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Aristokratische Alternative zur Fußlümmelei

Wie die Fidelia auf den Neckar gekommen ist

Am Sonntag feiert der Tübinger Ruderverein „Fidelia“ 100 Jahre Rudern in Tübingen. Die Geschichte des Vereins reicht sogar noch weiter zurück, wie der Club-Chronik zu entnehmen ist. Wieso die „Fidelia“ zwei Jahreszahlen im Vereinsnamen trägt, wer den Ruderern den Weg auf den Neckar verbauen wollte – hier sind die wesentlichen Tübinger Ruder-Daten im Überblick.

16.07.2011
  • Thomas de Marco

Tübingen. Das Schild ist von weitem zu erkennen und warnt eindringlich: „Halt! Stauwehr“. Wenn die Tübinger Ruderer auf ihrer Neckarstrecke in die Riemen oder Skulls greifen, sitzen sie mit dem Rücken zu dieser Tafel. Aber sie wissen immer ganz genau, wann sie wenden müssen. Doch was den Tatendrang der Männer und Frauen in den Booten bremst und die Trainingsstrecke des Tübinger Rudervereins auf 2,5 Kilometer begrenzt, macht das Rudern auf diesem Teil des Neckars überhaupt möglich: Erst die Aufstauung des Flusses hatte dafür gesorgt, dass die Boote genügend Wasser unter den Kiel bekamen.

1911 wurde das Stauwehr zur Energiegewinnung gebaut – und weckte sofort Begehrlichkeiten beim Tübinger Verein „Fidelia“, der das Rudern in sein Programm aufnehmen wollte und nach einem Anlegeplatz am Neckar suchte. Doch ein Tübinger Stadtbautechniker stellte sich quer und machte klar: „An mein’ Neckar kommt so äbbes et.“ Allerdings hatte er nicht mit dem Beharrungsvermögen der „Fidelia“ gerechnet, die sich mit ihrem Wunsch letztlich durchsetzte und schließlich auf dem Neckar rudern durfte.

Wieso aber hat der Tübinger Ruderverein „Fidelia“ 1877/1911 gleich zwei Jahreszahlen in seinem Namen? 1877 steht für das Gründungsjahr der Gesellschaft „Fidelia“, die aus dem im selben Jahr entstandenen, nur kurzlebigen „Schleglerbund“, hervorgegangen war. Laut eines Sitzungsprotokolls gingen die Gründer dieser Vereinigung vom Grundsatz aus, „dass es in Tübingen, einer Universitätsstadt, jungen Männern, die Anspruch auf Intelligenz machen, ohne zu der studierenden Jugend zu gehören, wohl anstehe, der Studentenschaft gegenüber eine eigene Körperschaft zu bilden.“

Die mindestens 18 Jahre alten Mitglieder hatten ein Grundrecht der freien Meinungsäußerung, das vor allem bei Gesellschaftsabenden (Kneipen) im Wirtshaus ausgeübt wurde. Im Lauf der Jahre kamen Kegelabende, Jagdwagenausflüge und Stiftungsfeste dazu, die Gesellschaft florierte. Doch um die Jahrhundertwende ging die Zahl der Mitglieder auf einmal zurück, was an der zunehmenden Konkurrenz von geselligen Vereinigungen lag. Dabei bekam „Fidelia“ auch die Anziehungskraft des Rasensports zu spüren.

Wie die Fidelia auf den Neckar gekommen ist
Nachdem der Neckar 1911 aufgestaut wurde, bekam das Rudern in Tübingen enormen Auftrieb.Bilder: TRV

Als Rasensport wurde damals bezeichnet, was heute auf der ganzen Welt Millionen Menschen und Milliarden Euro bewegt – der Fußball. Was zunächst als „Fußlümmelei“ oder „englische Krankheit“ abqualifiziert worden war, erlebte ab 1890 in ganz Deutschland und auch in Tübingen einen enormen Aufschwung mit der Gründung vieler Fußball-Vereine.

Vor allem für die Mittelschicht war der Fußball attraktiv – und eben aus dieser Mittelschicht gingen auch die Mitglieder der „Fidelia“ hervor. „Aus dem Bedürfnis heraus, den Mitgliedern irgend eine Betätigungsmöglichkeit zu bieten um nicht allein der Trinksitten zu huldigen“, wie es damals hieß, machten sich die Verantwortlichen des Vereins um 1905 Gedanken, wie sie die Vereinszwecke ändern konnten, um neue Mitglieder zu gewinnen.

Die Fidelianer entschieden sich dabei aber nicht für den nach wie vor umstrittenen Fußball, sondern für das stärker anerkannte Rudern, das durchaus ein aristokratisches Image besaß. Allerdings dauerte es bis zum Jahr 1910, bevor das Rudern als weiterer Vereinszweck in die Satzung aufgenommen wurde.

Wie die Fidelia auf den Neckar gekommen ist
Herausgeputzt: Einweihung des Bootshauses im Jahr 1913.

Der Bau des Neckarkraftwerks und die Aufstauung des Flusses hatten dem Rudern viel Auftrieb gegeben. An Pfingsten 1911 machte ein Vierer des Ludwigshafener RV eine Demonstrationsfahrt auf dem Neckar – diese erste Fahrt war ein viel beachtetes Ereignis vor zahlreichen Zuschauer. Am 11. November 1911 wurde der Tübinger Ruderverein offiziell gegründet, der Wechsel vom geselligen Verein „Fidelia“ zum Tübinger Ruderverein war vollzogen.

Der Grundgedanke der „Fidelia“ lebt allerdings noch heute im Tübinger Ruderverein fort – und das nicht nur im Namen des Klubs. „Bei uns sind Leistungssport, Breitensport und Geselligkeit nach wie vor gleichberechtigt“, sagt der TRV-Vorsitzende Stefan Lottholz, „damit sichern wir langfristig ab, dass der Verein besteht und die Mitglieder Spaß haben.“

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16.07.2011, 12:00 Uhr

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