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Kerzen, groß wie Apfelsinen

Wie die blinde Lucia Hoffmann den Weihnachtsmarkt erlebte

Sie liebt Weihnachtsmärkte und braucht dafür viel Zeit. Lucia Hoffmann ist von Geburt an blind. Am Samstag setzte sie sich in den Zug, besuchte den Tübinger Weihnachtsmarkt und ließ sich von den Gerüchen und Geräuschen treiben.

14.12.2014
  • Lucia Hoffmann

Es ist 15.27 Uhr am Samstagnachmittag. Ich bin in der Tübinger Altstadt auf dem Weg zum Weihnachtsmarkt. Es duftet nach Reibekuchen. Neben mir spielt ein Drehorgelspieler Volkslieder. Ich höre ihm eine Weile zu. Als er eine kleine Pause einlegt, frage ich ihn, ob ich mir die Drehorgel einmal ansehen darf. Werner Steinhart erlaubt es mir sofort. Vorsichtig berühre ich sein Instrument. Neben mir läutet die Stiftskirche mit ihrem unverkennbar vollen Geläut. In der Ferne höre ich jemanden „Morgen Kinder wird’s was geben“ auf seiner Blockflöte spielen. Adventliche Stimmung liegt in der Luft.

Wie die blinde Lucia Hoffmann den Weihnachtsmarkt erlebte
Platz trotz Gewühle fand die blinde Lucia Hoffmann am Samstag bei ihrem Besuch des Tübinger Weihnachtsmarkts.Bilder: Sommer

Ich bin eine freiberufliche Journalistin und bin von Geburt an blind – mit einer großen Vorliebe für Weihnachtsmärkte. Am Samstag bin ich dafür eigens von München nach Tübingen gefahren. Und nun möchte ich die Tübinger Leser einladen, mir in den nächsten Minuten auf den Weihnachtsmarkt zu folgen.

Der nächste Stand, an den ich komme, ist ein Mistelstand auf der linken Seite in der Neckargasse. Mit meinen Händen bestaune ich die schön gewachsenen Zweige. Thorsten Kummer zeigt mir sehr viel und gibt mir alles in die Hand. Ich lerne: Die Misteln aus Apfelbäumen haben eher gelbliche Beeren, die Zweige aus den Pappeln aus dem Elsaß sind filigraner und haben kleinere grünliche Beeren. Ich bin fasziniert, dass man an der Mistel erkennen kann, aus welchem Baum sie ist. Misteln gehören seit klein auf für mich zur Advents- und Weihnachtszeit wie Adventskränze und rote Kerzen.

„Finden sie das nicht stressig, alleine als Blinde?“, werde ich häufig gefragt, wenn ich erzähle, ich gehe auf den Weihnachtsmarkt. Oder: „Wie machen sie das denn? Wie kommen sie hier klar?“, höre ich oft. Ja, wie mache ich es? Ich nehme meinen Blindenstock und stürze mich ins Gewühl und habe viel Spaß dabei. Man muss halt viel Zeit mitbringen. Mit Hektik geht da gar nichts. Ich verliere im Gewusel auch schnell die Orientierung, aber es sind ja viele Menschen um mich herum, die ich fragen kann. „Wo geht es denn zur Neckarbrücke?“ oder: „Können sie mir bitte kurz erzählen, welche Stände hier gerade um mich herum sind?“ frage ich manchmal. Oft gehe ich aber einfach drauf los.

Wie die blinde Lucia Hoffmann den Weihnachtsmarkt erlebte
Der Duft des Tannenbaums aus Bienenwachs hat es Lucia Hoffmann besonders angetan.

Ich lasse mich weiter treiben. In der Neuen Straße duftet es nach heißen Maroni, dort nach gebrannten Mandeln. Da kann ich der Verführung nicht widerstehen. Immer der Nase nach taste ich mich vor an den Stand und hole mir eine Tüte Mandeln. Sie sind sehr frisch und lecker.

