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Übergriff auf Rollstuhlfahrer

Wie Behinderte noch immer diskriminiert werden

Vergangene Woche wurde ein Rollstuhlfahrer in Mössingen von Passanten angepinkelt (wir berichteten). Solch drastische Situationen scheinen zwar eine Ausnahme zu sein – dennoch haben sie Konsequenzen auch in der Wahrnehmung anderer Behinderter.

11.09.2012
  • Kathrin Löffler, Gabi Schweizer

Mössingen. Weil er auf dem Nachhauseweg partiell aus seinem Rollstuhl gerutscht war, bat ein Mann in der Nacht von Dienstag auf Mittwoch zwei Passanten um Hilfe. Doch diese waren alles andere als hilfsbereit, im Gegenteil – sie beleidigten und bespuckten den 31-jährigen Rollstuhlfahrer, einer urinierte sogar auf den wehrlosen Mann. Die Polizei ermittelt jetzt wegen Beleidigung, Körperverletzung und unterlassener Hilfeleistung (wir haben berichtet).

Thomas Seyfarth, Geschäftsführer bei der Körperbehindertenförderung Neckar-Alb (KBF), ist so ein krasser Vorfall noch nie untergekommen. „Eine extreme Ausnahme“, so kommentiert er den Fall. Allerdings: „Merkwürdige Bemerkungen“ oder „abfällige Handbewegungen“, so etwas komme durchaus vor. Oder dass jemand sich gestört fühlt, wenn der Rollstuhl im Aufzug Platz braucht.

Oder umgekehrt: Jemand will überhöflich sein und bezahlt im Restaurant die Rechnung eines Rollstuhlfahrers, ohne ihn anzusprechen: „Der Umgang ist manchmal noch nicht so normal, wie es eigentlich normal wäre.“

Auf dem Mössinger Stadtfest haben wir eine Expertin befragt. Marlene Kurz sitzt selbst seit 38 Jahren im Rollstuhl. Von dem Vorkommnis in Mössingen hat sie mitbekommen. „Ich finde das so fürchterlich, das ist so schlimm für uns“, sagt Kurz, „man wird richtig diskriminiert.“ Etwas derart Übles sei ihr selbst noch nicht passiert, aber: „Man empfindet da mit.“

Die meisten Angesprochenen helfen

Situationen, in denen sie zu kämpfen gehabt habe, musste sie jedoch „schon einige“ hinter sich bringen. Beispielsweise gebe es viele Gaststätten, in die Rollstuhlfahrer nicht problemlos hinein kämen. Oder Bordsteine, die nicht abgesenkt seien. „Wenn ich Hilfe brauche, spreche ich die Leute direkt an“, sagt Kurz. 95 Prozent der Angesprochenen würden dann auch helfen.

Die Hirrlingerin ist stellvertretende Vorsitzende im Landesverband Selbsthilfe Körperbehinderter Baden-Württemberg, der am Wochenende mit einer Station auf dem Stadtfest vertreten war. Wegen des Vorfalls hat sie sich sogar überlegt, ob sie überhaupt kommen solle. Konfrontiert sah nämlich auch sie sich auf dem Stadtfest mit der Angelegenheit: „Ich habe schon gemerkt, dass es Thema ist, wenn man uns sieht.“

Fürs Stadtfest hatte der Landes- vom übergeordneten Bundesverband der Selbsthilfe Körperbehinderter ein Spielmobil organisiert, eine Kombination aus Geschicklichkeitsübungen und Rollstuhlparcours.
Auch nicht gehbehinderte Kinder können dabei probieren, wie es sich anfühlt, Hindernisse in einem Rollstuhl bewältigen zu müssen. So galt es etwa, kleine Rampen zu überwinden.
„Die Kinder nehmen es sehr gut an“, stellte Marlene Kurz fest. Der Bundesverband Selbsthilfe Körperbehinderter wird mit dem Spielmobil regelmäßig für Feste gebucht. „Wir möchten damit zeigen, mit was für Schwierigkeiten wir zu kämpfen haben“, so Kurz.
Vorsitzender und Mitbegründer der Selbsthilfe Körperbehinderter im Land ist Willi Rudolf. Infos: www.lsk-bw.de.

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11.09.2012, 12:00 Uhr

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