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Vertraut und doch so fern

Wie Irakli Burchuladze nach seiner Abschiebung sein neues Leben meistert

Der einstige Landesliga-Fußballer Irakli Burchuladze wurde Anfang 2014 aus Tübingen abgeschoben (wir berichteten). Nun lebt der 26-Jährige in seiner Heimat Georgien. Und erwartet schon im September seinen zweiten Sohn. Mit dem TAGBLATT hat er über sein neues Leben gesprochen: seinen Job bei einer Bank, den toten Fußball in der Heimat sowie den Stolz auf die junge Familie.

19.08.2015
  • moritz hagemann

Tiflis (Georgien).Über das Internet erreicht das TAGBLATT Irakli Burchuladze in Tiflis. Er hat gerade Feierabend. Die Haare wieder kurz geschoren, der Bart länger als ein Drei-Tages-Gewächs. Dazu ein hellblaues Hemd, das optisch einen Geschäftsmann aus ihm macht. Einen Ring sieht man immer wieder, auch die Uhr, die sein linkes Handgelenk ziert. Er lacht oft. Und dieses Lachen wirkt echt. „Ich habe einen guten Job gefunden“, erzählt der 26-Jährige in beachtlichem Deutsch. „Damit kann ich wirklich zufrieden sein.“

Wie Irakli Burchuladze nach seiner Abschiebung sein neues Leben meistert
Die Lebensfreude ist zurück. Irakli Burchuladze posiert in Tiflis neben seinem ganzen Stolz: Sohn Nikoloz. Privatbild

Burchuladze hat nur zwei Monate nach seiner Abschiebung aus Tübingen bei einer Bank in Tiflis angefangen. Er kümmert sich dort um Kunden, die Autokredite nehmen und dann nicht mehr bezahlen können. „Aber das ist seriös“, sagt er. Auch der Vater arbeite in der Firma, der Chef sei ein guter Freund. Während des Gesprächs klingelt immer wieder sein Telefon. Viele Anrufer drückt er weg. „Ich muss kurz rangehen“, sagt er nur einmal. Burchuladze leitet seine Abteilung und koordiniert die Mitarbeiter. „Hier musst du jeden Tag für etwas kämpfen. In Deutschland war’s einfacher.“

Training bei drei Klubs – das Gehalt ist zu wenig

Dort ging er 2008 hin, um Fußballprofi zu werden. Doch dieser Traum lebt nicht mehr. In Georgien trainierte er 2014 bei den Erstligisten Dila Gori, Sabutalor Tiflis und Spartaki Zchinwali mit. Ohne zu bleiben. „Davon kann man nicht leben“, sagt Burchuladze. Der Lohn würde sich monatlich bei rund 400 Euro bewegen. Doch nicht nur das schreckt ab. „Ich habe viele Freunde in der ersten Liga, die bekommen manchmal drei, vier Monate kein Geld.“ Es sei zwar schlimm, dass er so etwas sagen müsse, „aber der Fußball in Georgien ist tot. Wer einmal ins Stadion geht, wird sich das auch nicht wieder antun.“

Doch ganz ohne Fußball kann auch Burchuladze nicht. Im Geschäft hat er eine Futsal-Mannschaft gegründet. Und ist als Spielertrainer eingestiegen. In Georgien können Firmen am Ligabetrieb teilnehmen. „Wir sind Dritter geworden“, berichtet Burchuladze stolz. „Und das, obwohl ich hier keinen Typ gefunden habe, der Fußball wirklich liebt.“

Dafür hat er aber einen mitgebracht: seinen Sohn. Nikoloz, gerade 21 Monate alt. „Er steht auf und schreit: ‚Ball, Ball, Ball‘“, berichtet Burchuladze. Wenn sein Sohn isst, möchte er im Fernsehen Fußball schauen. „Der kennt keine Disney-Filme.“ Wohin das führt? „Er ist sehr talentiert und sogar ein Linksfuß“, sagt der Vater. „Wenn er den gleichen Traum wie ich hat, werde ich alles tun, ihm diesen zu erfüllen.“

In gut einem Monat wird der kleine Nikoloz einen Bruder bekommen. Damit gewiss keine Fehler passieren, tippt Burchuladze den Namen seines zweiten Sohnes in die Tastatur: Gigi, eine Ableitung von Georgi. Burchuladzes Bruder, der in Sandhausen lebt, hat seinen Besuch um den Geburtstermin herum geplant. „Das ist wunderbar“, sagt Burchuladze – und strahlt.

