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Um Infektionen zu vermeiden

Wie an Tübinger Kliniken auf Hygiene geachtet wird

Der Tod dreier Säuglinge an der Uniklinik in Mainz hat eine Diskussion über Hygiene-standards in Krankenhäusern ausgelöst. Am Uni-Klinikum Tübingen und in der Berufsgenossenschaftlichen Unfallklinik wird für mehr Sauberkeit am Krankenbett gearbeitet. Doch die Kapazitäten sind begrenzt.

26.08.2010
  • Uschi Hahn

Tübingen. Noch ist nicht genau geklärt, ob die Frühgeborenen an den mit Darmbakterien verunreinigten Nährlösungen starben. Dennoch reagierte man am Uni-Klinikum Tübingen (UKT) sofort. „Die Liste der in Mainz verwendeten Lösungen wurde geprüft“, sagt UKT-Sprecherin Dr. Ellen Katz. Demnach wird keine der Substanzen am UKT verwendet.

Wie an Tübinger Kliniken auf Hygiene geachtet wird
Klinik-Hygiene fängt beim Händewaschen an. Das demonstrieren hier die Fachleute am Tübinger Institut für Medizinische Mikrobiologie und Hygiene (im Bild von links): Oberarzt Matthias Marschal sowie die Medizinisch Technischen Assistentinnen Dilek Ipek-Tas und Ulrike Lösch. Bild: Sommer

Überhaupt sei die Situation hier anders als in Mainz, erklärt der Leiter der Krankenhaushygiene am UKT Prof. Peter Heeg. Jährlich werden in der Tübinger Neonatologie etwa 100 Frühgeborene mit einem kritischen Geburtsgewicht unter 1500 Gramm behandelt. Die Lösungen, mit denen sie ernährt werden, stellt am UKT nicht die Zentralapotheke zusammen, in der es in Mainz vermutlich zu der Verunreinigung mit den Keimen kam. „Bei uns werden die Lösungen individuell auf Station zusammen gestellt“, so Heeg. Es gebe dafür einen speziellen Raum mit einer so genannten Sterilbank. Für die dafür zuständigen Personen gebe es „ganz genaue Hygienevorschriften“.

Der Tübinger Hygiene-Experte kann sich gut vorstellen, wie es zu solch tödlichen Pannen wie wohl in Mainz kommen kann: „Da ist immer der menschliche Faktor.“ Menschen, so Heeg „machen Fehler, weil sie belastet sind, weil sie im Stress sind.“ Da, so der Hygiene-Beauftragte, „schlagen die ganzen Personalprobleme durch“. Nicht umsonst laute eine Empfehlung des bundesweit für Infektionsfälle zuständigen Robert-Koch-Instituts (RKI), dass die Zusammensetzung von Mischinfusionen „ohne zeitlichen Druck geschehen“ solle. Aber das sei schwierig umzusetzen: „Was macht man heute schon ohne zeitlichen Druck?“

Was jetzt für alle Krankenhäuser gefordert wird – spezielle Hygieniker oder zumindest Hygiene-Beauftragte – , ist am UKT zwar umgesetzt. Heeg hat sogar einen ärztlichen Mitarbeiter und dazu drei Hygiene-Fachkräfte. Doch bei einem Haus mit 1500 Betten, in dem jährlich rund 66 000 Patienten stationär und 255 000 ambulant behandelt werden, sei man damit „vorsichtig ausgedrückt, nicht überbesetzt“, stellt Heeg fest.

Dass derzeit in Baden-Württemberg eine Verordnung zur Krankenhaus-Hygiene erarbeitet wird, findet der UKT-Hygieniker zwar gut. Doch man müsse „das Ganze mit den notwendigen personellen und strukturellen Mitteln ausstatten“. Sprich: die Krankenhaus-Hygiene kostet Geld.

Geld, das gut investiert wäre: Jährlich infizieren sich in Deutschland rund 600 000 Patienten in Kliniken mit Krankheitserregern. Bis zu 40 000 Menschen sterben an diesen Krankenhaus-Keimen. Rund ein Drittel der Klinik-Infektionen, schätzen Heeg und andere Fachleute, gehen aufs Konto „mangelnder Krankenhaus-Hygiene“.

Ein Mittel, die Ansteckung in der Klinik zu verhindern, ist die gründliche Hände-Desinfektion von Ärzten und Pflegepersonal vor jedem neuen Patientenkontakt und nach jedem Gang aufs Klo. So lassen sich nicht nur Darmbakterien abtöten, wie sie in der Mainzer Nährlösung gefunden wurden. So könnte auch die Ausbreitung von MRSA (Methicillin-resistenter Staphylococcus aureus) eingedämmt werden.

Viele Menschen tragen das Bakterium, das gegen die meisten Antibiotika resistent ist, in sich, ohne krank zu werden. Bei Patienten mit geschwächter Immunabwehr kann es aber zu schweren Infektionen bis zum Tod führen. Und es wird durch Hautkontakt übertragen – eben auch über Hände.

Vor zwei Jahren startete am UKT die Kampagne „Universitäts-clean-ikum“, um Ärzte und Pflegepersonal zur regelmäßigen Händedesinfektion zu bringen. Mit einigem Erfolg. Bei Untersuchungen, wie viel Desinfektionsmittel in Kliniken verbraucht wird, liegt das UKT, wie Heeg sagt, „insgesamt über dem Bundesdurchschnitt, im Intensivbereich sogar weit darüber“. Am „fleißigsten“ seien beim Händedesinfizieren im übrigen die Mitarbeiter der Intensivstation in der Neonatologie – da, wo die extrem empfindlichen Frühchen liegen.

Die Kampagne war auch sonst erfolgreich: Die Zahl der jährlichen Infektionen mit MRSA-Keimen, die 2005 am UKT noch bei 246 lag, ging auf 203 im vergangenen Jahr zurück.

Das ist immer noch viel höher als in den Kliniken in den Niederlanden, wo die Zahl der MRSA-Infektionen nahezu bei null liegt. Dort werden alle neuen Patienten auf die Antibiotika-resistentenBakterien untersucht und zumindest so lange isoliert, bis das Ergebnis fest steht. Am UKT, berichtet der Hygieniker Heeg, untersucht man nur Risiko-Patienten, zum Beispiel Diabetiker mit chronisch offenen Beinen, und isoliert sie im Zweifelsfall. „Die Isolierung von allen neuen Patienten wäre bei uns aufgrund der räumlichen Bedingungen gar nicht möglich“, sagt Heeg. „Wir haben auch die Mitarbeiter nicht.“

Knocheninfektionen sind großes Problem

Die Tübinger Berufsgenossenschafliche Unfallklinik BG, hat keinen speziellen Hygieniker. Hier kümmern sich ein Oberarzt als Beauftragter und eine Fachkraft um die Klinik-Hygiene. Wie am UKT gibt es auch hier einen Hygieneplan und eine Hygiene-Kommission.

Die Bekämpfung von MRSA-Keimen sei an der BG mit ihrer Unfall- und der orthopädischen Chirurgie besonders wichtig, sagt der BG-Sprecher Sven Sender. Denn Infektionen im Bereich der Knochen seien ein „großes Problem“. An der BG werden auch Patienten behandelt, die sich in anderen Kliniken mit Erregern infiziert haben. Es gibt dafür einen besonderen „septischen Operationsbereich“ und 40 spezielle Isolierbetten.

Im vergangenen Jahr startete auch die BG bei ihrem Personal eine „Aktion saubere Hände“.

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26.08.2010, 12:00 Uhr

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