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Plötzlich auf dem Gipfel

Wie ein Tübinger Arzt zum G7-Treffen und vor der Presse zu Wort kam

Der Tübinger Tropenmediziner Carsten Köhler kam beim Gipfel der sieben wichtigsten Industriestaaten (G7) in Elmau unverhofft vor der Weltpresse zu Wort. Dazu gehörte Glück und der Wille, sich für Milliarden Menschen mit armutsbedingten Krankheiten einzusetzen.

26.06.2015
  • Gernot Stegert

Hat Tübingen etwa eine weitere Tageszeitung neben dem TAGBLATT, ein internationales Blatt wie zu Zeiten des Verlegers Johann Friedrich Cotta? Den Eindruck konnte die Weltöffentlichkeit bei der Abschlusspressekonferenz des G7-Gipfels auf Schloss Elmau bekommen. Dort war nämlich ein Tübinger dabei und kam mit einer Frage an Bundeskanzlerin Angela Merkel zu Wort, wie das TAGBLATT jetzt erfuhr.

Gegen Ende der Fragestunde mit Journalisten aus aller Welt rief Regierungssprecher Steffen Seibert „den Herrn in der zweiten Reihe“ auf. Die meisten Medienleute kannte der ehemalige ZDF-Mann und sprach sie zuvor mit Namen an. Von seinem Platz erhob sich Carsten Köhler, Direktor des Kompetenzzentrums Tropenmedizin der Universitätsklinik Tübingen. Der Arzt und Biologe sprach Pandemien wie Malaria, Tuberkulose und Ebola an, deren Bekämpfung auch auf der Tagesordnung der großen Sieben stand.

Was für die Forschung beschlossen worden sei, wollte der Tübinger wissen. Schließlich hätte sich Ebola mit einem rechtzeitig entwickelten Impfstoff – an dem die Tübinger Forscher derzeit in Lambarene arbeiten – nicht so ausbreiten können. „Richtig“ begann Merkel ihre Antwort und verwies vage auf eine geplante bessere Vernetzung der Forschung und den Global Fund (gegen Aids, Malaria und Tuberkulose) zur Finanzierung.

Doch wie kam ein Tübinger Arzt in eine Pressekonferenz – und dann noch in Elmau, obwohl viele Journalisten im Tal in Garmisch bleiben mussten? Das kam so: Köhler war vor dem Gipfel häufig in Berlin, wo einige Nichtregierungsorganisationen (NGOs) bei den Ministerien und Abgeordneten Lobbyarbeit für das Thema der sogenannten vernachlässigten und armutsassoziierten Erkrankungen gemacht haben. In der Bundeshauptstadt, so schildert Köhler, erwähnte ein Mitarbeiter von Ärzte ohne Grenzen, dass auch NGO-Vertreter für das Pressezentrum des G7-Gipfels akkreditiert würden. Köhler wandte sich ans zuständige Bundespresseamt und erhielt als Vertreter des Deutschen Netzwerks gegen vernachlässigte Tropenkrankheiten eine Zulassung.

Das internationale Pressezentrum war im Eissportstadion in Garmisch. Der Ort „bestand gefühlt nur noch aus Polizisten und Journalisten und ein paar Demonstranten“, berichtet Köhler. Briefkästen waren abmontiert, Gullideckel versiegelt, kein öffentlicher Nahverkehr fuhr, fast alle Geschäfte und Banken mit Geldautomaten waren geschlossen. „Garmisch wirkte wie eine Filmkulisse, es fehlte nur noch James Bond.“

Im Pressezentrum mit über 2000 Journalisten traf der Tübinger Mediziner auf die wenigen NGOler von Ärzte Ohne Grenzen, Worldvision, Brot für die Welt und anderen, die Journalisten auf ihr Anliegen hinwiesen. Nur ausgewählte Medienvertreter durften per Bus im Sicherheitskonvoi hoch nach Elmau, berichtet Köhler weiter. Dafür wie auch für die Abschlusspressekonferenz war eine Sonderakkreditierung nötig. Eigentlich hatte ein NGO-Vertreter da keine Chance.

Köhler aber wollte unbedingt hoch, um auf die Erforschung von Tropenkrankheiten hinzuweisen, die besonders arme Menschen treffen. Dass es klappte, lag an einer Reihe von Zufällen. Der Tübinger berichtet: „Wetterprognosebedingt wurde am Sonntag der Fototermin der G7-Lenker vorgezogen, dadurch war die Poolakkreditierung unvorhergesehen nicht besetzt. Es hieß aber, es gebe noch Karten und man soll Montag ab 7 Uhr nachfragen.“ Gehört, getan. „Ich war zu diesem frühen Zeitpunkt der Einzige“, sagt Köhler, „die Dame meinte, sie habe die Ausgabe gerade erst spontan übernommen, es gäbe noch Karten“.

So hatte der Tübinger Tropenmediziner unverhofft tatsächlich den Fahrtschein zum Gipfelerlebnis. Gegen 12 Uhr ging es los, erinnert sich Köhler, „mit Militärbussen, Polizeiwagen und Motorräder vor und hinter uns im Konvoi über die gesicherte Straße, wo streckenweise rechts und links alle fünf Meter ein Polizist stand und die Straße zum Gebüsch hin sicherte.“

Oben angekommen erblickte der Arzt eine ihm unbekannte Welt. ARD, ZDF und andere Sender hatten ihre Sprecherpositionen mit Blick auf das Schloss aufgebaut. Als endlich der Saal für die Abschlusspressekonferenz geöffnet wurde, nahm Köhler gleich in der zweiten Reihe Platz, vor dem Rednerpult, um nicht übersehen zu werden. Die erste Reihe blieb den Fotografen vorbehalten.

„Dann kam Frau Merkel die 50 Meter vom Schloss herüber zu Fuß gelaufen mit Steffen Seibert und ihrem Sherpa-Stab, redete 15 Minuten, und dann gab es Möglichkeit etwa 30 Minuten Fragen zu stellen“, berichtet der Nichtjournalist. „Wenn ich schon da war, so wollte ich auch fragen und hatte mich gleich gemeldet“, erzählt Köhler weiter, „da die Fotografen die erste Reihe bereits wieder verlassen hatten, hatte ich direkten Blickkontakt zu Steffen Seibert und Frau Merkel.“ Als er fast schon nicht mehr damit rechnete, kam der Mediziner als vorletzter doch noch zu Wort.

Später erfuhr Köhler, „dass unten im Pressezentrum ein Raunen durch die NGO-Reihen ging, dass unser Thema endlich doch noch erwähnt wurde, kurz vor Schluss und dann von einem Newcomer aus Tübingen, der eigentlich noch gar nicht weiß, wie es läuft“. Nach zehn Stunden war der Tübinger wieder im Tal. Der Aufwand war es ihm wert. Er versteht sich als „Botschafter für die Forschung an den vernachlässigten und armutsassoziierten Erkrankungen und damit auch für diese Gruppe von Milliarden vernachlässigter Menschen weltweit“. „Freude und Zufriedenheit“ erfüllen ihn, sagt Köhler und bedauert, dass die Journalisten sein Thema nicht aufgegriffen haben.

Wie ein Tübinger Arzt zum G7-Treffen und vor der Presse zu Wort kam
Carsten Köhler aus Tübingen bei der Abschlusspressekonferenz des G7-Gipfels auf Schloss Elmau. Das ganze Video findet sich auf dem Youtube-Kanal von Phoenix unter www.youtube.com/watch?v=_WGUOX5LrHs. Köhlers Frage beginnt bei Minute 45.

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26.06.2015, 12:00 Uhr

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