Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen
Kommentar

Wenn Höllenengel Hochzeit halten

Sie sehen sich gerne als harmlose, freiheitsliebende Motorradfahrer und rühmen sich eines Lebensbunds, in dem konservative Werte wie Ehre, Zuverlässigkeit und Treue noch eine Rolle spielen. Den Hells Angels haftet deshalb ein Mythos an. Die Zutaten: Macho-Manieren, Muskeln und Motorräder. Aus Sicht der deutschen Strafverfolger ist dieses Bild aber erheblich geschönt.

15.06.2012
  • Matthias Stelzer

Sie bescheinigen der Rockerszene kriminelle Strukturen. Menschenhandel, Drogen- und Anabolika-Handel, Geldwäsche, Waffenverstöße, Gewaltverbrechen – das baden-württembergische Innenministerium vergleicht die Arbeitsweise der Rockerbanden im Land mit jener der Mafia. Jedes zehnte Ermittlungsverfahren gegen die organisierte Kriminalität führe zu einschlägigen Motorradclubs.

Ingo Dura, Präsident der Reutlinger Hells-Angels-Niederlassung, will von solchen Vorwürfen nichts wissen. Der 48-Jährige, der am morgigen Samstag (14 Uhr) in der Reutlinger Marienkirche ganz groß Hochzeit feiert, fühlt sich, wie er im TAGBLATT-Interview beklagt, von Staat und Polizei gegängelt. Er selbst sei beispielsweise nur wegen Körperverletzungen vorbestraft. Delikte, die Dura vor seinem Gewissen offensichtlich verantworten kann: „Wir haben eben klare Regeln. Meine Frau betatscht niemand ungestraft.“

So viel Körperselbstbewusstsein kann Polizei und städtisches Ordnungsamt am Samstag nicht kalt lassen. In beiden Amtsstuben hat man sich auf die Teilnahme mehrerer hundert Rocker an der Hochzeit vorbereitet. Nur reden will man darüber nicht, um der Veranstaltung gleich vorbeugend den Nimbus einer „Fürstenhochzeit“ zu nehmen. „Wir werden Auflagen erlassen, die dafür sorgen, dass die Funktionen der Innenstadt nicht gestört werden“, sagt Reutlingens städtischer Pressesprecher Wolfgang Löffler. Eine Vorgabe, die für die Höllenengel kein riesiges Problem sein sollte, steht doch nach der Trauung ohnehin eine öffentlichkeitswirksame Fahrt zum Festort an.

Wo genau gefeiert wird, hält der Hells-Angels-Chef noch geheim. Und auch über die prominenten Gäste, die auftauchen sollen, schwieg er beim Interview-Termin. Dura, dessen Haus in Reutlingen einer Promi-Fotogalerie gleicht, will seine bekannten Freunde „in nichts reinreiten“.

Zu sehr stehen die Hells Angels derzeit als Kriminelle im öffentlichen Fokus. Politiker, Musiker und Filmleute können kein Interesse an der Veröffentlichung der Gästeliste haben. Viel öffentliches Interesse löst die Hochzeit aber auch so aus. Zur Trauung in die Marienkirche wollen etliche Fernsehteams kommen. Zumal der mächtige Hannoveraner Angels-Boss Frank Hanebuth Trauzeuge in Reutlingen ist.

Es ist der Reiz des Geheimnisvollen, des Schillernden und des Gefährlichen, der die Angels-Hochzeit interessant macht. Und das ist okay, solange dabei nicht vergessen wird, dass zur Easy-Rider-Romantik auch ein hartes und gefährliches Milieu gehört. Der Reutlinger Rocker-Samstag ist ein Termin, den man nicht aus falsch verstandener politischer Korrektheit ignorieren darf. Er muss unaufgeregt und kritisch begleitet werden.

Das Interview mit Ingo Dura lesen Sie am Freitag in der gedruckten Ausgabe des SCHWÄBISCHEN TAGBLATTS.

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

15.06.2012, 12:00 Uhr

Sie müssen angemeldet sein, um einen Leserbeitrag zu erstellen.
Anmelden
Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar zu verfassen.
Anmelden
 

 

 
Video-News: Aus Land und Welt
Heute meistgelesenNeueste Artikel
Wirtschaft im Profil
Wirtschaft im Profil

Die aktuelle Ausgabe unseres Business-Magazins Wirtschaft im Profil
Bildergalerien
Videos
Single des Tages
date-click
Video-News: Fußball