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Gesundheit

Wertschätzung durch den Verkauf

Das Haus der Betreuung und Pflege am Stockenberg vermarktet die in der Ergo- und Arbeitstherapie gefertigten Werke in einem Produktkatalog.

25.11.2016
  • Maik Wilke

Mit feinen Bewegungen zieht Elif Bayru dünne Striche über das Pferd, nach und nach überdeckt die braune Farbe das helle Holz. Seit zwei Tagen sitzt die 22-Jährige an dem Modell. Am schwierigsten sei es, die vielen kleinen Einzelteile exakt auszuschleifen und anschließend genau aufeinanderzukleben. Doch gerade das ist das Ziel der Ergotherapie im Haus der Betreuung und Pflege am Stockenberg: präzises Arbeiten.

„Das trainiert die Geduld, die Ausdauer und die Fingerfertigkeit“, erklärt Eva-Maria Rettig, die den Wohnbereich „Aufwind“ leitet. In diesem wohnen Frauen und Männer, die eine psychische Erkrankung, Drogenkonsum oder gar eine Doppeldiagnose mit sich bringen. Die Ergo- und Arbeitstherapie ist Teil ihrer Rehabilitation. Damit die Werke von Bayru und den anderen Patienten aber nicht in der Abstellkammer verschwinden, werden die Einzelstücke seit Kurzem in einem Katalog vermarktet und stehen zum Verkauf bereit.

Dabei geht es für das Haus der Betreuung und Pflege nicht um den finanziellen Aspekt, betont Rettig, vielmehr steht die Wertschätzung für die eigene Arbeit im Vordergrund. „Viele unserer Patienten hatten lange keine Arbeit, haben ihr Selbstbewusstsein verloren und wissen gar nicht, dass ihr Schaffen etwas wert ist.“ Gesammelt sind die 3-D-Modelle aus Holz, Traumfänger, Bastkörbe, Schlüsselanhänger mit den Sternzeichen sowie Insektenhäuser und Ketten aus Olivensteinen jetzt eben in einem Produktkatalog. Diesen vermarktet das Haus am Stockenberg gemeinsam mit zwei weiteren „Alpenland“-Einrichtungen, dem Haus am Mehlsack (Ravensburg) und dem Haus in Bad Rappenau. Zur Freude der Patienten: „Es ist schön, wenn man seine eigene Arbeit in dem Katalog sieht“, sagt Bayru. „Andere arbeiten gerne für sich und kaufen das Produkt dann selbst. Aber ich finde es schön, wenn meine Sachen verkauft werden.“

Die Patienten nehmen die Wertschätzung wahr – dennoch dürfen sie nun nicht nur die Produkte gestalten, die sie am besten können. „Jeder muss das machen, was seine Fähigkeiten erhöht“, erklärt Rettig. Wichtig ist in der Ergo- und Arbeitstherapie, Rückschläge zu verkraften: „Die Patienten müssen Problemlösungen finden und mit Frustration umgehen“, sagt Arbeitstherapeut Andreas Haneder. Während früher viele zum Alkohol gegriffen hätten oder aggressiv geworden wären, müssen sie hier den Arbeitsschritt geduldig wiederholen. „Dabei ist es für viele nach langer Arbeitslosigkeit schon schwer, ruhig zu sitzen und konzentriert zu bleiben“, erklärt Eva-Maria Rettig.

Zehn bis 20 Patienten werden täglich in der Ergo- oder der Arbeitstherapie, bei der auch schwere Maschinen wie Stichsägen benutzt werden, betreut. Für diejenigen, die eine Bewerbung schreiben möchten, stehen drei Computer zur Verfügung. So lernen die Patienten, ihre Finger beim Schreiben richtig einzusetzen und gleichzeitig, wie eine gute Bewerbung aussieht.

Bei Elif Bayru hat es bereits mit der Vermittlung geklappt. Die 22-Jährige absolviert an drei Tagen in der Woche ein Praktikum bei einem Fahrzeugaufbereiter. Doch weil ihr die Therapie gut tut, hat sie ihren Aufenthalt im Haus am Stockenberg freiwillig verlängert. „Das ist auch nicht ungewöhnlich“, sagt Rettig. „Viele haben Schwierigkeiten, dann doch wieder allein im Alltag zurecht zu kommen.“

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25.11.2016, 01:00 Uhr

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