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Wie Sebastian Kurz Österreichs Außenpolitik verändert hat
Sebastian Kurz ist der jüngste Außenminister der österreichischen Geschichte. Foto: Imago
Perfekter Praktikant

Wie Sebastian Kurz Österreichs Außenpolitik verändert hat

Nach einem Jahrzehnt der Zurückhaltung setzt Österreich auf eine selbstbewusste Außenpolitik. Der junge Außenminister Sebastian Kurz ist das Gesicht dafür. Wer ist dieser konservative Aufsteiger?

09.04.2016
  • NORBERT MAPPES-NIEDIEK

Ein prüfender Blick auf die makellos gewienerten Schuhe. Eben noch die Manschetten unter dem faltenfreien Sakko hervorgezupft. Alles perfekt. Lächeln kann Sebastian Kurz immer noch sehr gewinnend. Die helle Stimme ist noch dieselbe wie vor gut zwei Jahren, als der blutjunge Staatssekretär für Integration zum jüngsten Außenminister der Welt befördert wurde. Sein Sprechtempo hat er seither gedrosselt. Die Sätze sind klar, nie zu lang, und sie bleiben haften. Manchmal wartet man gespannt auf das Prädikat. Das fällt dann immer ein bisschen anders aus als man vermuten musste. Hier denkt einer.

Show-Star, Schnösel, Selbstdarsteller, musste sich Kurz noch nennen lassen, als er 27-jährig ins Amt kam. Nichts hat gestimmt. Der Minister verdankt seine Ausstrahlung keinem schauspielerischen Talent, er meint es ernst. Wer in ihm den arroganten kleinen Angeber mit hochgestelltem Polokragen sah, hatte nicht richtig hingesehen.

Nicht im schicken Hietzing wuchs der Sohn eines Ingenieurs und einer Gymnasiallehrerin auf, sondern im irdischen Meidling, dem Stadtteil, von dem das harte „L“ des Wiener Proletariats seinen Namen hat. In seine Schulklasse gingen zur Hälfte Migrantenkinder. Die Eltern nahmen damals Bosnien-Flüchtlinge auf.

Nicht „cool sein“ ist sein Imperativ, sondern: authentisch sein, klar sein, immer das für richtig Erkannte tun. Es gelingt ihm. Das Du, das ihm altersgemäß noch immer leicht von den Lippen kommt, klingt nie anbiedernd, nie gönnerhaft. Wenn er Economy fliegt, oft zum Ärger seiner Diplomaten, dann nicht des Effektes wegen, sondern weil es so passt. Höflich widersprechen, wo nötig. Die Eloquenz kommt aus keiner Rhetorikschulung. So sprechen kann nur, wer sein Anliegen gedanklich ganz durchdrungen hat.

Nicht die Show steht hinter dem perfekten Auftreten, kein Bluff. Da sucht jemand die vollkommene Balance von Form und Inhalt. Keine Spur zu selbstbewusst gibt sich Sebastian Kurz, aber auch keine Spur zu demütig. Die zarte Röte ist inzwischen von seinen Wangen verschwunden. Die Beine setzt er jetzt breiter als noch vor einem halben Jahr. Weil es so passt. Echt ist die Neugier - etwa wenn der Minister sich in Saudi-Arabien plötzlich in ein Einkaufszentrum bringen lässt, einfach um mal zu sehen, wie die Menschen hier so sind.

Nicht mehr so echt ist der Respekt. Hinter der Bühne erlaubt sich Kurz, der Sieger, schon ein leicht triumphales Lächeln über den Sieg, den er mit der Schließung der Balkanroute über die mächtigste Frau der Welt errungen hat. Vor dem Vorhang hat der junge Mann noch immer „größten Respekt“ vor der ehrbaren Angela Merkel. Die „hässlichen Bilder“ aus Idomeni, wo Flüchtlinge im Schlamm leben, hat er zwar selbst gefordert. Dieselben Bilder „schrecklich“ zu finden, lässt er sich nicht nehmen.

Vernunft, Moral, Härte, Empathie, Demut und Selbstbewusstsein: All das will Kurz im Gleichgewicht halten.

Hässlich sind die Bilder aus Idomeni trotzdem, und so perfekt, sie vergessen zu machen, kann Kurz nicht sein. Dass kein noch so guter Minister die Schwächen seines Hauses wettmacht, wussten Kritiker schon bevor Kurz zum Talkshow-Star wurde. Die Entscheidung, die Balkanroute zu schließen, fiel an einem Ort, an dem über Europas Zukunft kaum nachgedacht wird. Außer Kurz hat Österreichs Außenpolitik wenig zu bieten. Klopft man an den perfekten Body des Ministers, klingt es hohl.

