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Wenn ein Radiergummi im Kopf vieles löscht
Die Mitglieder der Jugendgruppe des Theaterclubs haben für die szenische Lesung „Der den Verstand verlor“ berührende Texte über eigene Erfahrungen mit dementen Großeltern verfasst. Bild: Priotto
Theater

Wenn ein Radiergummi im Kopf vieles löscht

Die Jugendgruppe des Theaterclubs probt die szenische Lesung „Der den Verstand verlor“. Das Thema Demenz wird darin auf berührende Weise aufgegriffen. Die Aufführung ist am 6. Januar 2017.

11.11.2016
  • Cristina Priotto

Es ist ein schwieriges Thema, dessen sich die Jugendgruppe des Sulzer Theaterclubs angenommen hat. Ausgehend von der Fabel „Die Geschichte vom Fuchs, der den Verstand verlor“ von Martin Baltscheit beschäftigen sich die zehn Jungen und Mädchen sowie Rentner Franz Riester mit Demenz.

Unter der Regie von Ursula Weber nähert die Gruppe sich der Altersvergesslichkeit an, wobei in die szenische Lesung, die mit einer minimalen Ausstattung an Requisiten auskommt, immer wieder auch eigene Erfahrungsberichte der Jugendlichen eingeflochten sind, in denen die Nachwuchsschauspieler bedrückende Erlebnisse mit der Demenz der eigenen Großeltern schildern.

Bei einer Probe konnte die Presse sich am Donnerstagnachmittag ein Bild davon machen.

Nacheinander betreten die Darsteller, ganz in Schwarz gekleidet, die spärlich ausgeleuchtete Bühne in der Stadthalle. Das erste Bild ist von viel Bewegung und freudigen Gesichtern geprägt, denn zu diesem Zeitpunkt der Geschichte ist der Fuchs noch schnell, unternehmungslustig, sprichwörtlich schlau und genießt den Respekt der Jungfüchse.

Mit zunehmendem Alter geraten jedoch die Gedanken des Fuchses durcheinander. Das Chaos im Kopf versuchen die jungen Füchse durch Zettel mit Erinnerungssätzen zu ordnen, denn der alte Fuchs muss sich alles aufschreiben, um es nicht zu vergessen, auch Alltägliches wie Zähne putzen oder Herd ausschalten. Auf der Bühne wird dies sehr gelungen dargestellt, indem die Schauspieler den müden Fuchs mit Gedächtniszetteln zudecken.

Später findet der Rotpelz den Heimweg nicht mehr, vergisst das Jagen oder hat Mühe, Kleidungsstücke richtig anzuziehen.

Schließlich weiß der Fuchs nicht einmal mehr, dass er ein Fuchs ist und führt eine Unterhaltung mit seinem eigenen Spiegelbild – weil er sich selbst nicht mehr erkennt. Dies stellen zwei Jugendliche anschaulich mit Hilfe eines Spiegels auf der Bühne dar.

Da die Fabel an sich für eine Theateraufführung zu kurz wäre, verfassten die Jugendlichen Texte über eigene Erfahrungen mit Großeltern, die an Demenz leiden. „Sie vergisst Teile, es ist nicht alles auf einen Schlag weg“, beschreibt ein 13-Jähriger die langsame Veränderung der Oma, die irgendwann dasselbe mehrmals hintereinander erzählt. „Das Bedrückendste dabei ist, dass man es sich nicht anmerken lassen sollte“, lernt der Junge für sich daraus. Ein Mädchen schüttelt zunächst den Kopf über das Demütigende, wenn alte Menschen mit Demenz wieder wie kleine Kinder werden und bei allem auf Hilfe angewiesen sind. Später stellt sie fest: „Fühlen können die Menschen ja“.

Ein anderer Akteur erinnert sich an den Opa, der einst als toller Sportler bewundert wurde, jetzt aber eingesperrt werden muss, weil er abhauen möchte.

Jeder der Jugendlichen versucht, das schwer Fassbare zu begreifen: „Ich stelle mir die Welt, in der mein Opa lebt, so vor, dass in seinem Kopf vieles gelöscht ist wie mit einem Radiergummi“. Dieses passende Bild verwendet eine der Schülerinnen. Herzergreifend gerät auch der verzweifelte Appell einer jungen Frau, die die Oma verstehen und ihr helfen möchte, aber daran scheitert.

Bereichernd für die Inszenierung ist der Beitrag Franz Riesters, der als ältester Akteur dieses Projekts des Sulzer Theaterclubs die Krankheit Demenz als „altersbedingten Sog in die totale Verwirrtheit beschreibt“.

So wie die jungen Füchse in der Fabel feststellen, dass der Verstand des kranken Tiers sich nicht heilen lässt, weil der alte Fuchs diesen verloren hat, erreichen auch die jungen Darsteller die Erkenntnis, dass sie mit der Altersvergesslichkeit ihrer Großeltern klarkommen müssen.

Die schauspielerische Annäherung, die zwischen auflockernden tänzerischen Einlagen, zu Tableaus erstarrten Darstellern und berührend vorgetragenen Erfahrungsberichten, die ohne Bewegung auskommen, changiert, beweist einmal mehr, dass die Jugendgruppe des Theaterclubs es versteht, selbst anspruchsvolle Themen gelungen umzusetzen.

Die Lichttechnik begleitet die Inszenierung durch ein Wechselspiel von Hell und Dunkel, passend zum Thema. Auf die Premiere darf man gespannt sein!

Mitwirkende Theaterclub „Der den Verstand verlor“

Schauspieler: Tamara Gamerdinger,

Franz Riester, Vanessa Huber, Paul Scharoba, Florian Maier, Luis Link,

Julian Link, Janina Schäfenacker,

Lasse Eyrich, Leonie Wohanka,

Bernhard Walter

Tontechnik: Dorothea Walter

Lichttechnik: Norbert Weber

Regie: Ursula Weber

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11.11.2016, 01:00 Uhr

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