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E-Textilien

Wenn der Kragen Alarm schlägt

Institute und Unternehmen in Baden-Württemberg entwickeln smarte Kleidungsstücke. Sie werden etwa in der Medizintechnik eingesetzt.

11.05.2019

Von Verena Köger

Ein am Kragen aufgesteckter Sensor registriert Bewegungen und Körperhaltung und meldet sich im Zweifelsfall. Foto: Beurer

Kleidung ist zum Anziehen da. Sie wärmt und kann schick aussehen. Doch das ist längst nicht alles. Leuchten, überwachen, kommunizieren – all das kann Bekleidung in der Zukunft, zum Teil auch jetzt schon. Elektrisch leitende und sensorische, also fühlende, Textilien machen es möglich. Sie können zum Beispiel Signale an das Smartphone weitergeben. Man nennt sie intelligente oder smarte Kleider.

Auch in Baden-Württemberg beschäftigen sich Forscher und Unternehmen damit, wie elektronische Kleidung das alltägliche Leben verbessern kann. Bei den deutschen Instituten für Textil- und Faserforschung (DITF) in Denkendorf im Landkreis Esslingen gibt es eine separate Abteilung für smarte Textilien. Zehn Mitarbeiter sind hier mit einem guten Dutzend Forschungsprojekten beschäftigt, erzählt Paul Hofmann, stellvertretender Leiter des Bereichs E-Textilien, Automatisierung und Schalltechnik.

Drei Start-ups arbeiten auf diesem Gebiet mit den Instituten zusammen. Stricker, Weber, Spinner und Chemiker sind ebenso am Werk. Das Institut bringt selbst keine Produkte auf den Markt, sondern übernimmt Forschung und Entwicklung für mittelständische Unternehmen oder Start-ups in Deutschland.

Als Beispiel für ein E-Textil, an dem gerade gearbeitet wird, führt Hofmann die Socke für Diabetiker an. Zuckerkrankheit kann zum Funktionsausfall der Nerven und damit eingeschränkter Empfindsamkeit führen. „Die Patienten merken selbst gar nicht, wenn sie Wunden bekommen“, sagt Hofmann. Die Socke besteht aus sensorischem Garn, das via Bluetooth an das Smartphone meldet, wenn an den Füßen des Diabetikers Druckstellen entstehen.

Es gibt drei Möglichkeiten, ein Textil smart zu machen. Erstens: Es ist Träger eines Sensors, der zum Beispiel aufgeklebt oder aufgesteckt wird. Zweitens: Ein Sensor oder auch eine Platine ist in die Textilstruktur eingearbeitet. Drittens: Das Textil selbst ist Sensor, indem zum Beispiel zwei hauchdünne Drähte um einen Faden gewickelt werden, die leiten können.

„Die größte Herausforderung bei den smarten Textilien ist der Übergang von der Hardware, wie Kabeln und Platinen, zu den weichen Stoffen“, sagt Hofmann. Eine Möglichkeit sei, die harten Teile mit Silikon und Kunststoff zu umspritzen. Dann seien diese auch besser vor Wasser oder mechanischer Belastung geschützt, zum Beispiel beim Waschen.

Mobilität, Energie, Architektur – in all diesen Bereichen spielen smarte Textilien verstärkt eine Rolle. Das größte Potenzial sieht Hofmann in der Industrie und Arbeitssicherheit, aber auch in der Gesundheit und Medizin. „E-Kleidung macht möglich, dass eine kranke Person nicht sofort als solche erkannt wird. Messgeräte sind äußerlich nicht zu sehen, sondern in die Kleidung integriert.“ Außerdem können Auffälligkeiten schneller entdeckt oder Krankheiten vorgebeugt werden. Hofmann weist aber auch auf ein Handicap hin: Die Zulassungsverfahren für medizinische Produkte dauern lange.

Paul Hofmann ist seit fünfeinhalb Jahren wissenschaftlicher Mitarbeiter am Deutschen Institut für Textil- und Faserforschung in Denkendorf. Außerdem ist er stellvertretender Leiter der Abteilung E-Textilien, Automatisierung und Schalltechnik. Der 32-Jährige hat Maschinenbau an der Universität Stuttgart studiert und sich dabei auf Medizintechnik spezialisiert. Momentan schreibt er seine Doktorarbeit im Bereich Faserverbund. Privatbild

Auch die Firma Beurer aus Ulm hat erkannt, dass smarte Textilien den Gesundheitszustand verbessern können – und zwar bei der Arbeit. Seit 2017 arbeitet das Familienunternehmen bei Produkten für Gesundheit und Wohlbefinden mit dem Start-up 8Sense aus Rosenheim zusammen.

Die Firmengründer Ralf Seeland und Christoph Tischner haben einen aufsteckbaren Rückensensor entwickelt, der die Körperhaltung und -bewegung erfassen kann. Analyse, Visualisierung und Handlungsempfehlung werden via App miteinander kombiniert. Bei zu langer eintöniger Sitzhaltung gibt der Sensor eine Vibration ab, die dazu auffordert, die Sitzposition zu verändern.

In der App kann man sich das eigene Sitz- und Alltagsverhalten anzeigen lassen. Außerdem gibt es ein Trainingsmodul mit Rückenübungen für den Alltag. „Unser Umsatz kommt in Zukunft nicht mehr nur aus den Produkten, sondern auch aus Services. Unsere Kunden fordern individuelle Lösungen“, sagt Beurer-Geschäftsführer Marco Bühler. Im August soll das Produkt voraussichtlich auf dem Markt erscheinen.

Noch ein Beispiel: Die Ulmer Gründer Constantin Diesch, Lukas Kühnbach und Kevin Liebholz vom Start-up Equil wollen ein T-Shirt auf den Markt bringen, das ebenfalls vor schlechter Körperhaltung und Schmerzen bei der Arbeit schützen soll. Es wird unter der Kleidung wie ein Unterhemd getragen. Eingenähte Sensoren überwachen die Position der Schultern, messen die Muskelspannung und melden dem Träger optisch, akustisch oder per Vibration, wenn die Muskulatur überlastet oder verkrampft ist.

Vom deutschen Gesamtverband der deutschen Textil- und Modeindustrie wurde Equil zum Start-up des Monats April ausgezeichnet. Außerdem haben die Jungunternehmer ein Gründerstipendium in Höhe von 135 000 EUR erhalten. Die drei sind momentan mit der Investorensuche und der Kooperationen mit anderen Unternehmen beschäftigt. Das T-Shirt soll voraussichtlich Ende 2020 auf den Markt kommen.

Ökologische Bedenken

Die Umweltorganisation Greenpeace blickt weniger optimistisch auf den Einsatz von E-Textilien in der Zukunft. Plastik und Elektronik in der Kleidung widersprechen dem Vorhaben, den Planeten sauber und giftfrei zu machen, betont Inga Ritter, Pressesprecherin von Greenpeace Stuttgart: „Bei jedem Waschgang wird Microplastik frei. Das muss verboten werden.“ Auch das Recyceln der Klamotten ist ein Problem. E-Textilien müssen als Sondermüll entsorgt werden. Für Ritter sind es Hilfsmittel, die die Bequemlichkeit und Egoismus der Menschen unterstützen. Bisher beschäftigt sich Greenpeace noch wenig mit diesem Thema, will die Neuerungen auf dem Gebiet aber im Blick behalten.

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Erstellt:
11. Mai 2019, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
11. Mai 2019, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 11. Mai 2019, 06:00 Uhr

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