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Friedrich Sengle berichtete in seinen Feldpostbriefen von Wehrmachtsverbrechen

Widerliche Art des Krieges

Während die NS-Propaganda die Lage an den Fronten beschönigte und verschleierte, informierte so mancher Soldat in seinen Briefen die Heimat von der Brutalität des Krieges. Der Tübinger Germanist Friedrich Sengle war im Winter 1941/42 in Russland. Seine Briefe sind ein eindrucksvolles Zeugnis des ersten russischen Kriegswinters vor 70 Jahren.

20.02.2012
  • Manfred Hantke

Tübingen. Vom 14. August 1941 bis zum 25. März 1942 schickte Friedrich Sengle vier Briefe von der Ostfront an den Tübinger Philosophie-Professor Theodor Haering. Trotzdem Sengle mit Zensur und Strafen rechnen musste, berichtete er offen auch über militärische Operationen, „harte und verlustreiche Kämpfe“, in Trümmer liegende Städte, mangelnden Nachschub von Benzin und Munition und über die Leiden der Zivilbevölkerung und der Soldaten.

Als die Deutschen im Juni 1941 den Krieg gegen Russland begannen, gingen die Nationalsozialisten von einem raschen Sieg aus. Die gleichgeschaltete Tübinger Chronik sah am 4. Oktober den „bolschewistischen Gegner bereits gebrochen“. Sengle hingegen glaubte schon zwei Monate zuvor nicht „an eine baldige Beendigung des Russlandkrieges“. Und nach einem weiteren halben Jahr, am 15. Februar 1942, orakelte er, es „müsse ein besonderes Wunder geschehen“, wenn der Krieg im Herbst 1942 ein Ende finden soll.

Sengle hatte sich nicht getäuscht. Der Infanterist und Artilleriebeobachter hatte nach wenigen Wochen „in Russland schon ungleich mehr erlebt als im ganzen West-Feldzug“, schrieb er. Besonders die Weite des Landes, die riesigen Wälder und Sümpfe, der harte Winter 1941/42 mit seinen 30 und mehr Minusgraden zermürbten die Soldaten.

Sengle verglich die russische Kriegsführung mit der russischen Taktik beim Schach: Neigung zum Kleinkrieg und Zerlegung des Spiels in unzählige Kampffelder, unerwartete, außergewöhnliche Züge.

Angewidert war der Germanist durch die teils völkerrechtswidrige deutsche Kriegsführung. Einen „ritterlichen Kampf“ war er im Westen wohl gewohnt. Im Osten lagen die Dinge anders: „Die Russen kämpfen und kämpfen auch sonst so verzweifelt, weil sie keine andere Möglichkeit sehen, sich zu ergeben.“ Das Korps ließ nämlich alle Gefangenen erschießen und drohte in Anschlägen anderen dasselbe an. Sengle: „Was blieb ihnen also übrig, als bis zur letzten Kugel zu kämpfen.“

Der Krieg sei „entartet“, merkte Sengle nach wenigen Wochen. Die Gewohnheit vieler Verbände, keine Gefangenen zu machen, sei „zum mindesten von oben“ geduldet, vermutete er. Der Widerwille gegen diesen Krieg stand ihm „bis oben“, wenn er etwa erleben musste, dass ein Sanitäter ungestraft einen verwundeten Russen erschießt.

Ein andermal wurde zwar ein Wachtmeister zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt, weil er „willkürlich einen Russen erschießen“ ließ („Mädchensachen“). Doch er hätte auch wegen Mordes verurteilt werden können, so Sengle. Der Wachtmeister habe sich sogar ungerecht behandelt gefühlt: „Wegen einem Russen! Werden nicht genug Gefangene abgeschossen?“

Erschossen wurden flüchtende Partisanen, deren Häuser und Dörfer verbrannt. Erschossen wurden auch Zivilisten, wenn „sie nicht mitmachen“, berichtete Sengle. Die von den Deutschen eingesetzten Bürgermeister arbeiteten meist auf beiden Seiten, „um sich zu retten“.

Die Hauptlast trage die Bevölkerung, die doch nur ihre Ruhe haben wolle. Wenn er ihr Schicksal „menschlich“ betrachten wollte, könnte er nicht mehr ruhig schlafen. Doch der Soldat habe solchen Regungen gegenüber „einen undurchdringlichen Panzer“. Die Wehrmacht sei mehr eine mechanische als eine sittliche Organisation. Sengle: „Es ist eine widerliche Art des Krieges.“ Versuche, „am Kommis“ etwas zu ändern, hätten ihm „eine ganze Reihe von Konflikten“ eingebracht.

