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Wie Titanic gegen Eisberg
Ein bisschen Show muss sein: Wladimir Klitschko (links) und Tyson Fury im Augen-Duell. Foto: Eibner
Wladimir Klitschko im 28. WM-Fight - Gegner Fury spuckt große Töne

Wie Titanic gegen Eisberg

Alles sieht nach einem leichten Gang für Wladimir Klitschko aus: Der Schwergewichts-Weltmeister verteidigt seinen Titel zum 19. Mal. Herausforderer des seit elf Jahren ungeschlagenen Ukrainers ist Tyson Fury.

28.11.2015
  • SID

Düsseldorf. Wladimir Klitschko stand da wie ein Felsblock. Er zuckte nicht, er blinzelte nicht, er fixierte seinen Gegner mit Eiseskälte und funkelnden Augen. Beim traditionellen "Staredown" in einer Essener Kaufhauszentrale hielt Herausforderer Tyson Fury das etwa fünf Sekunden lang aus - dann flatterten seine Lider, er musste sich mit Faxen und Witzchen davonstehlen.

Heute (22.10 Uhr/RTL) gibt es kein Entkommen: Die beiden Giganten krachen nach einer Reihe von Provokationen und Beleidigungen endlich im Box-Ring aufeinander. WM-Kampf im Schwergewicht, Düsseldorf, Fußball-Stadion, 45 000 Zuschauer. Hier Wladimir Klitschko, 1,98 m, 111,5 kg, seit elf Jahren ungeschlagen, dort Tyson Fury, 2,06 m groß und noch 500 g schwerer.

"Es ist wie die Titanic, die den Eisberg rammt! Jeder dachte, die Titanic sei groß genug. Aber der Eisberg ist am längsten da. Er herrscht seit Ewigkeiten", sagte Klitschkos Trainer Johnathon Banks. Fury, ein begnadeter Showman, aber augenscheinlich weit weniger austrainiert, kontert: "Leute, es ist nicht mehr 1912. Im Jahr 2015 geht so eine Geschichte anders aus!"

Wie es ausgeht, darüber sind sich alle Experten einig. Witali Klitschko ("nach der halben Kampfdistanz"), der in Wladimirs Ringecke stehen wird, Henry Maske, Lennox Lewis, selbst sämtliche Journalisten von der Insel tippen auf einen lockeren Klitschko-Sieg: Der "Jab-Roboter" werde seinen Gegner zermürben.

Die einzige Gegenstimme kommt von Fury selbst - aber was für eine! Mit einer Bette-Midler-Interpretation überraschte er im Düsseldorfer Flughafen, er brachte Klitschko ein Ständchen: "Du bist der mit all dem Ruhm, aber ich werde der mit all den Gürteln sein!" Zuvor war der charismatische Koloss, Sohn irischer Einwanderer aus schwierigen Verhältnissen, grobschlächtiger unterwegs. "Du bist ein Narr, ein Idiot, ein einfältiger Roboter", warf er dem Ukrainer in Interviews fast schon geifernd entgegen: "Wladimir hat das Charisma einer Unterhose. Null."

Dr. Wladimir Klitschko, promoviert in Sportwissenschaft, kündigt eine tiefgehende Großmaultherapie an. "Ich glaube, er ist geisteskrank. Ich werde ihn im Ring therapieren", sagte er. Und, direkt an Fury: "Du weißt, ich bin Doktor. Ich werde Dich retten."

Fury (England/27) ist also fraglos der perfekte Mann, um einen Kampf zu verkaufen, in den er überschaubares sportliches Renommee einbringt. 2009 schlug er sich in einem Kampf selbst einen Haken ans Kinn, es war ein Hit bei Youtube. Vor Abermillionen am TV wird er nun beweisen müssen, dass er wirklich eine Sensation in der Faust hat.

Klitschko kämpft nicht nur seinen 28. Titelfight, er ringt auch um seinen Platz in der Box-Geschichte. Geht es nach der "Amtszeit" auf dem Thron, steht er schon jetzt in einer Reihe mit seinen Idolen. "Ich bewundere Joe Louis", sagte der 39-Jährige, "er ist eine Ikone." Selbiges gilt für Larry Holmes, einen der Allerbesten, "ein Idol".

Klitschko hat zuletzt im April 2004 gegen Lamon Brewster einen Kampf verloren, im ewigen Schwergewichts-Ranking der Weltmeister steht er mit neuneinhalbjähriger "Regentschaft" vor Holmes (7 Jahre, 3 Monate) und nur noch hinter dem "Brown Bomber" Louis. Auch der ist mit 11 Jahren und 8 Monaten noch erreichbar, sollte Klitschko nicht nachlassen. Gewinnt er, bleibt als letzte Herausforderung ein Vereinigungskampf mit WBC-Champion Deontay Wilder. Verliert er, könnte sein letzter Gong geschlagen haben.

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28.11.2015, 08:30 Uhr

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