Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen
Immobilien

Wenn Eigentum ein Traum bleibt

Die Preise für Häuser und Wohnungen steigen und steigen. Experten warnen: Menschen mit niedrigem und mittlerem Einkommen können sich keine eigenen vier Wände mehr leisten.

01.04.2017
  • MARTIN HOFMANN

Stuttgart. Der Traum vom Eigenheim ist ungebrochen. Fast jeder 18- bis 39-Jährige wünscht sich eigene vier Wände, belegt eine aktuelle Umfrage der Interhyp, einem großen Baufinanzierer. Nach Gesundheit gehört das eigene Zuhause zu den wichtigsten Dingen im Leben, gefolgt von einer guten Absicherung im Alter.

Doch kann sich diese Altersgruppe ihren Wunsch erfüllen? Kredit-Anfragen bei einer Bank wirken vor allem in Ballungsräumen wie eine kalte Dusche. Die Richtwerte: Ein Drittel des Kaufpreises sollte der Interessent selbst aufbringen. Um selbst bei niedrigen Kreditzinsen den Rest finanzieren und noch leben zu können, muss ein Alleinstehender 2500 bis 3000 Euro netto im Monat verdienen. Doppelt so viel sollten zwei Erwachsene mit einem Kind zur Verfügung haben.

Ein Blick in die Einkommenstatistik im Südwesten zeigt: 60 Prozent liegen unter dem Durchschnittswert von netto 3525 Euro. Jeder fünfte Haushalt verfügt über monatlich 1000 bis 2000 Euro, 21 Prozent können 2000 bis 3000 Euro ausgeben. Von 1998 bis zur letzten Erhebung 2013 sind die Einkommen zwar um 21 Prozent geklettert, die Preissteigerung von knapp 27 Prozent hat das Zubrot aber mehr als aufgevespert.

Ganz anders entwickelt sich der Immobilienmarkt. In allen neun Großstädten Baden-Württembergs schnellten die Kaufpreise für neu errichtete Wohnungen allein in den vergangenen fünf Jahren im Schnitt um 40,8 Prozent in die Höhe. Der Preis für bestehende Wohnungen kletterte um 38,4 Prozent. In Mannheim, Freiburg und Stuttgart zahlten Käufer für Neu- und Bestandswohnungen sogar um 50 Prozent mehr. Es geht um Gebäude in guter Lage, ausgestattet mit modernem Bad, Isolierverglasung, Balkon, Zentralheizung. Die Mietpreise solcher Objekte haben im Vergleich prozentual nur halb so rasch angezogen, wie das Institut des Immiobilienverbands in seinem jüngsten Preisspiegel vom Februar 2017 aufzeigt.

Das gemeinnützige Pestel-Institut warnt aufgrund dieser Fakten in einem Gutachten davor, dass die Chance der 29- bis 45-Jährigen massiv schwindet, Wohneigentum zu erwerben. Vor allem die Menschen mit niedrigem und mittlerem Einkommen gingen leer aus, wenn sie nicht im sechsstelligen Bereich erben. In den kommenden Jahrzehnten nehme dann nicht nur die Altersarmut zu. Die Kluft zwischen ärmeren und wohlhabenderen Bevölkerungsschichten gehe noch stärker auseinander.

Deutschland rangiert bei der Eigentumsquote – Anteil der Haushalte, die in eigenen vier Wänden leben – in Europa auf dem drittletzten Platz, vor Schweden und der Schweiz. Baden-Württemberg liegt im Ranking etwas besser, aber weit weg von einem Spitzenplatz. Ein zentraler Grund: Die Politik hat vor mehr als 20 Jahren die steuerliche Förderung eingestellt. Begründung: zu teuer. Heute wendet die Bundesrepublik pro Jahr noch 500 Millionen Euro an Fördermitteln auf, die Niederlande und Großbritannien hingegen 15 bis 16 Milliarden. Im sozialen Wohnungsbau wurden in den 1950ern 125 000 Eigentumsmaßnahmen pro Jahr gefördert. 2015 waren es noch 5200.

Dass frühere Ostblockstaaten wie Rumänien die Rangliste anführen, lässt sich erklären. Nach dem Umsturz haben die Staaten dort Wohnungen mit sehr niedrigem Standard preiswert an die Mieter veräußert. Auch in Großbritannien weisen die Eigenheime meist niedrigere Wohnqualität auf. In Deutschland sind hingegen die Ansprüche gestiegen. Matthias Günther, Mitverfasser der Pestel-Studie: „Allein der Wohnraum pro Person ist in 30 Jahren von 37 auf 47 Quadratmeter gewachsen.“ Würde dieses Prestigedenken ein Stück reduziert, könnten breitere Schichten der Bevölkerung Eigentum erwerben.

Zahlreiche Erschwernisse behindern, dass gerade die 25- bis 45-Jährigen Eigentum bilden können. Die Grunderwerbssteuer nagt am erforderlichen Eigenkapital. Baden-Württemberg hat sie auf sechs Prozent erhöht, weil dies Zahlungen in den Länderfinanzausgleich reduziert. „Diese Fehlkonstruktion muss abgeschafft werden“, fordert der Immobilienverband Deutschland (IVD). Durch längere Ausbildungszeiten reduziert sich die Zeitspanne, Kredite zurückzuzahlen. Befristete Arbeitsverträge, Leih- und Zeitarbeit mindern die Bonität. Neue Jobs finden sich vornehmlich in den Ballungszentren. Hohe Mieten belasten aber die Möglichkeit, Geld anzusparen. Erben werden häufig erst mit einer Immobilie bedacht, wenn sie ihre Überlegungen, Eigentum zu bilden, abgeschlossen haben.

Die schwersten Hürden, an einen Kredit zu kommen, will die schwarze-rote Regierungskoalition jetzt abbauen. Ob die Vorgabe bleibt, Darlehen für Wohneigentum bis zum Ende der Berufstätigkeit zurückzahlen zu müssen, ist noch nicht klar.

Das Pestel-Institut empfiehlt: Wenn die Politik Beziehern unterer und mittlerer Einkommen zu Wohneigentum verhelfen will, müsste sie ihnen den Abschluss langfristiger Darlehen ermöglichen, etwa über die Kreditanstalt für Wiederaufbau. „Selbst im Fall längerer Erwerbslosigkeit kann es dem Jobcenter egal sein, ob es einen Kredit bedient oder Miete bezahlt.“ In größeren Städten könne dieses Modell funktionieren, sagt Ökonom Günther. „Wir haben das durchgerechnet.“ Und er gibt zu bedenken: Nach Berechnungen wird bis 2030 ein Drittel der Ruheständler Grundsicherung beanspruchen. Wer hingegen mietfrei wohnt, kommt auch mit kleinerer Rente aus.

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

01.04.2017, 06:00 Uhr

Sie müssen angemeldet sein, um einen Leserbeitrag zu erstellen.
Anmelden
Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar zu verfassen.
Anmelden
 

 

 
Video-News: Aus Land und Welt
Heute meistgelesenNeueste Artikel
Wirtschaft im Profil
Wirtschaft im Profil

Die aktuelle Ausgabe unseres Business-Magazins Wirtschaft im Profil
Bildergalerien
Videos
Single des Tages
date-click
Video-News: Fußball