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Weniger Show wagen

Leitartikel glaubt an das Kino als sozialen Raum

Die Erwartungen sind immens, die Latte liegt hoch. 19 Jahre hatte Dieter Kosslick als Alleinunterhalter, mit begnadetem Showtalent, aber immer wieder kritisiert, was sein cineastisches Profil angeht, Deutschlands größtes und wichtigstes Filmfestival geleitet.

20.02.2020

Von Christina Tilmann

Nun startet mit dem Italiener Carlo Chatrian und der Niederländerin Mariette Rissenbeek ein neues Team. Vieles wird anders – doch wird es auch besser?

Weniger lustig und glamourös wird es, so viel ist sicher. In den ersten Auftritten gab sich das neue Team ernsthaft, filmaffin, aber mit deutlich geringeren Unterhaltungswerten. Auch die Filme im Wettbewerb und der neu geschaffenen Kunstfilm-Schiene „Encounters“ sind eher hohe Filmkunst als Glamour, die Themen düster: Es sei ein Festival der „eher dunklen Farben“, hatte Chatrian auf der Pressekonferenz erklärt. Auch das Staraufkommen auf dem Roten Teppich ist zwar nicht schlecht, aber längst nicht so beeindruckend wie zu Kosslicks besten Zeiten. Und ob der ja mit einigem komischen Talent gesegnete Theater-Mime Samuel Finzi tatsächlich Anke Engelke ersetzen kann bei der Moderation der Eröffnungsgala – man wird sehen.

Die Antwort auf das Kino der Zukunft oder der Zukunft des Kinos bleibt die 70. Berlinale, die zudem gerade von der NS-Vergangenheit ihres ersten Festivalleiters Alfred Bauer eingeholt wird, schuldig. Zwar haben Serien inzwischen ihren festen Platz im Festivalprogramm, aber Streaming-Dienste wie Netflix sind im diesjährigen Wettbewerb nicht vertreten. Auch technischen Innovationen wie Virtual Reality oder Augmented Reality, also Filmen, bei denen die Betrachter per Digitaltechnik ins Geschehen eintauchen, erteilten die Programmmacher eine Absage – sie hätten nichts gefunden, das sie ästhetisch überzeugt. Schade eigentlich.

Eins aber ist deutlich, und das hat mehr mit Berlin zu tun als mit dem neuen Leitungsduo: Der Hunger auf Kino ist ungebrochen. Die Schlangen, die am Potsdamer Platz und andernorts um Karten anstehen, sind länger denn je. Mit dem Cubix am Alexanderplatz ist eine Location hinzugekommen, die den Festivalplaneten Potsdamer Platz in Richtung Stadtgesellschaft öffnet. Auch die „Berlinale goes Kiez“-Reihe geht weiter und erweitert das Festival ins Umland.

„Wir glauben an die große Leinwand“, hatten Chatrian und Rissenbeek erklärt, und diesen Glauben teilen sie mit den Zuschauern: viele Filme der ersten Tage sind ausverkauft, die Veranstalter optimistisch, dass die Zuschauerzahlen trotz geringerem Filmangebots – 340 statt 400 – nicht wesentlich sinken werden. Vielleicht ist das die große Botschaft des Festivals, auch unter neuer Leitung: Kino als sozialer Ort ist lebendig wie eh und je. Der Zauber eines Filmerlebnisses in vollbesetztem Festivalsaal durch kein Streaming-Erlebnis zu ersetzen. Kein Wunder, dass selbst die Eröffnungszeremonie, die nicht in Berlin Ansässige bislang am Livestream oder im Fernsehen bei 3sat verfolgen konnten, in diesem Jahr auch in Kinos übertragen wird, in Hamburg, München, Essen und Halle.

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Erstellt:
20. Februar 2020, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
20. Februar 2020, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 20. Februar 2020, 06:00 Uhr

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