Von willkürlichen Erschießungen las der Zeitungsleser daheim nichts. Nichts von Wehrmachtverbrechen, auch nichts von den eigenen Toten. Aber „die Lage von Leningrad“ war laut Tübinger Chronik am 11. November „aussichtslos“, die „Bolschewisten“ erlitten stets „schwere“ oder „hohe blutige Verluste“.

Als „Frontverkürzung“ und „Frontverbesserung“ verkaufte die Propaganda den im Dezember 1941 von Russland erzwungenen Rückzug der Deutschen vor Moskau. Sengle war bis auf 30 Kilometer vom Zentrum der Hauptstadt entfernt. Weil die „Gesamtoperation“ nicht planmäßig verlief und die Infanteriedivisionen nicht nachkamen, begann ein etwa 100 Kilometer weiter „trauriger Rückzug an den Gräbern der Gefallenen vorbei“.

Die vorgesehene Linie sei von den Russen überrannt worden, Teile der Divisionen drängten „wild und regellos nach hinten“. Seine Infanterie sei „am stärksten gelichtet“. Wenn Gefahr drohe, müssten nun sogar Bäcker- und Metzgerkompagnien an die Gewehre. Am schlimmsten sei der Kampf gegen Frost, Müdigkeit und Hunger. Hinzu kam die Plage mit Läusen, Flöhen und Wanzen.

Das schlug schwer auf die Moral der Truppe. Hatte der Landser schon im August 1941 „die Schnauze gründlich voll“, war die „Niedergeschlagenheit“ der Soldaten im Spätherbst 1941 schon „sehr groß“. Krankheiten „mit offensichtlich seelischer Wurzel“ mehrten sich, „die kleinen Trostfreunde Zigaretten und Alkohol“ halfen nicht. Fahrzeuge und Waffen waren fast durchweg reparaturbedürftig, der Nachschub von Benzin und Munition stockte „und die Soldaten hatten einfach keine Lust mehr“. Trotzdem kam der Befehl zum Angriff auf Moskau.

Im harten Winter fehlte die entsprechende Kleidung. Die reichsweite Wollsammlung kam zu spät. So war mancher „persönlich beleidigt“, dass er seine Überhandschuhe und seinen Schal erst jetzt aus der Wollsammlung bekommt, „nachdem der schlimmste Frost vorüber“ ist, schrieb Sengle Mitte Februar 1942. Und noch immer warteten viele Soldaten auf ihre Weihnachtspäckchen mit Hutzelbrot und eigener Wurst.

Die offiziellen Wintervorbereitungen seien zu spät getroffen worden, kritisierte Sengle. „Es würde heute noch so mancher Infanterist leben, wenn er das unentbehrliche Schneehemd rechtzeitig erhalten hätte.“ Die Überlebenden hätten „oft genug die bekannte schlechte Russlandlaune“, die der Schnaps vertreiben soll. In der „bittersten Zeit, die wir je mitgemacht haben“, hielten viele „innerlich nicht mehr stand“.

Die Tübinger Chronik hingegen wusste nur von den „Bolschewisten“, dass „scharfer Wodkarausch“ sie Tag und Nacht umnebele, wie sie Mitte Januar 1942 schrieb. Am 16. Februar argumentierte das Blatt, dass nicht der Geländeverlust entscheidend sei, sondern „allein das Intaktsein und die Kampfkraft der Heere“.

Info: Feldpostbriefe sind eine wichtige Quelle der Geschichtsschreibung. Wenn Sie Briefe aus dem Ersten oder Zweiten Weltkrieg haben und sie den Zeitzeugnissen zur Berichterstattung überlassen wollen, melden Sie sich bitte in unserer Redaktion.

Widerliche Art des Krieges
Friedrich Sengle.Bild: Heine-Institut

Friedrich Sengle (1909 – 1994), war 1937 Studienassessor am Tübinger Uhlandgymnasium, ab Oktober desselben Jahres Assistent am Deutschen Seminar der Uni. Er habilitierte sich im Dezember 1942, im Februar 1944 wurde er zum Dozenten ernannt. Sengle wohnte in der Neckarhalde 66, wurde nach 1945 Außerplanmäßiger Professor in Tübingen, 1951 Ordentlicher Professor in Köln, 1952 in Marburg, 1959 in Heidelberg und von 1965 bis 1978 in München. Er gilt als bedeutender Historiker unter den Germanisten. Sengle meldete sich nach Ausbruch des Zweiten Weltkrieges freiwillig. Zunächst war er im Westen, ab Juni 1941 bis Ende 1942 im Osten eingesetzt. Von dort hatte er brieflichen Kontakt mit mehreren Professoren, darunter auch mit dem späteren Rektor Hermann Schneider und mit Philosophie-Professor Theodor Haering. Die Briefe an Haering sind in ihren Kriegsschilderungen ausführlicher. Sie liegen in dessen Nachlass im Universitätsarchiv Tübingen.

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20.02.2012, 12:00 Uhr

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