Sein Erfolg sei ihm „zu Kopf gestiegen“, und er höre auf ein „Küchenkabinett“, hat Fürst Karl Schwarzenberg dem Minister ausgerichtet, der 78-jährige einstige tschechische Außenminister, der als Spross einer alten Adelsfamilie in Wien populärer ist als in Prag. Das war unfair und treffend zugleich.

Kurz hört zu und nimmt die Expertise des Ministeriums ernst: Das loben auch Mitarbeiter, die nicht aus seinem konservativen Stall kommen. Aber es stimmt auch, dass an Expertise dort nicht viel zu holen ist. In Afrika etwa, den Heimatländern vieler Flüchtlinge, ist Österreichs Diplomatie kaum vertreten. Noch unter Kurz schloss Wien sogar Botschaften in vier EU-Ländern, darunter den drei baltischen.

„Selbstverzwergung“ nennt der Politologe Helmut Kramer, was Österreichs einst so respektable Diplomatie im vergangenen Jahrzehnt betrieben habe. Das Ergebnis sei eine „Draußenpolitik“. Den Sarkasmus des alten Doyens teilen auch jüngere Kollegen - von denen es nicht mehr viele gibt. Den Tiefpunkt der Entwicklung bildete die Ära von Michael Spindelegger, dem Vorgänger Kurzens. Der Förderer des jungen Talents interessierte sich mehr für die Mehrheitsverhältnisse im Landesverband seines Arbeiter- und Angestelltenbunds als für Syrien. Selbst im Europäischen Rat schwänzte er mehr als 60 Prozent der Sitzungen.

In Washington, dem stärksten Machtzentrum der Welt, beschäftigt Wiens Botschaft gerade so viele Mitarbeiter wie die Luxemburgs. Nur die Vertretungen der EU-Länder Zypern und Malta sind noch schwächer, rechnete die langjährige Spitzendiplomatin Eva Nowotny aus. Ganze Abteilungen in der Wiener Zentrale werden von zwei oder drei Mitarbeitern geführt. Die Beamten wurden immer weniger, ihre Arbeit übernahmen Praktikanten. Einer von ihnen, an der Botschaft in Washington, hieß Sebastian Kurz.

Dass der Minister der heruntergekommenen Außenpolitik jetzt wieder Aufmerksamkeit schenkt, erkennen in Wien auch Gegner an. Aber erfahrene Diplomaten warnen davor, dass Österreich sich übernehmen könnte. „Mit eingeschränktem Gesichtskreis ist leicht Kurs halten“, so ein langjähriger Botschafter. Einen „jungen Metternich“ nannte die FAZ den jungen Minister voll Bewunderung, als Kurz im Januar bei Angela Merkel für seinen Kurs warb. Ohne Apparat allerdings, so der Diplomat, wäre auch aus dem geschickten Staatsmann bloß ein Milli-Metternich geworden. Der aber Kurs hält: Nach der Balkanroute wollen Kurz und seine treuen Alliierten, die strenge Innenministerin Johanna Mikl-Leitner und Verteidigungsminister Hans-Peter Doskozil, ein Polizist, jetzt immer mehr Grenzen schließen. Als nächstes ist der Brenner an der Reihe. Italien soll „seine Grenzen schließen“. Nach vier Jahren Debatte über Flüchtlingsboote heißt das: ertrinken lassen.

Wohin der Kurs führt, ist in Wien kein Thema. So perfekt Kurz sein Auftreten und Können im Gleichgewicht hält: Dass ihm letzlich die Bedeutung seines Landes seine Rolle zuweist, hat der Aufsteiger noch nicht erkennen lassen. So forderte er treuherzig, in Syrien Bodentruppen gegen den IS einzusetzen. Keine österreichischen allerdings: Österreich sei ja neutral.

In der Flüchtlingspolitik täuscht kein diplomatisches Kabinettstückchen über die erbärmliche Performance des Landes hinweg. Die EU müsse mehr für Flüchtlinge im Nahen Osten tun, verlangte Kurz. Aber Österreich hat bis 2014 pro Einwohner ganze 33 Cent an das UN-Flüchtlingshilfswerk gezahlt. Die Schweiz gab das Zehn-, Schweden das Dreißigfache. Kurz kann nichts dafür; die Versäumnisse geschahen vor seiner Zeit. Verantwortlich fühlt sich der junge Minister nur für seine eigenen Handlungen. Nicht für die Verhältnisse.

Das Muster verfestigt sich. Schon als 24-jähriger Staatssekretär machte er mit weltoffenen Kampagnen gegen Rassismus von sich reden. Wenn ihm jemand die rigorose Einbürgerungs- und Flüchtlingspolitik um die Ohren haute, schwieg er. Perfekt aussehen geht auf Dauer nur, wenn der Fotograf den Hintergrund ausblendet. Und gar nicht, wenn sich schlammverschmierte Kinder aus Idomeni ins Bild drängen.

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09.04.2016, 06:00 Uhr

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