfegte, wird künftig ähnlich bekannt sein wie sein weibliches Pendant Wiebke, das vor knapp zehn Jahren ganze Wälder flach legte.

Wie im Februar 1990 rechnet man auch heuer mit Millionenschäden. In den Waldgebieten des Landkreises sieht es katastrophal aus. Tiefe Schneisen hat Lothar hinterlassen, Waldwege, Kreis-, Land- und Bundesstraßen unter Bäumen begraben. Ausflügler, die am zweiten Weihnachtsfeiertag einen Abstecher zum Schloss Hohenentringen machten, verbrachten dort unfreiwillig den ganzen Nachmittag. „Wir können noch nicht absehen, wie schlimm es ist. Aber dieser Orkan wird uns sicher noch lange beschäftigen“, sagte Karl-Heinrich Ebert gestern. Der Leiter des Forstamtes Tübingen-Bebenhausen sprach von „ganz erheblichen“ Waldschäden. Besonders heftig hat es offenbar die Wälder rund um Mössingen erwischt: Der etwa 40 Hektar große Bästenhardter Wald wurde zu 90 Prozent zerstört.

An die 700 Einsätze hatte die Leitstelle der Tübinger Feuerwehr am gestrigen Orkantag zu bewältigen. Zusammen mit den örtlichen THW-Helfern waren kreisweit rund 600 Wehrmänner aktiv. Und auch die Polizeibeamten im Weihnachtsdienst hetzten von einem Unglück zum anderen. „Wir konnten gar nicht mehr mitrechnen, aber wir waren ohne Atempause unterwegs“, kommentierte der diensthabende Einsatzleiter Rudolf Hellstern den Orkantag. Mit „unglaublich vielen Bäumen auf den Straßen“, stark in Mitleidenschaft gezogenen Kirchendächern und mit von herabfallenden Ästen zerstörten Autos hatte es die Polizei vor allem zu tun.

Bei den Tübinger Stadtwerken wurde vor allem gegen die Stromausfälle angekämpft. „Bei uns ist der Teufel los“, beschrieb Bernd Strobel gestern die Situation. Mit Spezialfahrzeugen und aus dem Weihnachtsurlaub rekrutierten Mitarbeitern versuchten die Stromversorger Land auf, Land ab, die gröbsten Schäden an Leitungen und Strommasten zu beseitigen. Langwierige Stromausfälle gab es trotzdem: In einigen Stadtteilen Tübingens, im Steinlachtal, in Dettenhausen und Kusterdingen, im Rottenburgischen und im Ammertal funkelten am Nachmittag allenfalls die mit Kerzen geschmückten Weihnachtsbäume.

Zeitweise unbrauchbare Leitungsnetze und Bäume auf der Strecke beschäftigten auch die Bahn AG. Fast fünf Stunden lang lief am Tübinger Bahnhof gar nichts. „Wir sind in alle Richtungen blockiert“, teilte der Tübinger Bahnhofmanager Peter Rose am Nachmittag mit. Sein Trost: „Aber schauen Sie doch auf die Straßen — da sieht es noch schlimmer aus.“

Und tatsächlich: Neben einer ganzen Reihe von Nebenstraßen waren rund um Tübingen auch die meisten Hauptverkehrsstraßen unbefahrbar. Jeweils knapp eine Stunde lang waren die Bundesstraßen 27 und 28 vollkommen blockiert. Die Strecke von Bebenhausen nach Dettenhausen ist noch geschlossen und soll erst heute vom meterhoch liegenden Baumbruch befreit werden.

Erhebliche Schäden verursachte Lothar aber auch an vielen Gebäuden. Der Tübinger Kupferbau verlor einen Teil jenes Materials, dem er seinen Namen verdankt. Statt an der Fassade war das Blech gestern auf dem Gehweg vorm Gebäude zu finden. Auf Waldhäuser griff sich der Orkan das Dach des Tübinger Reitstalls, und in der Altstadt waren die Straßen mit zerbrochenen Ziegeln übersät. Viele der umgeknickten Bäume beschädigten Wohnhäuser, Ampelanlagen und Verkehrsschilder. Hart traf es dabei auch wieder den Schwärzlocher Hof. Wie bereits Wiebke verwüstete auch Lothar den Biergarten der Ausflugsgaststätte im Tübinger Westen: Zwei der Schatten spendenden Linden stürzten um.

Welch weihnachtliches Wüten
Ein umgestürzter Baum am anderen: So wie hier im Heuberger-Tor-Weg sah es auf vielen Straßen des Kreises aus. Orkan Lothar wird die Feuerwehren, das Technische Hilfswerk und die Forstämter noch kräftig beschäftigen.

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26.04.2011, 12:00 Uhr

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