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Band HSI-Project begeisterte mit ihren Songs ihr Publikum in Moskau

Wie Prominente gefühlt

Den Zeitunterschied spürten einige Sängerinnen des HSI-Projects deutlich: Gestern wachten sie zwei Stunden früher auf als gewohnt. Moskau mit all seinen Eindrücken ist bei den Band-Mitgliedern der Werkrealschule Innenstadt noch sehr präsent – auch die beiden Auftritte beim Goethe-Institut und bei Mercedes-Benz vor mehr als tausend Gästen.

20.06.2012
  • Ute Kaiser

Tübingen / Moskau. „Wenn man Angst hat, kann man sich nicht aufs Singen konzentrieren“: Das sagte sich die 14-jährige Melli vor dem ersten Gig und blieb gelassen. Eryam dagegen, die mittlerweile an der Mathilde-Weber-Schule auf die Mittlere Reife hinarbeitet, spürte ein „Kribbeln im Bauch“. Sie sorgte sich, dass ein Mikrophon ausfallen könne.

Noch schlimmer traf es Bandleader Hans Weiblen. „Ich war völlig runter mit den Nerven“, sagt der scheidende Musiklehrer über seinen letzten richtig großen Einsatz mit der Band: „Die Anlage war so riesig.“ Celine hatte ihr eigenes Rezept gegen die Nervosität – nicht ins Publikum zu schauen: „Dann ging es besser.“ Vor allem, weil einige Zuhörer schier ausflippten, was die zwölfjährige Sofie zum Lachen fand, während andere sich „eher nobel“ verhielten.

Fünf aktuelle und fünf ehemalige Schüler/innen der Werkrealschule Innenstadt hatten eine Einladung nach Moskau bekommen (siehe Kasten). Das erforderte einiges an Organisation. Sebo, 18, konnte nur mitfahren, weil seine Berufsschule in Metzingen und die Handwerkskammer kooperativ waren und eine Prüfung vorverlegten und sein Arbeitgeber ihm freigab. Katrin, die Altenpflegerin werden will, lernte auch in Moskau ständig. Sie kam erst einen Tag vor einer Prüfung zurück.

Junge Russinnen wollten Autogramme

Die HSI-Band singt von Werten wie Respekt und Toleranz. Diese Texte passten gut zum Leitbild von Mercedes-Benz, sich an Regeln zu halten. Timur Raffiges, „der russische Gottschalk“, so Weiblen, moderierte die Songs an. Das russische Publikum – Mitarbeiter von Mercedes und ihre Familienangehörigen – sollten die Botschaften der Songs verstehen. Die kamen an. Das zeigten „Bravo“-Rufe und die Autogrammwünsche junger Russinnen.

Bei ihrem Auftritt im Goethe-Institut lernten die Bandmitglieder die Berliner Singer und Songwriter Berge kennen. Auf der Riesenbühne von Mercedes-Benz im Park vor dem Olympiastadion erlebten sie zudem, wie eine einheimische Band mit Russenpop das Publikum rockte. Mindestens so aufregend war für sie das Fünf-Sterne-Hotel, in dem sie mitten in der Stadt untergebracht waren. „Man hat sich voll prominent gefühlt“, sagt Melli. In den Zimmern fehlte es an nichts. Selbst auf der Toilette stand eins von drei Telefonen. Und auf dem jeden Tag anders mit Blumen dekorierten Frühstücksbüfett gab es echten Kaviar.

Bei ihren Ausflügen in die Stadt wunderten sich die Sängerinnen über viele Russinnen, die extrem hohe High Heels und sehr eng anliegende Kleider mit tiefen Ausschnitten trugen. Aber auch die Band war für ihren Auftritt mit Blazern und Klamotten in den Farben blau, weiß und schwarz bühnenreif angezogen. Auch schön verzierte Häuser, stalinistische Gebäude wie die Uni, denen die russische Führung moderne Hochhäuser entgegensetzen lässt, hinterlassen bleibende Eindrücke.

Von aktuellen politischen Auseinandersetzungen bekamen die Tübinger nicht viel mit. An einem Tag begegneten ihnen ein paar Dutzend „alter Kommunisten“, wie Melli sagt. Eine Großdemo der Opposition hatten sie um einen Tag verpasst. „Man fühlt sich wie in einer modernen europäischen Großstadt“, sagt Schulleiter Fritz Sperth. In der russischen Metropole sind alle Edelmarken vertreten und auf den Straßen fahren teuerste Geländewagen und Luxusautos. Aber die Reisegruppe bekam auch mit, dass sich viele diesen Luxus nicht leisten können.

Die Reise durch harte Arbeit verdient

„So was vergisst man nicht“, sagt Eryam über die Auftritte und das Zusammensein in der Gruppe: „Wir haben es zusammen gemeistert, wir können zusammen stolz darauf sein.“ Die fünf Tage in der Großstadt, sagt Sofie, „sind ein ganz anderes Erlebnis als ein Strandurlaub“. Und die Lehrer, finden alle, seien viel lockerer gewesen als in der Schule. Auf und vor der Bühne haben alle wie Profis agiert. „Wir haben es verdient, dass wir nach Moskau dürfen“, findet Melli: „Wir haben auch hart dafür gearbeitet.“

Wie Prominente gefühlt
Die Basilius-Kathedrale am südlichen Ende des Roten Platzes in Moskau ist eins der Wahrzeichen der russischen Hauptstadt. Sie durfte beim Stadtrundgang des HSI-Projects der Werkrealschule Innenstadt (WRI) und der begleitenden Lehrer/innen nach den großen Auftritten nicht fehlen. Vorne von links: Jandira und Alex, hinten von links Eberhard Hermann, Bandleader Hans Weiblen, Sofie, Melli, Algazy, Celine, Michelle, Katharina Albrecht, Eryam, Lisa, Sebo, Katrin und Schulleiter Fritz Sperth.

Der ehemalige Tübinger Jürgen Sauer, der mittlerweile Präsident von Mercedes-Benz Russland ist, hatte das HSI-Project bei einem Auftritt in Tübingen gehört und spontan für eine Veranstaltung seines Unternehmens in Moskau gebucht. „Er wollte immer nur das Beste für uns“, sagt Sofie. Als die Sänger/innen einmal an verschiedenen Tischen hätten sitzen sollen, hat sich der Präsident persönlich um eine andere Platzierung gekümmert. Die Band dankte ihm beim Abschied musikalisch. Sie sang auf der Straße a cappella ihren Song „Prayer“. „Gewalt ist keine Lösung, nur Gefühle zählen“, heißt es darin.

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20.06.2012, 12:00 Uhr

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