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Technik

Werkstatt für Humpelfüße

Für viele Tiere ist es das Ende, wenn sie ihre Beine nicht mehr benutzen können. Olaf Piritz hilft: Er baut Prothesen für diese speziellen Patienten.

07.04.2017
  • HENNING KRAUDZUN

Rathenow. Der kleine Patient „Hubertus“ ist vollständig genesen. Das erkennt man daran, dass der stolze Hahn leichtfüßig sein kleines Revier abschreitet, direkt neben der Werkstatt auf dem Hof. Olaf Piritz hat seinem krähenden Mitbewohner vor gut zwei Jahren das Bein gerettet, welches das Tier bei einem heldenhaften Kampf mit einer Krähe fast verloren hatte. „Hubertus“ verteidigte seine zwei Küken.

„Ein Veterinär hätte mir vermutlich eine klare Empfehlung gegeben: Topf auf, Hahn rein“, sagt Piritz und schaut zufrieden durch das verstaubte Werkstattfenster auf die Hühner. „Aber hätte ich ihn noch dafür bestrafen sollen, dass er seine Nachkommen beschützt hat?“ Also setzte sich der Orthopädietechniker an die Nähmaschine und fertigte eine winzige Schiene aus Leder. Das Stück trug der Hahn mehrere Wochen.

Piritz fertigt Prothesen, Orthesen oder Rollwagen für Tiere an – und trifft mit seinem Geschäftsmodell auf einen riesigen Markt. Nach einer Studie der Universität Göttingen geben die Bundesbürger pro Jahr rund 9,1 Milliarden Euro für Tiere aus. Damit werden fast die Umsätze des deutschen Buchmarkts erreicht. Mittlerweile haben sich Physiotherapeuten auf Hunde spezialisiert, es gibt Ernährungsberater für Katzen und Chiropraktiker für die Behandlung von Pferden. Selbst Psychologen können konsultiert werden.

Den Trend spürt zunehmend auch der Orthopädiespezialist aus Rathenow (Havelland). Zuletzt erhielt er fast täglich Anfragen. Seine Künste sprechen sich sogar in der Golfregion herum. Kürzlich erhielt Piritz eine E-Mail aus Katar: Ein reicher Araber fragte, ob er sich um ein amputiertes Kamel kümmern könne.

Wenn Tiere orthopädische Hilfsmittel erhalten, werden daraus aufsehenerregende Geschichten. So erhielt im Vorjahr die einbeinige Storchendame „Mathilda“ eine Prothese, nachdem sie in einer Vogelschutzwarte in Sachsen-Anhalt aufgepäppelt wurde. Die Bilder des gehandicapten Vogels gingen um die Welt. Für viel Rummel sorgte auch der Fall der griechischen Landschildkröte „Schildi“: Sie wurde 2013 mit einer Rollen-Prothese versorgt. Ein Tierarzt in Neuried bei Offenburg hatte den künstlichen Fuß aus Spielzeug gebaut. Noch rührender ist der Fall von „Chris P. Bacon“. Das Ferkel kam im US-Staat Florida mit verkrüppelten Hinterbeinen zur Welt, es sollte eingeschläfert werden. Doch ein Tierarzt zeigte großes Herz: Er bastelte einen „Rollstuhl“. Die ersten Gehversuche von „Chris P. Bacon“ wurden millionenfach im Internet geklickt.

Nur nach Feierabend

Im Grunde ist auch Piritz als Tüftler gefragt, um Tieren wieder auf die Sprünge zu helfen. 90 Prozent seiner Patienten sind Hunde. Dabei kann er die schwerkranken oder verunglückten Patienten nur nach Feierabend oder am Wochenende empfangen. Der 38-jährige Familienvater verdient sein Haupteinkommen in einem Sanitätshaus. „Ich würde mit orthopädischen Unikaten allein für Tiere nicht genug Geld verdienen“, sagt er. Aus dem rund 80 Kilometer entfernten Berlin kommt ein Großteil seiner Kunden. Aber auch aus Leipzig, Dresden, Hamburg und anderen Städten kommen Anfragen.

