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Drei junge Männer wollten 1954 Hans Gmelin als OB verhindern

„Wenn schon wieder Nazibuben ...“

1954 stritten Hans Gmelin und Wolfgang Mülberger um den OB-Posten. Dabei wurde auch die Nazi-Vergangenheit von Gmelin heftig diskutiert. Drei junge Männer überklebten in einer Nacht- und Nebelaktion im Oktober die Wahlplakate von Gmelin mit gereimten Vierzeilern. Jetzt, nach 58 Jahren, bekennt Erich Müller: „Ja, wir waren’s.“ Mit dabei: Erwin Kircher und Fritz Holder. Alle waren in der katholischen Christlichen Arbeiterjugend (CAJ).

20.10.2012
  • Manfred Hantke

„Wenn schon wieder Nazibuben ...“
Ein vom Trio überklebtes Wahlplakat auf einer Litfaßsäule mit einem weiteren Vierzeiler: „Wenn er erst OB ist, kann er richtig protzen, mit dem ’Stahlhelm’ auf dem Kopf, allen Stürmen trotzen. Tandaradei!“Bild: Göhner, Stadtarchiv Tübingen

Tübingen. Es war wohl der härteste Wahlkampf, den Tübingen je erlebt hat. Im Herbst 1954 kandidierte Amtsinhaber Wolfgang Mülberger (CDU) erneut. Sein stärkster Konkurrent um den OB-Posten war Hans Gmelin, er trat als Parteiloser an. Schon bald nach der Kandidatenkür und den ersten öffentlichen Auftritten ging ein Raunen durch die Stadt: Durch Gmelins Nazi-Vergangenheit sahen viele Tübinger den braunen Geist wieder aufziehen.

Die Gegner waren sich einig: Der muss verhindert werden. „Wir waren damals politisch sehr interessiert“, sagt der heute 78-jährige Erich Müller. Mit etwa 20 anderen jungen Männern war er bei der Christlichen Arbeiterjugend (CAJ) engagiert. Einige hatten von ihren Vätern „ein Schuss rotes Blut“ in den Adern. Müller: „Wir waren stolz auf sie.“ Der Vater eines anderen CAJ-lers war im Krieg gefallen. So reihten sie sich in die Phalanx der Gmelin-Gegner ein.

„Wenn schon wieder Nazibuben ...“
Erich Müller 1952.

Doch: Was tun? Je näher der Wahltermin kam, desto drängender erschien ihnen die Tat: „Wir müssen irgendetwas veranstalten, was die Öffentlichkeit bewegt und vielleicht auch bewirkt, dass dieser ‚Nazi-Gmelin‘ nicht gewählt wird“, so Müller. Denn Gmelin habe „erschreckend viel Sympathisanten in der Tübinger Bevölkerung“ gehabt. Insbesondere wollten sie „die älteren Mitbürger“ aufrütteln.

Kurz vor dem ersten Wahltermin steckten dann drei junge Männer der CAJ im Alter zwischen 19 und 22 Jahre ihre Köpfe zusammen: Erich Müller, Erwin Kircher und Fritz Holder. Nach einem Kino-Besuch („Tanz auf dem Vulkan“ mit Gustav Gründgens) war die Idee geboren: Wie der Held Jean-Gaspard Debureau mit im Untergrund gedruckten vierzeiligen Couplets den ungeliebten König Karl X. schmäht, so wollten auch die drei Freunde Vierzeiler gegen Gmelin drucken.

„Wenn schon wieder Nazibuben ...“
Fritz Holder 1955.

Der spätere TAGBLATT-Redakteur, überzeugte Unterstädter, Buchautor und Chansonnier Holder war zu der Zeit noch Schriftsetzer bei der Druckerei Laupp. Für ihn war es leicht, an das nötige Equipment heranzukommen. Der Dichter schlummerte schon damals in ihm. Wie der Kinoheld Debureau machte er sich an die Reime. Müller: „Fritz hat alles gedichtet.“

So dichtete Holder drei oder vier Vierzeiler. Gedruckt wurden sie auf DIN-A-4-Papier. Einer der Reime ist Müller noch gut in Erinnerung:

„Wenn schon wieder Nazibuben Bei uns kandidieren Wird bald der Gemeinderat Im Gleichschritt mitmarschieren.“

Am späten Samstagabend vor dem ersten Wahlgang am 10. Oktober ging das Trio abermals ins Kino. Nach der Spätvorstellung zog es gegen 1 Uhr nachts los. Jeder schnappte sich einen Packen Reime, einen Eimer Leim und einen Pinsel. „Von Lustnau bis Derendingen“ überklebten sie die Gmelin-Plakate, sagt Müller. Gesehen wurden sie dabei von niemandem. Denn die Stadt war in den 1950er Jahren nachts stockdunkel, unterwegs war damals kaum jemand. Um vier Uhr in der Frühe waren sie fertig und sanken „glücklich und müde“ ins Bett.

„Wenn schon wieder Nazibuben ...“
Erwin Kircher 1954.

Wie alle Tübinger erwarteten sie mit Spannung das Ergebnis. „Kopf an Kopf“ standen die Wählerinnen und Wähler am Sonntagabend auf dem Marktplatz, schrieb das TAGBLATT am 11. Oktober. Aus erster Hand erfuhren sie von Stadtdirektor Gustav Asmuß die Ergebnisse aus den 25 Wahlbezirken. Auch die drei Freunde waren dabei. Sie hatten Verstärkung mitgebracht: Mit Trompeten und Trommeln bejubelten die CAJ-ler die Stimmen für Mülberger. Lag Gmelin in einem Wahlbezirk vorne, buhten und pfiffen sie.

Da wurden die Gmelin-Anhänger aufmerksam, erinnert sich Müller. Sie hätten die Mülberger-Freunde angepöbelt und ihnen „eins auf die Gosch“ angedroht. „Wenn da nicht die Polizei dazwischen gegangen wäre, hätte es eine Keilerei gegeben.“ Die nächtliche Überklebeaktion hat nichts genutzt. Mülberger lag nach dem ersten Wahlgang nur mit 78 Stimmen vor Gmelin, der im zweiten Wahlgang am 24. Oktober mit 54,8 Prozent gewählt wurde. Müller: „Wir und unsere Freunde waren sehr traurig.“

Herausgekommen ist die nächtliche Aktion nie. Die Gmelin-Anhänger hätten zwar in einer Zeitungsanzeige den Eindruck erweckt, sie würden Täter und Hintermänner kennen und würden sie anzeigen.

„Wenn schon wieder Nazibuben ...“
Erich Müller

Doch Müller als der letzte noch lebende des Trios (Kircher starb bereits 1961, Holder 1996) wartet bis heute darauf, sagt er (seit 1960 lebt er in Stuttgart). Bislang hatte die eingeschworene Clique (zu der etwa auch Hans Herb, Hans-Peter Himmel, Hans Bösl und Elmar Lutz gehörten) sich die Geschichte immer mal wieder bei ihren zahlreichen Treffen erzählt.

Müller geht jetzt an die Öffentlichkeit, um diese Lücke in der Tübinger Geschichte zu füllen. Die Aktion hat damals zwar nicht den gewünschten Erfolg gehabt, sie erregte jedoch einiges Aufsehen. „Es war auch ein bisschen Abenteuer dabei“, sagt Müller. Noch heute sei er stolz darauf. Mit Gmelin habe er sich später abgefunden. „Letzt-endlich“, sagt Müller, „war er kein schlechter OB.“

Bilder: Privat

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20.10.2012, 12:00 Uhr

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