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Pflege für die Evolution

Welchen Wert das amtliche Mähen eines Naturschutzgebiets hat

Zum Jubiläum eines Schutzgebiets bei der Ödenburg griffen Spitzenbeamte zu Rechen und Heugabel. Sie simulierten dabei jahrhundertealte Nutzung.

16.10.2010
  • Mario Beisswenger

Tübingen. Hermann Strampfer hat sich drei Meter Vorsprung herausgearbeitet. Der Tübinger Regierungspräsident betrieb wie zwanzig weitere Mitarbeiter seiner Behörde am Freitagnachmittag aktive Landschaftspflege. Sie rechten eine Wiese im Naturschutzgebiet unterhalb der Ödenburg auf dem Spitzberg ab und markierten damit den 20. „Geburtstag“ des Schutzgebiets, das Ende Oktober 1990 ausgewiesen wurde. Strampfer, der als Bauernbub noch die Heuernte von Hand kennen lernte, hatte den Bogen ziemlich gut raus beim Reihlemachen.

Stefan Vöhringer, ebenfalls Landwirtssohn und beim Landschaftspflegetrupp des Regierungspräsidiums (RP) angestellt, schätzte die Arbeitsleistung der Angestellten und Beamten der Referate 55 und 56 der Mittelbehörde. „Bis es dunkel wird, sind wir sicher fertig.“ Was ihm nicht gefiel: „Es bilden sich Schwätzecken“, das mindere die Effektivität.

Die RP-Mitarbeiter, die sonst Naturschutzrecht bearbeiten oder Öffentlichkeitsarbeit für bedrohte Pflanzen und Tiere machen, legten sich nicht nur beim Wiesenrechen ins Zeug. Eine andere Abteilung zerrte Weißdorn- und Schlehengebüsch weg, damit die Pflanzen, die mehr Sonne und Licht brauchen, gedeihen können. Amtsnaturschützer simulierten damit die längst aufgegebene Nutzung auf dem mit Weinbergterrassen angelegten Südhang.

Ob das überhaupt effizient ist? Wenn sich die Gütlesbesitzer nicht mehr kümmern, sollte man dort nicht einfach Wald wachsen lassen? Auf diese Fragen ist Volker Kracht, Leiter des Referats für Naturschutz und Landschaftspflege, vorbereitet. Diese Art von amtlicher Pflege habe schon etwas Museales. Es werde künstlich ein Stück Natur erhalten, das durch eine ganz andere menschliche Nutzung entstanden ist. Aber wenn die Nutzung als Wingert aufgegeben wird und dadurch Arten zu verschwinden drohen, „sollten wir uns überlegen, ob wir dagegen nicht was tun wollen“.

Das sei zum einen gesetzlicher Auftrag. Die Naturschutzarbeit mit Freischneider und Motormäher ließe sich aber auch als neuer Schritt in der Gestaltung der Kulturlandschaft begreifen. Ein sonnig warmer Südhang mit schönen Pflanzen und seltenen Tieren sei jetzt Standortfaktor für den Tourismus. „Die alte Weinberglandschaft wird dann halt zum Lehrpfad.“

Für wissenschaftlich Interessierte hat Kracht auch ein Argument für die über die Jahre mehrere tausend Euro teure Pflege. Die raren Pflanzen wachsen hier an ihrer natürlichen Verbreitungsgrenze. Gerade in diesen Grenzlagen sei die Evolution der Arten besonders intensiv. Gerade dort würden sich neue Eigenschaften herausbilden, die für die Art im größeren Zusammenhang nützlich sein können. „Eigenschaften, die hier entstehen, die können der ganzen Population helfen.“

Nach einer guten Stunde ist die Wiese schon fast abgerecht. Die Goldrute, eine aus Nordamerika stammende Staude, die sich im Land schon seit 100 Jahren stark ausbreitet, hat für dieses Jahr keine Chance mehr, ihre Samen zu verstreuen und die seltenen Arten an der Ödenburg zu verdrängen. Die Einschätzung der Arbeit wechselt zwischen den RP-Beschäftigten. Einer sagt: „Ganz schön anstrengend.“ Daniela Zöllner, die Pressereferentin, hat einen anderen Blick: „Die Arbeit hat fast was Meditatives.“

Rund zehn Hektar groß ist das Naturschutzgebiet Spitzberg-Ödenburg auf halbem Weg zwischen Tübingen und Hirschau. Auf dem nach Süden vorspringende Buckel suchte schon Leonhard Fuchs, der erste bedeutende Tübinger Botaniker, im frühen 16. Jahrhundert nach Pflanzen. Die menschliche Bewirtschaftung auf dem sommerheißen Südhang sorgte für eine reiche Flora mit Raritäten wie dem Blauen Lattich, dem Siebenbürgischen Perlgras und einer Handvoll Orchideen. Die letzte Bestandsaufnahme der Pflanzen ist allerdings schon 20 Jahre her. Inzwischen verdrängt nicht nur aufwachsendes Gebüsch die licht- und wärmeliebenden Arten, auf den Wiesen macht sich auch die Goldrute breit. Gehölz und das robuste Gewächs werden durch den Pflegetrupp des Landes und private Initiativen in Schach gehalten.

Welchen Wert das amtliche Mähen eines Naturschutzgebiets hat
Heumachen gehört nicht zu den Kernaufgaben eines Regierungspräsidenten. Hermann Strampfer (vorne links) griff aber kompetent zum Arbeitsgerät beim Jubiläums-Pflegeeinsatz für das Naturschutzgebiet unterhalb der Ödenburg. Bild: Sommer

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16.10.2010, 12:00 Uhr

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