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Körperkunst

Wenn die Lebensgeschichte ins Gesicht geschrieben steht

Der Reutlinger Tätowierer Volker Kloth hat sich auf Maori-Ta mokos spezialisiert. Die Motive erzählen die Geschichte des Trägers.

03.01.2017
  • Michael Frammelsberger

Als Volle, der bürgerlich Volker Kloth heißt, vor über 20 Jahren sein eigenes Tattoostudio eröffnete war ihm klar, das er etwas Besonderes suchte. „Mir war sehr wichtig, dass ein Tattoo etwas darstellt und nicht einfach ein Trend ist“, erzählt er. Er stieß auf die Kunst der Maori, der Ureinwohner Neuseelands. Es habe ihm gefallen, wie die Tätowierungen an den Körper angepasst seien und welche tiefe Bedeutung sie hätten, erzählt der Reutlinger. Seit 1999 war Volle elf Mal in Neuseeland und hat sich von Tohungas in die verschiedenen traditionellen Tätowierungstechniken einweisen lassen. Als Tohunga bezeichnen die Maori einen Sachverständigen, der es auf einen bestimmten Gebiet zu großer Erfahrung gebracht hat und deshalb sehr angesehen ist.

Es sei eine große Ehre, dass die Maori ihn in ihre Kultur eingeführt hätten, betont Volle. „Die haben sich natürlich gefragt: Können wir das verantworten, dass ein Weißer unsere Kunst lernt?“, erzählt er. Durch viele Gespräche habe er das Vertrauen der Maori gewinnen können, sagt der Tätowierer. Es sei vor allem wichtig, Respekt und Verständnis für ihre Kultur zu zeigen. „Als erstes habe ich die Frauen von mir überzeugt, da ich mich immer bei der Küche rumgetrieben habe“, sagt er und lacht. „Ein weißer Mann, der gerne isst, kommt bei ihnen gut an.“

Nachdem das Eis gebrochen war, lernte Volle die Symbolik hinter den Maori-Tätowierungen kennen. Die sogenannten Ta mokos spiegeln die Lebensgeschichte des Trägers auf der Haut wieder. Zum Beispiel gibt es Zeichen für die Herkunft, die Familie oder für Eigenschaften wie Treue, Stolz oder Fleiß. Fast alle Symbole stammen aus der Natur, sie zeigen entweder Pflanzen oder Tiere. Zum Beispiel symbolisiert der Koru, der noch eingerollte Farn, Wachstum. Den Tieren werden spezielle Eigenschaften zugeschrieben, der Stachelrochen gilt etwa als Begleiter und Beschützer.

In Neuseeland erlernte Volle auch das Tätowieren mit den traditionellen Werkzeugen. Diese bestehen aus Albatrosknochen, die Farbe wird praktisch in die Haut eingemeißelt. Die Spitze des Werkzeugs schnitzt der Künstler selbst aus den Knochen. In Reutlingen setzt Volle die Technik aber selten ein, hier nutzt er moderne Tätowiermaschinen. „Ich habe den Maori versprochen, dass ich aus der Technik kein großes Business mache“, erklärt er.

Wenn ein neuer Kunde in Volles Studio kommt, unterhält sich der Tätowierer erst einmal ausgiebig mit ihm über seine Lebensgeschichte. „Die Leute öffnen sich mir gegenüber,“ sagt der Künstler. Er erklärt den Kunden dann die passenden Symbole zu ihren Lebensereignissen und übersetzt ihre Geschichte in Muster. „Ich habe noch nie identische Tattoos gemacht, denn niemand hat einen identischen Hintergrund“, sagt Volle.

Während des Gesprächs mit Volle tätowiert er das rechte Bein von Kerstin Klug. Sie ist extra aus dem österreichischen Linz angereist. „Volle quetscht dich ’ne Stunde aus, um zu wissen wer du bist“, sagt sie. Das mache sonst keiner, daher lohne sich die weite Anfahrt. Da der Reutlinger Künstler als Koryphäe für die Maori-Tätowierungen gilt, kommen die Kunden aus einem Einzugsgebiet von Luxemburg bis Mailand. Manchmal tätowiere er auch andere Tätowierer, erzählt Volle. „Das ist dann praktisch ein Ritterschlag.“

Die offizielle Zustimmung der Maori für seine Arbeit trägt Volle im Gesicht. Seine eigene Tätowierung dort ist praktisch ein Gesellenbrief, sie enthält auch Symbole über seinen verstorbenen Vater. Einige seiner Kunden wurden bei Neuseelandreisen schon auf ihre Tattoos angesprochen. „Die kommen dann zurück und erzählen, dass die Maori die Symbole lesen konnten“, erzählt Volle stolz. Den Namen seines Studios „Kaha“ hat übrigens ein Maori-Freund ausgesucht, er bedeutet Kraft oder Stärke. „Ich habe ihm von meinem Geschäft erzählt und er meinte, ich könnte das sicher gebrauchen.“

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03.01.2017, 01:00 Uhr

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