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Bücher

Wenn Genosse Lenin mit Elena Ferrante radelt

Was bieten die Verlage in diesem Frühjahr? 100 Jahre Oktoberrevolution, 200 Jahre Fahrrad und aktuelle Literatur auf vielen Seiten.

28.01.2017
  • JÜRGEN KANOLD

Ulm. Sattelfest zeigen sich die Verlage in diesem Frühjahr: Am 12. Juni 1817 brach Karl von Drais in Mannheim mit seinem Laufrad auf. 200 Jahre später feiert auch die Bücherwelt bewegt dieses Jubiläum, viele Autoren radeln mit, schreiben Kulturgeschichten, Sachbücher, Romane über das Fahrrad. Luther und die Reformation sind, drucktechnisch, im vergangenen Herbst fast schon erschöpfend abgehandelt worden. Wir freuen uns aber noch auf Feridun Zaimoglus teutschen Luther-Roman „Evangelio“ (Kiepenheuer & Witsch).

Zahlen, also Geburts-, Todes- und Jahrestage, sind jedenfalls immer ein großes Thema für die Wortindustrie, wie jetzt wieder der Blick in die Frühjahrsprogramme zeigt. Ob auch Lenin radelte? Egal, das andere große Jubiläum auf dem Buchmarkt heißt „100 Jahre Russische Revolution“. Lenin kehrte mit der Eisenbahn im April 1917 aus dem schweizerischen Exil in die Heimat zurück, da war Zar Nikolaus II. schon gestürzt – und dann folgte die Oktoberrevolution. Eines der großen Ereignisse der jüngeren Geschichte. Biografien, Zeitpanoramen, Abhandlungen über die Sowjetunion, Herzschmerz: alles im Angebot, natürlich auch „Lenins Zug“, die Historikerin Catherine Merridale schreibt über die Reise des Revolutionärs im plombierten Waggon (S. Fischer).

Nicht zu vergessen die österreichische Geschichts-Folklore: Kaiserin Maria Theresia, deren 300. Geburtstag am 13. Mai ansteht. Eine große neue Biografie über die „Weiberherrschaft“ im 18. Jahrhundert legt zum Beispiel Barbara Stollberg-Rillinger vor (C. H. Beck).

Und die Literaten? Anlässlich des 200. Todestags von Jane Austen am 18. Juli werden diverse Romane neu übersetzt. Ganz zu schweigen von Martin Walsers 90. Geburtstag am 24. März: „Ewig aktuell“ heißt natürlich eine Sammlung seiner Reden und Aufsätze, die Rowohlt „aus gegebenem Anlass“ veröffentlicht.

Es kommt ziemlich dick

Jubiläen – und auch mit großen Namen werben die Verlage. Aber wie läuft das bei unbekannten Autoren? „Für Leser von Joachim Meyerhoff, Andreas Altmann und Benedict Wells“ kündigt Tropen Arno Franks Roman über einen väterlichen Hochstapler an: „So, und jetzt kommst du“. „So englisch wie Jane Gardam, so intensiv wie Elena Ferrante“, preist Piper seinen Spitzentitel, Claire Fullers Roman „Eine englische Ehe“. Aber die wirklichen Leser von Elena Ferrante beliefert Suhrkamp.

Mehr als 350 000 Exemplare hat der Verlag von „Meine geniale Freundin“, Band eins der neapolitanischen Saga, abgesetzt. Jetzt ist Teil zwei des Weltbestsellers auf Deutsch erschienen: „Die Geschichte eines neuen Namens“. Europäische italienische Geschichte, weit ausschweifend, weiblich erzählt. Ob Ferrantes Pseudonym nun enttarnt sein mag, ob die deutschen Kritiker die Romane feiern oder unter Kitschverdacht stellen, die begeisterte Lesergemeinde wächst. Und Suhrkamp verkauft in Fortsetzung: Teil drei, „Die Geschichte der getrennten Wege“, kommt im Mai heraus, das Finale, „Die Geschichte des verlorenen Kindes“, im Oktober. Das macht dann zusammen rund 2000 Seiten.

Vom „Knausgård-Effekt“ hat ein Kritiker gesprochen, als er den Lese-Sog der Ferrante-Bücher beschrieb. Den norwegischen Autor kann man aber auch direkt als Knausgård haben, den sechsten, letzten Teil des radikal autobiografischen Projekts bringt Luchterhand im Mai in den Handel: „Kämpfen“, ca. 1200 Seiten stark. Ja, es kommt ganz dicke in diesem Frühjahr.

Der hochgelobte Liebesroman der US-Amerikanerin Hanya Yanaghihara „Ein wenig Leben“: 960 Seiten (Hanser Berlin). Der Spitzentitel von S. Fischer streckt sich auf 686 Seiten: Zsuzsa Bánk („Der Schwimmer“) hat endlich wieder einen Roman geschrieben – „Schlafen werden wir später“. Die Geschichte handelt von der Freundschaft zweier Frauen, der Lehrerin Johanna, die allein in einem Dorf im Schwarzwald wohnt, und der Künstlerin Márta, die mit ihrer Familie in einer Großstadt lebt. Auch Johanna und Márta kämpfen: „um ihre tägliche Selbstbehauptung, um ihre Freiheit, ihren Lebensmut, ihr Glück“.

Paul Auster bringt's sogar auf fast 1300 Seiten in seinem neuen Roman „4321“. „So viel Auster war noch nie“, kündigt Rowohlt „das literarische Ereignis des Jahres“ an. Nächste Woche, am 3. Februar, feiert der US-Amerikaner seinen 70. Geburtstag, drei Tage davor, am Dienstag, ist der Erstverkaufstag seines Opus magnum in Deutschland, an dem gleich vier Übersetzer arbeiteten. Was nicht wundert, weil Auster mit „4321“ eigentlich vier Bücher geschrieben hat, aber sie in einem Buch parallel erzählt. Es ist die sehr amerikanische Biografie eines Archibald Ferguson, der zufällig – und bei Auster ist natürlich nichts zufällig – wie der Autor 1947 in New Jersey geboren wurde.

Da lobt man sich doch auch mal überschaubare 272 Seiten, auf denen Jostein Gaarder seinen Roman „Ein treuer Freund“ erzählt (Hanser). Aber wem gebührt der Preis für den originellsten Buchtitel? Vielleicht dem Milena Verlag aus Wien für den neuen Roman von Peter Waldeck: „Die 67 enttäuschendsten Sexfilme aller Zeiten“. Nur 220 Seiten und auch kein Jubiläum.

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28.01.2017, 06:00 Uhr

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