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Warum sich Winfried Kretschmann Wahlkampf am liebsten ersparen würde

Wider den Beiß-Reflex

Probleme lösen statt Panik verbreiten: In der Flüchtlingskrise sieht Winfried Kretschmann seinen Politik-Ansatz bestätigt. Für Wahlkampf sei da eigentlich eh keine Zeit, sagt er - und lobt erstmal die Kanzlerin.

26.11.2015
  • ROLAND MÜLLER

Das erste, was Henry Kissinger von Winfried Kretschmann wissen wollte, war jene Frage, die auch nach vier Jahren Grün-Rot immer noch ein kleines Faszinosum ist: Wie kann ausgerechnet in Baden-Württemberg ein grüner Ministerpräsident am Ruder sein? Und dann auch noch mit solchen Beliebtheitswerten: 57 Prozent hatten sich zuletzt in einer Umfrage Kretschmann als Ministerpräsident gewünscht - Herausforderer Guido Wolf (CDU) kam nur auf 17 Prozent.

Kretschmann sei einfach authentisch, lautet dann oft die Antwort. Was das heißt, war nun im Wahl-Forum der SÜDWEST PRESSE zu beobachten: So verging der Abend im Ulmer Stadthaus, ohne dass Kretschmann ein böses Wort über den politischen Gegner verloren hätte. Dafür lobte er mehrfach Kanzlerin Angela Merkel (CDU) - und gab auch ansonsten zu verstehen, wie sehr ihm gewisse (Beiß-) Reflexe und Rituale im oft aufgeregten Polit-Betrieb gegen den Strich gehen.

Die Regeln des Wahlkampfes etwa. "Lange Wahlkämpfe sind sowieso Quatsch", sagt Kretschmann mit Inbrunst: Es gebe Wichtigeres zu tun. "Als Regierung kann man nicht viel mehr tun als einen guten Job zu machen." Dann gelte es, abzuwarten, was der Wähler entscheidet. "Wirklich Schlimmes" könne dabei ja kaum herauskommen. Außer halt ein Regierungswechsel - aber das sei ja der Charme der Demokratie. "Überzeugung, Gelassenheit und Demut vor dem Souverän" sei angezeigt. Es sind solche Sätze, mit denen sich Kretschmann vom allgemeinen politisch-medialen Getöse abhebt. Er weiß, dass das gut ankommt - aber es entspricht auch offenbar seiner Haltung.

Nicht zuletzt sieht er sich selbst als lebendes Beispiel dafür, wie albern die "Panik" sei, die oft verbreitet werde: All die düsteren Prophezeiungen des politischen Gegners etwa, eine grün geführte Regierung werde das Industrieland im Südwesten rasch ins Verderben reißen, sie klingen aus heutiger Sicht doch arg schrill. Genüsslich zitiert Kretschmann den CSU-Lautsprecher Markus Söder, der nach der Wahl den Unternehmen im Nachbarland Bayern Exil anbot. "Natürlich ist keiner umgezogen", sagt Kretschmann.

Auch in der aktuellen Flüchtlingskrise warnt Kretschmann vor Politik im Schnappatmungs-Modus. Ob "Obergrenzen" oder "Transitzonen": All die hitzigen Diskussionen um Einzelvorschläge würden den Bürgern einfache Lösungen vorgaukeln. "Man darf nicht dauernd Steine ins Wasser werfen, die hohe Wellen schlagen - und dann passiert nix", sagt er. So treibe man die Wähler nur den Populisten am rechten Rand in die Arme.

Eine Krise, für die es eben keine einfache, schnelle Lösung gibt - das sei für Politik und Bürger schwer zu ertragen. Dass Angela Merkel dennoch auf Kurs bleibe, nötigt Kretschmann Respekt ab. Im Land leisteten Kommunen und Bürger einen tollen Job bei Unterbringung und Betreuung der Flüchtlinge, auch auf konsequente Abschiebungen hat sich die Landesregierung festgelegt. Wirklich lösen aber müsse man die Flüchtlingskrise auf europäischer und internationaler Ebene; in den Herkunftsländern und den armseligen Flüchtlingslagern im Libanon und der Türkei. "Man muss das anpacken, mit viel Energie und Zähigkeit. Dafür brauche es Geduld - und viele kleine Schritte.

Dass Dogmen der eigenen Partei für ihn nicht das entscheidende Kriterium sind, hat Kretschmann mehrfach bewiesen. Im Sreit um "sichere Herkunftsländer" hat er weite Teile der Grünen gegen sich aufgebracht. Das ist nichts Neues: Streitigkeiten mit "Fundis" haben Kretschmanns Karriere über Jahrzehnte begleitet, bereits zweimal zog er sich mehr oder weniger aus der Politik zurück, arbeitete wieder als Gymnasiallehrer. Jetzt, das erwähnt er mehrfach, zählen für ihn jene, die Verantwortung tragen, die entscheiden, gestalten müssen: In der Flüchtlingsfrage stünden die Ministerpräsidenten "von Ramelow bis Seehofer", von der Linken bis zur CSU, meist zusammen. Auch weitere Verschärfungen des Asylrechts will er nicht ausschließen. "Meine Kompromissbereitschaft ist ungebrochen." Denn wenn bei dem Thema der Konsens der demokratischen Parteien aufbreche, werde es ungemütlich im Land. Das gelte auch für Europa: Die Krise habe das Potenzial, Europa auseinander zu treiben - und das wäre für den Kontinent "eine Jahrhundert-Katastrophe".

Kretschmann wäre nicht Kretschmann, wenn er nicht auch Niederlagen benennen, Schwächen eingestehen würde. "Schon hart" sei, dass er mit Stuttgart 21 ein Projekt umsetzen müsse, das er jahrelang bekämpft habe. Es geht ihm nach, dass er in einer Diskussion mit Windkraftgegnern mal "ausgerastet" sei. Und manchmal, sagt er offen, sei das Amt auch aufreibend, ja sogar eine Last. "Aber wenn ich dann meinen vier Monate alten Enkel auf dem Arm habe, vergesse ich alles." Als Vorfreude aufs Pensionärsdasein solle man das aber bitte nicht verstehen - dafür ist die "Lust am Gestalten, am Verändern" einfach zu groß. "Ich bin gern Ministerpräsident", sagt er unter Applaus.

Doch auch die Rolle des Mustergrünen hat Kretschmann drauf - wenn es um die ökologische Erneuerung der Wirtschaft geht. Da blitzt Enthusiasmus auf, und mit den Konzernbossen im Land werde er sich ganz schnell einig. Deshalb "passt ein grüner Ministerpräsident eben genau zu Baden-Württemberg", sagt Kretschmann: Ob erneuerbare Energien oder Elektroauto: Nur wer jetzt auf grüne, innovative Produkte setze, der werde auf den Märkten der Zukunft eine Chance haben. Wohlstand zu schaffen ohne exzessiven Naturverbrauch - wenn dieses Öko-Rezept im Südwesten gelänge, könne das tatsächlich die Welt verändern. Das habe dann auch Henry Kissinger eingeleuchtet.

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26.11.2015, 08:30 Uhr

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