Erst dieses Jahr ist der Großvater verstorben

Und das, obwohl er vor wenigen Monaten erst seinen Großvater verloren hat. Gemeinsam mit Freundin Katja, dem Sohn und seinen Eltern lebt Burchuladze in jener Drei-Zimmer-Wohnung in Tiflis, in der er auch aufgewachsen ist. „Ich hab’ ein bisschen renoviert“, erzählt er. „Es ist eng, aber mehr können wir uns nicht leisten.“ Er will es seiner Familie so gut wie möglich machen. Das betont er oft. Nur einen Wunsch kann er seiner Freundin nicht erfüllen: die Rückkehr nach Deutschland. „Das ist nur eine Option, wenn es in Georgien keine Zukunft gibt.“

Wie Irakli Burchuladze nach seiner Abschiebung sein neues Leben meistert
Mit 3:2 gewann Irakli Burchuladze (vorne) im Mai 2012 das Duell mit dem TSV Ofterdingen bei seinem Ex-Klub TSG Tübingen. Archivbild: Ulmer

Burchuladze macht es stolz, dass sich das TAGBLATT auch in Georgien noch für ihn interessiert. „Ich habe allen Freunden erzählt, dass wir einen Termin haben“, sagt er. Weil er durch den Beruf und die Familie kaum Zeit habe, die Kontakte nach Tübingen zu pflegen. „Sagen Sie den Leuten bitte, dass mir das leid tut!“ Sein Blick wirkt nun traurig, er überlegt. Und kündigt dann an, im Sommer 2016 für zwei Wochen nach Tübingen zu kommen. „Denn ich vermisse die Stadt und die Menschen ganz arg.“ Seine Stimme wird bei diesen Sätzen leiser und leiser.

„Als Asylbewerber wäre ich auch heute noch da“

Burchuladze lehnt sich in seinem Schreibtischstuhl nach hinten. Hinter ihm eine kahle, weiße Wand. Er blickt auf. Und sagt, dass er einen Vergleich bemühen wolle: „Wäre ich nach Deutschland als Asylbewerber gekommen, wäre ich auch heute noch da.“ Burchuladze jobbte in mehreren Cafés und als DJ, hat nie Sozialhilfe bekommen – beging jedoch einen Fehler: mehr Zeit auf dem Fußballplatz als in der Universität zu verbringen. Doch er machte daraus gar keinen Hehl, sprach offen darüber, dass sein Studium nur auf dem Papier existiert. „Ich würde es heute wieder so machen“, sagt er. „Warum sollte ich auch lügen?“ Er verstehe aber nach wie vor nicht, dass die menschliche Komponente keinerlei Rolle gespielt habe.

Doch Burchuladze möchte nicht mehr klagen. Er hat sein neues Leben angenommen. Als er versucht, die politischen Verhältnisse in Georgien anzusprechen, blickt er an die Decke. Ihm fehlt ein Wort. Es lautet: Diktator. Ein solcher sei Ex-Präsident Michail Saakaschwili gewesen. Der wurde 2013 jedoch abgelöst. „Die neue Regierung wollte alles besser machen“, erzählt er. „Aber sie tut einfach gar nichts!“ Er könne allerdings ohne Angst auf die Straße. Auch seine Familie sei sicher. Die sechs Jahre in Deutschland hätten ihn entscheidend geprägt: „Ich bin als Kind aus Georgien gegangen und als Mann zurückgekommen.“

Zum Abschluss äußert Burchuladze einen großen Wunsch. Er möchte diesen Artikel gerne im Original haben. „Ich habe alles über mich in einem Ordner gesammelt.“ Er lebt nun gut 2900 Kilometer von Tübingen entfernt. Die Erinnerung ist alles, was ihm von hier geblieben ist.

Maik Schütt (aktuell beim VfL Sindelfingen tätig) trainierte Irakli Burchuladze einst beim TSV Ofterdingen und verpflichtete den Georgier auch, als er anschließend für die TuS Metzingen arbeitete. Schütt beschreibt seinen Ex-Spieler als „feinen Menschen. Er ist charakterlich schwer in Ordnung.“ Bei beiden Vereinen habe sich „Iko“, wie Schütt ihn nennt, sofort akklimatisiert. „Er war da auch sehr beliebt.“ Bemerkenswert sei gewesen, wie Burchuladze auf dem Platz geackert habe. „Auch wenn er Phasen hatte, in denen ihm einfach das Glück beim Abschluss gefehlt hat.“ Das Schicksal von Burchuladze habe er am Rande verfolgen können. „Das tut mir sehr leid für ihn und seine junge Familie“, sagt Schütt. Vor seinen Stationen in Ofterdingen und Metzingen kickte der 26-jährige Angreifer für die TSG Tübingen. Dies war Burchuladzes erste Station, nachdem ein Engagement beim SSV Reutlingen platzte. 2011 wollten ihn die Stuttgarter Kickers, doch dann brach er sich den Mittelfuß. Zudem legte „Iko“ bei den Tübinger Bundesliga-Basketballern die Musik auf.

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19.08.2015, 12:00 Uhr

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