Mit Tierorthopädie beschäftigt sich seit über 20 Jahren auch Dieter Pfaff. „Dieses Wissen steht in keinem Lehrbuch, man muss es sich aneignen“, sagt der Experte aus dem pfälzischen Frankenthal. Er habe Jahre gebraucht, um seine Patienten richtig einschätzen und beurteilen zu können. Dies sei Voraussetzung für die richtige Wahl eines Hilfsmittels. „Tiere können ja nicht sagen, wo es drückt oder wo das eigentliche Problem liegt“, erklärt Pfaff. Seine Aufträge erhält er mittlerweile aus der ganzen Welt. Auch Pfaff erhielt die Anfrage des Kamelbesitzers aus Katar.

Dieses aufwendige Konzept verfolgt auch Piritz: Mitunter sind mehrere Anproben notwendig, damit Orthesen oder Rollwagen passgenau sitzen. Er zeigt eine Skizze von „Lucky“, einem kleinen, weißen Rüden mit kugelrundem Gesicht. Rasse: Bichon Frisé, Diagnose: Morbus Cushing, eine Stoffwechselstörung, die in diesem Fall zu Lähmungen geführt hat. „Der wiegt gerade einmal zwei Kilo“, berichtet Piritz. Ein Gefährt, in dem das bewegungsunfähige Hinterteil eingespannt wird, hat der Fachmann bereits gebaut. „Aber der Körper verändert sich durch die Krankheit. Er wird breiter. Dadurch muss man den Rahmen mehrfach verändern“, berichtet er. „Das ist nicht wie beim Tischler, der einen Schrank hinstellt und sagt: So fertig.“

Billigangebote im Netz

Doch es gibt auch Billigangebote im Internet. Piritz ärgert sich darüber, zumal die Orthopädietechnik von der Stange nur in Standardgrößen erhältlich ist. „Welches Tier passt denn in Schablone L und welches in XL“, meint er. Maßarbeiten, die meist mehrere Hundert Euro kosten, bieten nach seiner Kenntnis nur fünf weitere Orthopädietechniker in Deutschland an.

Sein außergewöhnlichstes Stück hat der Handwerker bislang für ein Fohlen angefertigt. Mit einer Konstruktion aus zwei Halbschalen und einem Gelenk, die das Vorderbein stabilisieren, konnte das Tier wieder die Milchdrüsen der Mutter erreichen und wurde vor dem Verhungern bewahrt. Aber auch eine Ente wurde von ihm versorgt: Für sie bastelte er eine Metall-Prothese. „Sie kann heute wieder problemlos watscheln.“

Freilich würde Piritz nie behaupten, dass er jedem Tier helfen kann. Katzen beispielsweise sind schwierige Fälle. „Sie winden sich aus allen Verschlüssen raus“, berichtet er. Zudem kommt er bei sehr kleinen Hunden an seine Grenzen. Der Orthopädietechniker zeigt das Gipsmodell eines Chihuahua-Beinchens, so lang wie sein Zeigefinger. „Das ist zu zerbrechlich“, sagt er.

Gleichzeitig spürt Piritz ein Umdenken bei den Veterinären: Vor acht Jahren sei er für sein Angebot noch belächelt worden, mittlerweile würde in den Praxen auch Orthopädietechnik in allen Variationen empfohlen. „Es wird aber noch immer zu schnell amputiert“, meint er und betont seine Bedeutung, um gelähmten Tieren ein neues Leben zu ermöglichen. „Die darf man nicht ihrem Schicksal überlassen“, so Piritz. Die über den Boden schleifenden Gliedmaßen infizierten sich immer wieder. „Das kann den Tod bedeuten.“

Stellt sich am Ende nur noch die Frage, wie dem Kamel aus Katar geholfen wird. Piritz winkt ab: „Das ist mir zu heiß“, sagt er und meint damit die politische Situation. Pfaff hingegen sagt: „Da fliege ich hin!“

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07.04.2017, 06:00 Uhr

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