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Geschichte hat auch ein weibliches Gesicht

Wie Frauen früher den Alltag meisterten

WALDDORFHÄSLACH. Der Rummel um die 800-Jahrfeier in Walddorfhäslach ist abgeklungen, da bringt die Frauenliste eine 49-seitige Dokumentation über „800 Jahre Frauen in Walddorfhäslach“heraus. Mit Bildern, Gedichten und literarischen Beiträgen erinnern sieben Autorinnen an das Leben in der Vergangenheit im Allgemeinen. Nur über wenige Walddorferinnen erfährt man Einzelheiten.

31.12.2004
  • Nina Maslwoski

Der Titel verspricht: „800 Jahre Frauen in Waldorfhäslach, eine Dokumentation.“ Klar, „Die Vergangenheit hat auch ein weibliches Gesicht“ und das natürlich nicht nur in Walddorfhäslach. Angesetzt wird deshalb fernab des Dorflebens. Die Entschuldigung folgt prompt: „Leider war es uns nicht möglich ausreichend authentische Berichte über Walddorf ausfindig zu machen, die uns ein klares Bild gestattet hätten.“ Dabei hatte das Vorwort von Claudia Beck, der ersten Vorsitzenden der Frauenliste Walddorfhäslach, darauf Appetit gemacht: „Den vielen, in der Geschichtsschreibung der vergangenen 800 Jahre unerwähnt und namenlos gebliebenen Frauen, ist unsere Festschrift gewidmet.“ Dieses Versprechen auf nur 49 Seiten einzulösen, wäre sicherlich schwierig geworden.

Die Geschäfte der Männer

Denn wie der Leser nicht nur aus der Festschrift weiß, ruhte eine Menge Arbeit auf den Schultern der Frauen in den vergangen 800 Jahren. Obwohl es nur wenige Berufe für sie gab (Hebamme, Krämerin, Bäuerin, Magd), war die Frau für vielerlei zuständig: „Sie pflanzen, hacken, gießen, kochen, waschen, putzen, verkaufen, sammeln, mähen, heilen, planen, gebären, beraten, verwöhnen, lieben, pflegen ...“. Zu Kriegszeiten führten sie dann auch noch die Geschäfte der Männer weiter.

Die Frauenliste greift in ihrem Beitrag auf Kunst und Literatur zurück, um die mittelalterliche Frau in ihrem eingeschränkten Leben zu beschreiben („gefangen im goldenen Käfig“). J.B. Metzlers Literaturgeschichtliches Lesebuch wird ebenso zitiert wie Günter Grass „Mein Jahrhundert“. Natürlich bemühen Erika Geigle, Gabriele Armbruster, Angela Sulz, Elisabeth Paesler, Marianne Luderer, Heike Sulz und Birgit Armbruster auch schriftliche Aufzeichnungen der Pfarrer. Mit Beginn des 19. Jahrhunderts stehen den Autorinnen dann endlich Dokumente aus Walddorf zur Verfügung.

Kochschule im Dorf

Im Kapitel „Erste Schritte zur Emanzipation?“ geht es zwar noch immer nicht ausschließlich um die Unteramtsgemeinde. Doch wird hier zumindest eine Walddorferin erwähnt, die als Krankenschwester auf dem Schiff Rückwanderern aus Bessarabien half. Unter der Überschrift „Gustav Werner“ liest man dann nicht nur über den Walddorfer Vikar, der später in Reutlingen das Bruderhaus gründete, sondern auch über die Kochschule im Dorf, die viele Frauen besuchten. In der Geschichte sind wir nun so weit an die Gegenwart gerückt, dass Zeitzeuginnen berichten können.

Nun wird es interessant und walddorfspezifisch. Die zweite Hälfe der Dokumentation ist den Frauen aus dem Ort gewidmet. Und obwohl keine der Geschichten 800 Jahre zurückreicht, kann man sie sich heute kaum noch vorstellen. Marie Stadelmaier wurde mit 37 Jahren zur Hebamme berufen, und half 1000 Kindern auf die Welt. Magdalena Walker, die als Waldarbeiterin einen Männerberuf ausübte, legte 40 000 Kilometer zurück. Denn zwei Stunden dauerte der Fußmarsch allein zur Arbeitsstelle. Frieda Kolb erledigte als Frau des Landarztes Managertätigkeiten für die Praxis und ihre sechsköpfige Familie.

Christine Lauxmann aus Häslach verarztete als Krankenschwester mit ihrem Allheilmittel, der „schwarzen Salbe“, die Dorfleute. Marie Müllerschön führte die Bäckerei ihres Mannes und ein Kolonialwarengeschäft, das zugleich Poststelle war.

Politischer Rückblick

Emile Necker packte überall mit an, wo eigentlich ein starker Mann von Nöten gewesen wäre: Sie bediente die Dreschmaschine, schleppte Kornsäcke und sorgte als Häslachs Farrenwärterin dafür, dass die Kühe Nachwuchs bekamen. In der Dokumentation wird der kräftigen Frau ein ganzseitiges Bild gewidmet.

Ochsenwirtin Martha Heim packte in der Küche, im Wirtshaus, im Stall und in der Landwirtschaft mit an. Obwohl klein gewachsen, griff die Bäuerin, die in der Dokumentation mit ihren Initialen E.L. abgekürzt wird, ihren Eltern unter die Arme. Bis heute geht sie „uf dr Hof“ und erzählt von früher.

Die Frauenliste schließt das Bändchen mit einem politischen Rückblick: Elfriede Krämer (FWV) zog als erste Gemeinderätin in den 70er Jahren in den Gemeinderat ein. Heute mischt neben Gabriele Armbruster und Hilde Eggensperger (Frauenliste), Susanne Heim für die Unabhängigen Bürger in der Lokalpolitik mit. Walddorfhäslachs Verwaltungsspitze ist mit Bürgermeisterin Silke Höflinger seit diesem Jahr ebenfalls weiblich, so dass die Fortschreibung der Dokumentation vielleicht nicht für die kommenden 800 Jahre, wohl aber für die laufende Amtsperiode gesichert wäre.

Wie Frauen früher den Alltag meisterten
Ein Foto aus dem Jahr 1903 zeigt Frauen beim Anlegen der Saatschule.

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31.12.2004, 12:00 Uhr

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