Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen
Lachen und Grauen

Weltkrieg anders: „Nicky und Willy“ am Zimmertheater

Nach „Morgen spricht von mir die ganze Welt“ hat am Mittwoch die zweite auf Dokumentarmaterial beruhende Arbeit von Intendant Axel Krauße und Autor Peter Sindlinger Premiere. Zimmertheater-Dramaturg Michael Hanisch im Gespräch mit Zimmertheater-Intendant und Regisseur Axel Krauße:

25.11.2014

Michael Hanisch: Angesichts des Grauens des Ersten Weltkriegs mit Millionen Toten in den Schützengräben, warum haben Sie die Form einer Revue für Ihren Abend gewählt?

Axel Krauße: Niemand kann erklären, warum dieser Krieg letztlich ausbricht. Dieser Krieg hat keinen Grund. „Man sei halt hineingeschlittert“, oder „schlafgewandelt“ sind verharmlosende Umschreibungen. Was vom humanitären Standpunkt aus schockierend ist, ist umso interessanter und wichtiger für das Begreifen von Konflikten. Ohne einen Blick auf die Gesellschaft kann man nicht verstehen, was zum Kriege führt. Also hat man viele verschiedene Aspekte, die an so einem Abend erzählt zu werden verdienen, viele Schlaglichter, die ein Verständnis befördern können. Dafür bietet sich die Revue an, die ja gerade in dieser Zeit einen ersten Höhepunkt erlebt und die oft historische Ereignisse zum Thema hatte. Noch wichtiger aber war uns, das Absurde dieser Zeit deutlich zu machen. Der Wahnsinn ist mitten in der Gesellschaft, nicht am Rande, wie Peter immer sagt. Deswegen erzählen wir auch nicht das Leid und Elend des Krieges, das ist bekannt und beherrscht dieses Gedenkjahr. Aber davor, beim Ausbruch, da liegt etwas, was für uns heute bedeutsam ist.

Wie darf man sich die Zusammenarbeit in der Vorbereitung vorstellen? Wer stellt die Texte zusammen?

Peter und ich haben eine verwandte Sicht auf die Dinge. Wir haben eine Lust daran, zu erkennen und unsere Gegenwart auf den Prüfstand zu stellen. Danach richtet sich die Auswahl des historischen Materials. Wir suchen das Absurde, Groteske, das, was man schier nicht glauben kann. Welcher Unsinn über die Zeit von den gelehrtesten Personen behauptet wird, welche Ausmaße die Dummheit annimmt, weil es alle wiederholen. Aus der Fülle des Materials versuche ich dann, das für das Theater Geeignete herauszufischen, es in Situationen zu überführen. Auf den Proben wird dies mit den Schauspielern auf die Probe gestellt. Alles ist lange im Fluss, es gibt am Anfang nur Material und Szenenentwürfe, aber lange noch kein Textbuch. Das Schöne an dieser Arbeitsweise ist, dass alle Beteiligten in unterschiedlichsten Funktionen an diesem Werk arbeiten und es gestalten.

Aus der Fülle des Materials, was hat bei Ihnen besonderen Eindruck hinterlassen? Was ist Ihnen ein besonderer Aspekt in der Beschäftigung mit dem Ersten Weltkrieg?

Mir war es von Anfang an wichtig, die Zeit zu verstehen. Wenn wir einen Islamisten in einem Youtube-Video sehen, denken wir, was für ein Spinner. Vor hundert Jahren – das ist nicht so lange wie man denkt – hat die Mehrheit der deutschen Bevölkerung das gleiche gesagt, man wähnte sich in einem heiligen Krieg und hatte Gott auf der Seite, man war sich sicher, etwas Gutes für die Gemeinschaft zu tun. Aber alles wurde erbärmlich, das Leid wurde unvorstellbar. Und am Ende soll es keine Verantwortlichen geben? Das will ich nicht hinnehmen. Ich glaube, es gibt sie. Dazu gehört eine politische Führung, die grob fahrlässig handelt, dazu gehört fast die gesamte Bildungselite. Pastoren, Professoren, Intellektuelle waren die größten Kriegshetzer und es mutet eigenartig an, dass diese Aspekte im Gedenken eher eine untergeordnete Rolle spielen. Mich macht es wütend.

Neben Peter Sindlinger gehört zum Team auch der Musiker Klaus Hügl. Welchen Stellenwert hat die Musik?

Einen Großen. Die Musik transportiert Gefühle und Gedanken dieser Zeit viel unmittelbarer als ein historischer Text. Musik spielte im Aufbruch 1914 eine enorme Rolle, es wurde allerorten gesungen und musiziert. So wie die deutsche Nationalelf Helene Fischer in der Kabine hört, hat auch diese Zeit einen Soundtrack. Die Lieder wirken auf uns oft befremdlich und grotesk, aber so wirkt Helene Fischer in hundert Jahren wahrscheinlich auch. Vielleicht auch früher. Alles eine Frage der Zeit.

Info Premiere der Uraufführung von „Nicky und Willy oder wie Rainer Maria an die Front kam“ von Axel Krauße und Peter Sindlinger am Mittwoch um 20 Uhr. Weitere Termine am 2.,4.,20., 27.12., jeweils um 20 Uhr

Weltkrieg anders: „Nicky und Willy“ am Zimmertheater
Von links: Robert Arnold und Johannes Karl.

Weltkrieg anders: „Nicky und Willy“ am Zimmertheater
Axel Krauße

Ein Tsunami des Gedenkens schwappt über das Land, Zeitungen, Fernsehanstalten, Theater, Verlage und andere Medien überbieten sich in Berichten, Serien, Artikeln und Büchern. Kein Zweifel: 100 Jahre Erster Weltkrieg ist ein Thema, das die Öffentlichkeit erfasst hat. Das Zimmertheater geht nicht den Weg des ritualisierten Gedenkens. „Nicky und Willy“ (so redeten sich die Cousins Kaiser Wilhelm II. und Zar Nikolaus II. an, wenn sie einander schrieben) ist eine kleine Revue zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges, die den Fokus nicht auf das Elend im Schützengraben, sondern auf das Groteske und letztlich Lächerliche der euphorischen Zeit des Sommers 1914 richtet.

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

25.11.2014, 12:00 Uhr

Sie müssen angemeldet sein, um einen Leserbeitrag zu erstellen.
Anmelden
Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar zu verfassen.
Anmelden
 

 

 
Video-News: Aus Land und Welt
Heute meistgelesenNeueste Artikel
Wirtschaft im Profil
Wirtschaft im Profil

Die aktuelle Ausgabe unseres Business-Magazins Wirtschaft im Profil
Bildergalerien
Videos
Single des Tages
date-click
Video-News: Fußball