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Ein einsamer Schienenwolf kämpft gegen den schlechten Ruf der Deutschen Bahn

Wie Oumar Toure einen der nettesten Lokführer kennenlernte

Es ist keine große Geschichte. Keine von der Art, die die Welt verändert. Und die Hauptpersonen sind auch nicht besonders bedeutend. Der eine ist Lokomotivführer, der andere lebt von Gelegenheitsjobs. Ganz normale Leute also. Aber genau deswegen ist diese Geschichte so wunderbar, dass sie unbedingt erzählt werden muss.

19.07.2015
  • Ulrich Janßen

Sie beginnt am vergangenen Dienstag gegen 22 Uhr auf dem Bahnhof in Aulendorf. Um diese Zeit erkundigt sich der 45-jährige Oumar Toure bei einem Lokführer, wie er denn am besten nach Tübingen fahre. Toure kommt aus Lindau, er hat Freunde in Österreich besucht und freut sich auf Zuhause. Er ist nett und ziemlich schwarz, denn er stammt aus Guinea. Seit 1997 ist er mit seiner Frau verheiratet, sie leben mit ihren fünf Kindern in Entringen.

Der Lokführer überlegt. Nach Tübingen? Fährt da nicht noch in Sigmaringen ein später Zug ab? Ja klar. „Nehmen Sie den.“ Toure bedankt sich und steigt ein. Eine Dreiviertelstunde später kommt der Zug in Sigmaringen an. Toure macht sich auf die Suche nach dem Tübinger Zug. Er sucht die Gleise ab, er sucht im Abfahrtsplan, doch was er nicht findet, ist der Anschlusszug.
Dafür steht er plötzlich vor dem Lokführer, der ihm in Aulendorf die Auskunft gegeben hat.

Thorsten Angermann heißt der. Er ist 52 Jahre alt, verheiratet, lebt in Bitz bei Sigmaringen, und ist Mitglied der GdL. „Ich bin der Schienenwolf“ sagt er über sich. In Sigmaringen auf dem Bahnhof aber fühlt er sich plötzlich gar nicht mehr so wölfisch. Siedendheiß fällt ihm ein, dass der letzte Zug an diesem Tag schon um 22.13 Uhr gefahren ist. Der Schienenwolf hat sich geirrt.

Das kann passieren. Die meisten Leute würden sich in so einem Fall höflich entschuldigen und dem Reisenden viel Glück wünschen. Doch Angermann sieht das anders. „Ich kann den doch unmöglich hier stehen lassen“, sagt er sich, „und eine Taxifahrt nach Tübingen kostet schließlich ein Vermögen“. Also holt er seinen Seat Leon.

Die Bahn hat zur Zeit keinen besonders guten Ruf. Unpünktlich, schlechter Service, kaputte Züge: Die Leute schimpfen viel. Speziell die Lokführer der GdL zählen momentan nicht zu den beliebtesten Menschen in Deutschland. Die sind rücksichtlos, heißt es, die kümmern sich nicht um die Interessen von Pendlern und Urlaubern, die kämpfen nur für den eigenen Vorteil.

Die Leute, die das behaupten, kennen Thorsten Angermann nicht, den Schienenwolf. Der erklärt dem überraschten Entringer, dass er ihn zum Hauptbahnhof nach Tübingen fahren werde. Und zwar gleich. Um 23 Uhr. Mit dem eigenen Auto.

Toure kann es nicht fassen. Träumt er? Was hat der Mann vor? Aber er steigt ein. Und es wird dann eine sehr nette Fahrt. Von Sigmaringen bis Tübingen sind es 65 Kilometer, die Fahrt dauert eine Stunde und fünf Minuten. Die beiden Männer sitzen nebeneinander und fahren durch die Nacht. Sie unterhalten sich über Kinder und Afrika, über Fußball und Musik.

Angermann komponiert gelegentlich und spielt Toure ein paar Stücke vor. Dem gefällt’s, er bittet um eine CD. Kurz nach zwölf kommt Angermann in Tübingen an. Und er findet, wenn er schon mal so weit gefahren ist, kann er seinen Passagier auch gleich nach Entringen fahren. „Es war ja schließlich mein Fehler“, sagt er, „und der Herr Touré war mir auch sehr sympathisch“.

Also nochmal 10 Kilometer und 19 Minuten Fahrt. In Entringen verabschieden sie sich. Und weil es ja sein Fehler war, will Herr Angermann kein Dankeschön hören und schon gar kein Geld annehmen. Herr Touré kann es nicht fassen. „Jeder kann sich glücklich schätzen“, meint er, „so einen Menschen zu kennen.“

Herr Angermann sieht das anders. „Das war doch nix Großartiges“, sagt er, als wir ihn anrufen. Aber wir dürfen ihn dann doch in der Zeitung erwähnen. Vielleicht nehmen sich ja ein paar Leute ein Beispiel daran.

Übrigens habe seine Frau unterwegs versucht, ihn zu erreichen. „Aber da war ich glücklicherweise im Funkloch.“ Erst kurz vor Daheim habe sie ihn erwischt. Zum Glück. „Ich habe ihr dann die ganze Sache erklärt, und es war okay.“
Gegen halb zwei kam Thorsten Angermann in jener Nacht daheim an. Hinter ihm lagen ein langer Arbeitstag, zweieinhalb Stunden Autorfahrt, und eine Geschichte, wie sie das Leben ruhig öfter mal schreiben könnte. Ulrich Janßen

Wie Oumar Toure einen der nettesten Lokführer kennenlernte
Oumar Toure

Wie Oumar Toure einen der nettesten Lokführer kennenlernte
Thorsten Angermann

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19.07.2015, 12:00 Uhr

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