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Kommentar

Wenn Friedhöfe mit Leben gefüllt werden

Mitten im Leben sind wir vom Tod umfangen. Keine Bange, das wird jetzt nicht das vorgezogene Wort zum (Toten-)Sonntag, höchstens zu Allerheiligen und Allerseelen. Denn umgekehrt könnte man ja auch behaupten: Inmitten des Totengedächtnisses umgibt uns das Lebendige. Vor den Friedhofsmauern, diesseits von stiller Trauer und stummem Trostsuchen, pulst das Leben heftig und unvermindert weiter, mitunter heiter und gelassen.

31.10.2014
  • Wilhelm Triebold

Das haben inzwischen sogar die Hüter der Friedhöfe erkannt. Natürlich soll zwischen allen Grabreihen Pietät vorherrschen. Doch solche Töne sind nun auch zu vernehmen: „Wenn Friedhöfe mit Leben gefüllt werden, kann der Tod besser in unsere Gesellschaft integriert werden.“ Das sagt Bernd Walter, der Leiter des Tübinger Friedhofwesens, zuständig für alle letzten Ruhestätten innerhalb des Stadtgebiets, es sind dreizehn an der Zahl.

Seit längerem schon plädiert Walter für eine sachte Neubesinnung in Sachen Friedhofskultur. Für ihn sind Gottesäcker nicht aus der Welt, sondern integraler Bestandteil des gesellschaftlichen Miteinanders. Auch ist Walter kein Freund aufgeräumter amerikanischer Cemetery-Zwängelei mit stoppelschnittrasierter Rasenfläche und darauf Grabsteinen, die strammstehen in Reih und Glied.

Der oberste Friedhofswärter schwärmt vielmehr davon, wie sich (aus)gewachsene Friedhöfe „zukunftsfähig“ gestalten lassen. Dazu hat die Verwaltung ein Papier verfasst, das vor allem die größte Friedhofsanlage auf dem Galgenberg gebührend preist. Von der „Park- und Erholungsfunktion“ ist die Rede, von „Alleinstellungsmerkmalen“ wie Wildbienenhotels, Sichtfensterrahmen oder Irishfolk-Konzerten – überhaupt vom Friedhof als „öffentlichem Ort“. Er muss dem Konkurrenzdruck neumodischer Friedwälder und des Ruheforstes standhalten. Und darf dabei „nicht zur ,seelenlosen Deponie’ verkommen, wo nur noch die ,Entsorgung’ im Mittelpunkt“ stehen würde. Das ist zwar kaum zu befürchten, selbst bei herkömmlicher Friedhofhaltung nicht.

Trotzdem: Glückwunsch zum innovativen Tübinger Vitalisierungs-Konzept, das dem Bergfriedhof, wie gestern berichtet, Rang drei bei einem Bestatter-Ranking einbrachte. Dies erfüllt Bernd Walter, den Herrn der Friedhöfe, mit ehrlichem Stolz. Die „Aufenthaltsqualität“, begeistert er sich, sei inzwischen merklich verbessert worden. Friedhöfe müssten aber noch „mehr angenommen“, müssten Treffpunkt werden. Ein Café könnte am Bergfriedhof folgen, fünf bis zehn Veranstaltungen sind in der Regel machbar.

Bei allem Elan, bei allem Enthusiasmus: Der Friedhof sollte zuerst ein Ort des Innehaltens, der Besinnung bleiben. Zu viel Trubel, touristisches Sightseeing gar, verträgt er weniger. Weder der historische Stadtfriedhof noch der zukunftsträchtige Bergfriedhof eignen sich zum schwäbischen Père Lachaise. Ansonsten gilt, neben der Friedhofsordnung, die Totenruhe.

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31.10.2014, 12:00 Uhr

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