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Wie ein Film vor dem inneren Auge
Die österreichische Bobfahrerin Christina Hengster geht im Geiste die Ideallinie der Eisbahn durch. Foto: Imago
Wahrnehmung von Körpergefühl ist nicht nur für Sportler eine Erfolgsformel

Wie ein Film vor dem inneren Auge

21.04.2016
  • KLAUS VESTEWIG

Wir alle kennen die Fernsehbilder: der Alpinskifahrer, der sich, ganz in sich versunken, direkt vor dem Start mit pendelnden Armen, Händen und Kopf auf den Tanz durch die Slalomtore einstimmt; Rodler, Bob- und Skeletonfahrer, die die Ideallinie in der Eisröhre vorwegnehmen; Hoch- oder Weitspringer, die den Flug rücklings über die Latte oder katapultmäßig vom Balken imitieren; oder Basketballer, die sich vor dem Freiwurf intensiv die Kurve des Balles von der Hand in den Korb vergegenwärtigen. Stets heißt das Zauberwort Visualisierung.

Eine Vorstellungstechnik, die für unsere gesamte Alltagswelt große Bedeutung hat. "Vieles ist über den Hochleistungssport hinaus gut anwendbar. Das gilt zum Beispiel auch für die Rehabilitation, bei Älteren oder Menschen mit Handicap", betont Professor Hartmut Gabler, der am Institut für Sportwissenschaft der Universität Tübingen Generationen von Studenten in die Sportpsychologie eingeführt hat.

Worum geht es bei der Visualisierung? Sportler erlernen dabei Fertigkeiten, um mittels geistiger Projektion optimierte Bewegungsabläufe und höchstmögliche Leistungsbereitschaft zu erzielen. Eine Probehandlung wie ein Film vor dem inneren Auge. Für Prof. Gabler geht die Visualisierung weit über das klassische mentale Training hinaus: "Beim Visualisieren geht es nicht nur um den reinen Bewegungsablauf, sondern um die komplexe Situation mit dem Einsatz aller Sinne wie Tasten, Riechen, Hören, Schmecken."

So sieht es auch das Bundesamt für Sport und Bewegung (Baspo) im schweizerischen Magglingen: Höhenflug dank der "Wahrnehmung von Körpergefühlen". Die erlernen die Athleten mit Hilfe einer Orangen-Übung, die alle Sinne anregt: die Oberfläche und Farbe der Orange, der Geruch und das Geräusch beim Schälen, die Konsistenz des Safts und der Geschmack der Frucht im Mund. Übertragen auf die Bewegung: "Durch die Vorstellung können entsprechende Gehirnareale aktiviert werden, die aktivieren dann das Muskelsystem", verdeutlicht Gabler. Eine Wirkung, die - nach dem englischen Naturwissenschaftler - Carpenter-Effekt genannt wird.

Visualisierung hat durchaus auch im Mannschaftssport ihren Sinn. Umso mehr mögliche Spielsituationen ich mir vorstelle, umso flexibler bin ich, umso weniger werde ich überrascht. Das gilt gerade für sehr komplexe Situationen wie im Volleyball, wenn zum Beispiel der Angreifer nicht nur den Flug des vom Steller zugespielten Balles antizipieren muss, sondern auch noch den gegnerischen Block zu beobachten und letztlich in Bruchteilen von Sekunden zu entscheiden hat, wohin er schmettert und wohin nicht.

Gabler, der unter anderem schon den Fußball-Bundesligisten VfB Stuttgart, den Volleyball-Erstligisten TV Rottenburg sowie etliche Tennisprofis sportpsychologisch betreut hat, nennt gern sein Lieblingsbeispiel: Sir Roger Bannister. Der Brite lief am 6. Mai 1954 in Oxford die Englische Meile (1609 m) als erster Mensch unter vier Minuten (3:59,4 min.). Der Mittelstreckenläufer hatte sich das Rekordrennen zuvor jeden Abend im Bett mit laufender Stoppuhr vorgestellt, hatte sein Zeitgefühl geschult, die brennenden Oberschenkel erspürt, schließlich den Endspurt angesetzt und allabendlich - mit einem Jubelschrei - die Ziellinie überquert. Die mentale Energie der Visualisierung als Erfolgsstrategie, auch um bereits bestehende Fähigkeiten unter belastenden Bedingungen wie Stresssituationen abrufen zu können.

Die Visualisierung kann bereits im frühen Jugendalter spielerisch eingeübt werden - immer wieder gekoppelt mit der Praxis im Training. Die Vorstellung der Abläufe in Echtzeit ist dabei wirklichkeitsnaher als diejenige in Zeitlupe.

Die im Hochleistungssport erzielten Effekte gelten freilich auch für viele andere Bereiche des Lebens. Zum Beispiel sind laut Gabler Programme für Chirurgen entwickelt worden, mittels denen Ärzte vorher die einzelnen Schritte komplizierter Operationen vor dem geistigen Auge durchgehen. Auch in der Rehabilitation, zum Beispiel nach Schlaganfällen oder Hüft-, Knie- oder Fußoperationen, wird die Visualisierung angewandt: wenn der Patient mühsam wieder lernen muss, das Gleichgewicht zu halten, tastend mit Rollator oder Stöcken wieder das Gehen einüben muss. "Ich kann das in der Rehabilitation absolut empfehlen, das unterscheidet sich vom Hochleistungssportler nicht wesentlich", versichert der emeritierte Tübinger Sportpsychologe.

Sportler, aber auch Yogalehrer haben selbst von positiven Wirkungen der Visualisierung berichtet, wenn sie wochenlang wegen Verletzung oder Krankheit ans Bett gefesselt waren. "Ein Turner kann sich im Bett die Übungen vorstellen. Wenn er dann wieder trainieren kann, ist er wieder schneller drin", sagt Gabler. Auch Yogaleute, sensibilisiert für Körpergefühl und Entspannung, können offenbar ihr körperliches Potenzial selbst bei längerer Ruhezeit besser erhalten.

Für Gabler ist die Visualisierung ein Grundprinzip für eine Vielzahl von Situationen. Es bringe auch etwas, sich vor einem schwierigen Tag die möglichen Abläufe vorzustellen: den zeitlichen Stress, problematische organisatorische Aufgaben oder personelle Entscheidungen. Gablers Resümee: "Wir sind dann zwar nicht geschützt vor unliebsamen Entwicklungen, aber wir sind besser vorbereitet, fühlen uns besser und haben Vertrauen."

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21.04.2016, 06:00 Uhr

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