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Wolfgang Schneider erlebte den Bombenabwurf auf das Uhlandhaus als Vierjähriger in einem Gewölbekeller

Wenn Angst wie ein Stromschlag schmeckt

Wenn Wolfgang Schneider an den Fliegerangriff vom 15. März 1944 denkt, schmeckt er wieder die Angst auf der Zunge. Damals lag er 250 Meter vom Uhlandhaus entfernt in einem Gewölbekeller.

20.07.2012

Tübingen. Als das TAGBLATT Mitte März den Film vom zerstörten Uhlandhaus vorstellte („Das Döschen mit der Kriegsruine“), den Richard Nill gedreht hatte, stiegen in Wolfgang Schneider die Erinnerungen an jene Nacht vom 15. auf den 16. März 1944 wieder hoch. Sirenengeheul und Fliegerangriffe hatte er bis dahin oft erlebt. „Da ist mal das Licht ausgegangen, das war normal“, sagt der 72-jährige frühere Mechanikermeister lässig.

Wenn Angst wie ein Stromschlag schmeckt
Eine bislang unbekannte Perspektive. Das Bild stellte Wolfgang Schneider den Zeitzeugnissen zur Verfügung. Sein damals 17-jähriger Vetter Heinrich Kost hat die Neckargasse samt Café Pomona (heute Neckartor-Apotheke) kurz nach der Zerstörung am 15. März 1944 fotografiert – trotz eines Verbots. Durch die Wucht der Bombe wurde auch das Dach der Stiftskirche abgedeckt.

Doch jener Abend und die folgende Nacht haben sich ihm tief ins Bewusstsein gebrannt.
Neue Straße 15, oben im 4. Stock, rund 250 Meter vom Uhlandhaus entfernt. Dort wohnte Wolfgang Schneider mit seinen drei Geschwistern und den Eltern.

Als an jenem Mittwochabend die Sirenen losgingen, zog sich der damals knapp Vierjährige sofort an. Die Kleidung hatte der Junge vor dem Schlafengehen so über den Stuhl gelegt, dass er sie im Dunkeln gleich fand. Das war üblich, das lernten im Krieg alle Kinder. Je schneller sie angezogen waren, desto eher waren sie im Keller.


Den schlaftrunkenen, zweieinhalbjährigen Bruder packte die Mutter und trug ihn nach unten. Von draußen hörte Schneider noch die Rufe „Licht aus!“ An den Fensterläden war Verdunklungspapier angebracht, damit ja kein Lichtschein nach außen drang und den Feind aufmerksam machen konnte. Unten im Gewölbekeller saßen bereits einige Hausbewohner, auch Nachbarn hatten sich eingefunden.

Etwa 20 Personen drängelten sich in dem kleinen Raum. In den Wochen zuvor waren die Schneiders zwar auch mal im Bunker. Doch der war beim heutigen Parkhaus König. Zu weit weg. Außerdem kamen sie dort „in die Gemeinschaft“ gar nicht rein: Jeder hatte seinen Platz, auf den er im Alarmfall Anspruch erhob. Meistens jedoch gab es Entwarnung, bevor die Familie den Bunker erreicht hatte.


Wenn Angst wie ein Stromschlag schmeckt
Wolfgang Schneider

Jetzt lagen sie also im Gewölbekeller, zwei Stockwerke unter der Erde. An den Wänden standen einfache Holzpritschen. Modrig, feucht, kalt war’s, der Strohsack muffig. Eine alte Frau klapperte mit den Zähnen – vor Angst. Plötzlich tat’s „einen Mordsschlag“.

Die dicke Eichentür am Kellereingang schlug mit einem gewaltigen Rums zu, eine große Staubwolke quoll herein, das Licht ging schlagartig aus, alle schrien wild durcheinander.
Was da ablief, war dem Buben nicht vollends bewusst, nur, dass es „auf Leben und Tod ging“. Ihn ergriff ein Angstgefühl, das er auf der Zunge schmeckte: Die dumpfig-stickig-feuchte Luft vermischte sich da mit einem elektrischen Impuls, „als wenn man einen Stromschlag kriegt“, sagt er. Synästhesie nennt es der Fachmann, wenn das Gehirn ungewöhnliche Sinneseindrücke verknüpft. Manche sehen farbige Zahlen, Schneider schmeckt die Angst – bis heute ist das so.


Mitgebrachte Taschenlampen spendeten den Menschen im Keller etwas Licht. Von beiden Seiten drangen kurz nach dem Bombenabwurf die Nachbarn herein. Denn die Häuser waren unterirdisch verbunden, getrennt nur durch eine dünne Wand aus Trockenmörtel. Die Pickel lagen davor. Eine „Mordshektik“ brach aus. Alle dachten, eine Bombe hätte das eigene Haus getroffen. Niemand traute sich nach oben.

Erst viel später sah Schneider, dass zwar das eigene Haus noch stand, aber sämtliche Fensterscheiben zu Bruch gegangen waren – obwohl die Fenster vor dem Alarm geöffnet wurden. Doch „der Luftdruck war so wahnsinnig“, überall waren die Scheiben kaputt.
Gesprochen wurde über jene Nacht nie. Die Erwachsenen taten’s nicht, die Kinder konnten’s nicht. So blieb jeder mit seiner Angst allein – bis in die Gegenwart. Schneider: „Wenn ich heut’ die Sirenen hör‘, friert’s mich. Das ist schon schauerlich gewesen.“

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20.07.2012, 12:00 Uhr

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