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Sehhilfe auf vier Pfoten

Wie blinde Menschen mit Blindenführhunden mehr Unabhängigkeit bekommen

Eine abgeflachte Bordsteinkante, Menschen, die den Blindenführhund streicheln: Viele Schwierigkeiten von Sehbehinderten sind Sehenden nicht bewusst. Ausgebildete Trainer schulen Blinde im Umgang mit Stock und Hund. Doch auch Sehende können mit ihrem Verhalten den Alltag für blinde Menschen leichter machen. Ein Beitrag zum heutigen Tag Sehbehinderung.

06.06.2015
  • Jörg Schäfer Sara Vogt

Tübingen/Horb.Max würde sich am liebsten mitumarmen lassen, als Marita Bürmann-Eigler zur Begrüßung Hartmut Gerst drückt. Doch Max ist bei der Arbeit. Max ist Gersts Blindenführhund und ein wichtiger Faktor für seine Selbstständigkeit. Bürmann-Eigler ist Mitglied bei der Allgemeinen Blinden- und Sehbehindertenhilfe (ABSH). Die ABSH hatte zu einem Treffen jüngst den Orientierungs- und Mobilitätstrainer Sebastian Prins eingeladen. Er bringt Blinden und Sehbehinderten bei, wie sie sich mit dem Blindenlangstock oder dem Blindenführhund sicher bewegen können. In seinem Vortrag versuchte er, den Zuhörern vor allem Mut zu machen, eines dieser Hilfsmittel zu verwenden.

Marita Bürmann-Eiglers Ehemann Harald ist blind. Sie beschreibt die Schwierigkeiten, die einige Betroffene haben: „Der Stock, der Hund und die Binde bedeuten ein Outing.“ Ihre Einschränkung ist ihnen unangenehm. Zusätzlich wirkten die ersten Gehversuche in neuem Gelände meist unbeholfen, einige sehbehinderte Menschen befürchteten auch blöde Kommentare.

Diese Hemmungen möchte Experte Prins seinen Klienten nehmen. Oft beginnt er deshalb in Nachbarorten oder in anderen Städten mit dem Training. Dort übt er die richtige Stockhaltung, wie breit und in welchem Rhythmus die Blinden den Stock führen müssen. Mit genügend Routine spüren sie dann Hindernisse wie Bordsteinkanten auf. „Der Stock ist zwei Meter vor Ihnen, der warnt Sie rechtzeitig vor Hindernissen“, erklärt Prins die Vorteile.

Der vielleicht wichtigste Vorteil ist jedoch: Die sehenden Menschen nehmen Rücksicht, gehen aus dem Weg und manche helfen sogar an schwierigen Stellen. Zu diesen kniffligen Situationen gehören zum Beispiel abgeflachte Bordsteine: „Da ist oft unklar, wo der Gehsteig endet und die Straße beginnt“, sagt Mobilitätstrainer Prins.

Der Blindenführhund erkennt solche Stellen und warnt sein Herrchen. „Mit Hund laufen Sie entspannter und geschmeidiger“, sagt Prins. Dafür benötigt das Tier jedoch auch viel Zuwendung. Etwa zwei Stunden am Tag müsse er dafür investieren, sagte Hartmut Gerst. Unter anderem muss er es seinem Hund immer wieder ermöglichen, sich freier zu bewegen.

„Perro“ heißt der Blindenführhund von Kurt Brei. Der 54-jährige Nagolder ist seit seinem 17. Lebensjahr blind. Der Hund gibt ihm Freiheit, wie er immer wieder betont. Zusammen mit Perro ist er auch viel in Nagold und in den Geschäften unterwegs. Brei findet, dass sehr wichtig ist, Präsenz zu zeigen: „Viele wissen nicht, dass Blindenführhunde mit in Geschäfte und Cafés dürfen.“

Mit seinem Perro macht er auch Blindenführhund-Vorstellungen: Mit Parcours, mit Rampen, Brücken und Höhenunterschieden, Zebrastreifen und Stolperfallen demonstriert er, was Perro so alles kann. Bei einer längeren Treppe zum Beispiel, nimmt Perro mit den Forderläufen die erste Stufe und bleibt dann stehen. So signalisiert er seinem Herrchen, dass nun eine länger Treppe kommt.

Bei einer Tür stellt sich der Blindenführhund mit dem Kopf direkt unter die Türklinke. So kann Brei sich am Kopf des Hundes orientieren und weiß dann, wo die Türklinke ist. Vor Stolpersteinen und Abgründen stellen sich die Hunde quer. Der elfjährige Flat Coated Retriever spricht sogar mehrere Sprachen und wurde hauptsächlich auf Italienisch ausgebildet. „Das hört sich für den Hund schöner an“, sagt Brei scherzhaft: „Aber er kann auch Schwäbisch.“

Der Blindenführhund und der Stock geben Blinden und Sehbehinderten ein großes Maß an Unabhängigkeit. Trotzdem gibt es immer wieder Situationen, in denen sie nicht weiterkommen. Dann wird ein dritter Punkt der Schulungen wichtig: Passanten richtig ansprechen. Diese seien in aller Regel hilfsbereit, sagt Mobilitätsexperte Prins. Auf die Frage nach dem richtigen Weg aber zeigen sie dann einfach in eine Richtung. Deshalb schult der Trainer seine Kunden darin, konkret zu fragen: „Muss ich zur Kirche nach rechts oder nach links gehen?“

Oft sind den Sehenden die Schwierigkeiten der Blinden nicht ausreichend bewusst. So beschrieb etwa Hartmut Gerst die Herausforderung für seinen Hund Max, wenn dieser während der Arbeit gestreichelt wird. Denn das Tier ist hochkonzentriert und wird dadurch abgelenkt.

Im Straßenalltag bräuchten Blinde in der Regel keine Unterstützung. „Wenn sie zielstrebig unterwegs sind, ist meist alles in Ordnung“, sagt Trainer Prins. Eine Ausnahme seien öffentliche Verkehrsmittel. In Bussen steigen Blinde bewusst vorne ein, um mit dem Fahrer Kontakt halten zu können. Daher sei es wichtig, dort die Plätze freizumachen. Und beim Einkaufen ist es einfacher, wenn man ihnen Wechselgeld und Ware direkt in die Hand drückt.

Siehe auch der Artikel „Jeder hat eine Gabe“ auf der Seite „Aus dem Gäu“

Wie blinde Menschen mit Blindenführhunden mehr Unabhängigkeit bekommen
Wurde auf Italienisch ausgebildet: Blindenführhund Perro. Heute ist der Tag der Sehbehinderung.Bild: sav

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06.06.2015, 12:00 Uhr

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