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Übrigens: Mit der Hitze kommen die Brüllhälse

Wichser-Supi-Gaga-Geil. Aber jetzt wird zurückgelärmt!

Der Tag war heiß. Der Abend wird erst mit Einbruch der Dunkelheit lau. Und laut! Zwei Häuser und etwa 50 Meter Entfernung trennen mich, auf der Terrasse meines Freundes sitzend, von einem mir unbekannten Mann, der einen Durchmesser von mindestens 150 Metern beschallt.

22.07.2015
  • Winfried Gaus

Wenn er wenigstens was zu sagen hätte! Aber er leiert ein Sammelsurium von Schlagwörtern der letzten Wochen herunter: Griechenland- Banken-Flüchtlinge-Hitze-Ein-Bier- nehm‘-ich-noch!-IS-Rumänen-Rente-Blatter. Punkt. Ich hoffe, dass er jetzt Luft holt und vielleicht sein Gesprächspartner die Regie an sich reißt und den Lärmpegel herunterdimmt – weit gefehlt. Er atmet wie durch Kiemen und macht unentwegt weiter: Blubb!

Nach Ein-Bier-nehm‘-ich-noch!-Nummer-sechs muss der Beschaller pullern und die dröhnende Stille, die uns plötzlich auf unserer Terrasse umgibt, ist unerträglich. Signalisiert sie doch lediglich, wie schön es sein könnte, wenn...

Die Rettung vor zuviel Nichtlärm naht ums Hauseck. Zwei Jungstars, Jünglein und Mädelein. Sie trägt das i-Phone vor sich her wie die Katholiken an Fronleichnam die Monstranz und flutet das Mikrofon mit ihrem unglaublich vielfältig eingeschränkten Whatsapp-Wortschatz: Echt-Voll-Was-Klar-MegaEcht-Wichser-Supi-Toll-Aperol-Gaga-Hip-Geil. Ich gestehe: Ich muss an die Leute von der NSA denken und dass sie es auch schwer haben so den Tag über und die Nacht...

Das Pärchen geht weiter, der Pullermann kehrt zurück. Und weiter geht’s im Takt! VfB-BVB-FC-Red Bull-Vettel-Götze-Ein-Bier-nehm‘-ich-noch!-Nummer-sieben. Mariahilf! Er ist erst beim Sport! Noch kein Wort übers Wetter oder die Weiber (die kamen dann noch dran, später), die Arbeit (wir erfuhren gen Mitternacht, dass er schichtet; das gibt Hoffnung für Abende in anderen Wochen) oder die Hobbies (wir erfuhren nach Mitternacht, dass er eine Art ehrenamtlicher Cheftester zweier Brauereien für Export und Hefeweizen zu sein scheint).

Irgendwann senkte sich eine gnädige Müdigkeit über mich und meinen Freund, ich ging heim. Nachts träumte ich von sprechenden Terrassen und von einer Superman ähnlichen Figur namens Silencer, der lautlos alles Laute meuchelt. Doch dem besten Schlaf folgt das Morgengrauen in der fleischgewordenen Form von fünf Mann, die am helllichten Samstagfrüh in der Nachbarschaft auf dem Schulhof ein Gerüst aufbauen müssen.

Eins-A Turmbau zu Babel. Nicht ganz so hoch, aber genauso ergiebig was die Sprachenvielfalt angeht. Gebellte Befehle in allen Mundarten, vom Hall verstärkt ein Esperanto-Echo bildend. Guten Morgen! Ich steige aus dem Bett und drehe das Radio laut. Türen und Fenster auf. Jetzt wird zurückgelärmt! Bis nachmittags die Rasenmäher-Armada loslegt. Jetzt will ich von alldem aber nichts mehr hören.

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22.07.2015, 12:00 Uhr

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