Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen
Jahrgang 2012: Die Trauben hingen hoch

Wengerter rangen einen Schadpilz nieder

Weintrinker, die sich für lokalen Rebensaft interessieren, müssten im August einen kollektiven Seufzer gehört haben. Da haben die Winzer im Kreis ihren Kampf gegen den Falschen Mehltau gewonnen.

11.09.2012

Kreis Tübingen. „Das ist kein schlechtes Weinjahr bis jetzt. Oder sogar ein gutes.“ Richard Müller, Sprecher der Weinbauern im Kreis, ist jetzt, kurz vor der Lese, optimistisch, was den Jahrgang 2012 angeht. Doch im Juni und Juli hatten die hiesigen Winzer zu kämpfen. Beim regnerischen Wetter gewann fast der Falsche Mehltau, eine der Haupt-Rebenkrankheiten, die Oberhand.

Ohne Spritzmittel greift der Pilz erst das Laub an und dann auch die Trauben. Die Weinblätter schnurren schwarz zusammen, von den Trauben bleiben nur ungenießbare Lederbeeren übrig. „Man musste da dieses Jahr auf dem Laufenden bleiben“, sagt Bernhard Wolf aus Breitenholz. Was gar nicht so einfach war, meint Müller. Mit dem Schlepper ließ sich wegen des Regens nicht in die aufgeweichten Rebgassen fahren, zu Fuß mit der Spritze musste man aufpassen, dass man nicht den Steilhang runterrutscht.

Der Kampf gegen den Pilz eint konventionelle Weinbauern und Öko-Winzer. „2012 hat der Bio-Anbau die Feuertaufe bestanden“, sagt der Kusterdinger Thomas Ellinger, der in Hirschau seine Weinberge hat. Seit 1992 sei der Befallsdruck nicht mehr so hoch gewesen. Ein Mittel gegen die Infektion ist, von Anfang an auf pilztolerante Sorten zu setzen. „Die haben den Vorteil, dass Sie mal eine Behandlung auslassen können“, erklärt Müller.

Nur klingen die modernen Sorten wie Solaris oder Johanniter noch nicht so süffig wie Kerner und Sylvaner. Bei den Müllers kommen die modernen Reben deshalb in ein Cüvee mit einem Phantasienamen. Das laufe dann ganz gut und „wer einen Schwarzriesling haben will, bekommt auch weiter einen Schwarzriesling.“

Zwei weitere gemeinsame Feinde – echte Fressfeinde – haben alle Winzer: Dachs und Wildschwein. Dachse seien dabei Feinschmecker, sagt Müller. „Der findet im Weinberg die Sorte, die er am besten mag und räumt den Stock ab.“ Wildschweine fressen nicht nur an den Trauben, sie verschmutzen sie auch. „Die Jäger sollten in der Lage sein, die Sauen zu dezimieren“, fordert Müller. Bis dahin helfen nur mehrstufige Netze oder Elektrozäune. Die müssen recht tief liegen, hat Ellinger schon rausgefunden. „Die Wildschweine schicken nämlich zum Auskundschaften immer erst ihre Jungen vor.“ Bekommen die einen Schlag, zieht die Rotte wieder ab.

Die „sehr schönen Trauben“ (Bernhard Wolf) dürfen meist noch eine Weile am Stock hängen. 2012 sind die Trauben nicht ganz so früh reif wie letztes Jahr. Der Austrieb war später, die Befruchtung im relativ kühlen Juni zog sich über drei Wochen. Die Trauben sind deshalb auch etwas uneinheitlich. Von Beere zu Beere gebe es in der gleichen Traube Unterschiede von 20 Grad Oechsle. „Man muss mehrmals durch. Ein irrer Aufwand“, findet Ellinger. Das Weintrinken sei ja eine schöne Angelegenheit. „Aber der Weg dahin ist nicht lustig.“ Immerhin: Hagelschaden blieb den Weinbauern dieses Jahr erspart.

Auch jetzt ist die Qualität noch nicht ganz sicher. Im Öko-Weinberg von Sabine Koch in Unterjesingen werden die Trauben deshalb noch mit Talkum bepudert. Das hilft etwas gegen die jetzt noch dräuenden Pilzkrankheiten „und dann hofft man halt, dass nichts mehr fault“.

Eine eigentümliche Sorge treibt die Winzer auch beim Weißwein um. Der darf nämlich nicht zu viel Säure verlieren, damit er noch lebhaft schmeckt. 2011 hatten manche Beeren bei der Ernte schon zu wenig von dem Stoff, der den Gaumen anregt.

Ideal wäre es deshalb, wenn es die nächsten Wochen trocken bliebe. „Die Nebel sollten sich möglichst nicht in die Traubenregion reinsetzen“, wünscht sich Müller. Kühle Nächte hätte er trotzdem gern. Das bremst den Säureabbau in den Trauben. „Die Oechsle haben wir“, sagt Müller. „Was wir noch brauchen, sind ausreichend Säure und gesunde Trauben.“

Wengerter rangen einen Schadpilz nieder
Sabine Koch legt in ihrem Öko-Weinberg in Unterjesingen Hand an die Trauben.

Auf mehr als 30 Hektar sind im Kreis Reben gepflanzt. Runde 250 Winzer vom kleinen Hobby-Oenologen bis zum Erwerbsbetrieb bewirtschaften die Fläche. Die ist im Verhältnis zwei zu eins mit roten und weißen Reben bestockt. Vor 10, 15 Jahren hatten die einzelnen Wengerter meist so um die fünf Ar Weinberge, inzwischen liegt der Schnitt eher bei zehn.

Zugelassen wäre beim Ertrag pro Ar 110 Liter, in ausgewiesenen Steillagen auch 140 Liter. Der Qualität wegen beschränken die Weinbauern die Menge aber auf 70 bis 80 Liter. Die Lese hat mit sehr frühen Sorten schon begonnen und wird sich bis in den Oktober ziehen.

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

11.09.2012, 12:00 Uhr

Sie müssen angemeldet sein, um einen Leserbeitrag zu erstellen.
Anmelden
Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar zu verfassen.
Anmelden
 

 

 
Video-News: Aus Land und Welt
Heute meistgelesenNeueste Artikel
Wirtschaft im Profil
Wirtschaft im Profil

Die aktuelle Ausgabe unseres Business-Magazins Wirtschaft im Profil
Bildergalerien
Videos
Single des Tages
date-click
Video-News: Fußball