Neben mir höre ich einen Saxofonspieler „Alle Jahre wieder“ spielen. Es wird langsam voller in den Altstadt-Gassen. Nachdem ich ein bisschen gegangen bin, komme ich an einen Kerzenstand in der Hafengasse. Hier bleiben keine Wünsche offen. Von klein und rund über Teelichtherzchen und Teelichtsternen bis hin zu großen Hand gezogenen Kerzen. Ich komme mit Gabi Jaworski, der Kerzenmacherin, ins Gespräch. Was ich schon immer einmal wissen wollte: Wie macht man eigentlich Tannenbäumchen aus Bienenwachs? Die leidenschaftliche Kerzengestalterin steht mir Rede und Antwort. „Es gibt dafür spezielle Förmchen aus Silikon. Dort wird das warme Bienenwachs hineingegossen“, erklärt sie. Ich taste mich durch die liebevoll gestaltete Auslage. Hier ist alles wunderschön mit Tannengrün und Zapfen und Weihnachtskugeln geschmückt. Und zwischen- drin stehen die Kerzen aus reinem Bienenwachs gold-gelb und leuchtend. Es ist ein stimmungsvolles Bild: runde Formen von etwa Kastanien groß bis Apfelsinen groß und Stumpenkerzen von zehn bis dreißig Zentimetern Höhe.

Mittlerweile ist es 17 Uhr. Der Duft von Glühwein und Kinderpunsch steigt mir in die Nase. Zeit für eine kleine Verschnaufpause. Von der Dame im Glühweinstand lasse ich mich mit meinem Kinderpunsch und einer Bratwurst zu einem Platz an einem der vielen heiß begehrten Tische führen. Ich nehme mir Zeit, eine Weile dem Posaunenchor in einiger Entfernung zuzuhören. „Tochter Zion“ und „Es ist ein Ros entsprungen“ musizieren sie. Mitten im Gewühl eine Insel der Ruhe.

Ich kann mir als Blinde unmöglich alle Stände ansehen und begreifen. Aber die, die ich mir ansehe, schaue ich mir mit Ruhe an. Ich rieche an den Kerzen aus Bienenwachs, ich ertaste schön gestaltete Keramikfiguren und Tassen oder erkunde selbst gestrickte Handschuhe, gehäkelte Mützen oder gefilzte Stulpen.

Es ist 17.45 Uhr. Ich habe noch ein bisschen Zeit. Langsam trete ich aber schon den Rückweg an. Ich möchte gerne den Zug um 18.37 Uhr nach Stuttgart erwischen. Und weil ich nicht abschätzen kann, wie lange ich durch die proppevolle Altstadt brauche, nehme ich mir lieber mehr Zeit. Ich frage mich in Richtung Neckarbrücke durch. Die Leute hier auf dem Weihnachtsmarkt sind nett und hilfsbereit. Auf dem Weg komme ich an einem Stand der Rudolf-Leski-Schule vorbei. Hier haben Schüler Holz-Ständer für Adventsgestecke gefertigt. Sie sind sehr ansprechend mit Moos und Steinen dekoriert.

18.14 Uhr: Könnte das knapp werden? Da ich mich zu Fuß durchfragen müsste, steige ich an der Neckarbrücke in den Bus zum Bahnhof und werde von einer netten Studentin aus Horb zum Zug begleitet.

Lucia Hoffmann, die Autorin dieses Artikels, ist seit ihrer Geburt blind, kann aber hell, dunkel und grelles Licht voneinander unterscheiden. Sie ist 32 Jahre alt, hat in Hannover Philosophie, evangelische Theologie und Jura studiert. Seit ihrem Studienabschluss 2011 lebt sie in München und arbeitet freiberuflich. Unter anderem arbeitet sie an einer Museumsführer-Konzeption für Sehbehinderte und Blinde.

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