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Chacán - die Vulva ist jetzt weltbekannt

Wie ein kleiner Feuerwehreinsatz medial ganz groß rauskam

So breit war Tübingen bislang selten in den Schlagzeilen der Weltpresse vertreten: Ein an sich völlig unspektakulärer Feuerwehreinsatz an einem ungewöhnlichen Ort beschäftigt noch Tage später Zeitungen, Fernsehsender und Blogs von Australien bis Großbritannien, von Brasilien bis in die Mongolei.

24.06.2014
  • Jonas Bleeser

Tübingen. Für die Tübinger Feuerwehr war es vergangenen Freitag ein ganz normaler Notruf: „Person in Zwangslage“, also eingeklemmt, lautete die Meldung um 13.40 Uhr. Ungewöhnlich war nur die Ortsangabe: Ein Mann steckte in der Stein-Vulva vor dem Institut für Mikrobiologie fest. Einige seiner Kameraden hätten sich da schon gewundert und zunächst an einen Scherz geglaubt, sagt Einsatzleiter Markus Mozer. Die Wehr rückte nichtsdestotrotz in der vorgeschriebenen Sollstärke zum Ort des Notfalls aus: 22 Mann, mehrere Einsatzfahrzeuge. Fünf Minuten später war der US-amerikanische Austauschstudent, der offenbar für ein Foto posieren wollte, befreit: Er war nur mit den Beinen stecken geblieben. Vier Rettungskräfte hoben ihn heraus. Nach einer knappen Viertelstunde war die Arbeit der Wehr erledigt – und doch sollte sie erst später richtig zu tun bekommen.

Angesichts des ungewöhnlichen Unfallorts gab Mozer eine kurze Pressemeldung heraus. Und er verschickte zwei Bilder an den üblichen Medienverteiler, mit dem Hinweis, das Gesicht des Betroffenen sorgsam zu verpixeln.

Wie ein kleiner Feuerwehreinsatz medial ganz groß rauskam
Die Marmor-Möse vor der Tübinger Mikrobiologie auf dem Schnarrenberg. Die Skulptur stammt von dem peruanischen Künstler Fernando de la Jara und heißt „Chacán“ (zu deutsch: Liebe machen) – und sie ist seit vergangenem Wochenende weltweit bekannt.

Das TAGBLATT und der SWR berichteten kurz über den kuriosen Einsatz. Daraufhin zogen überregionale Medien nach: Am Wochenende folgte auf der Feuerwehr-Leitstelle ein Anruf dem anderen – von der „Süddeutschen“, von „Bild“. Doch das war nur der Beginn des Hypes um den Mann, der in der Marmor-Möse stecken blieb. Bald darauf berichtete der „Guardian“ in London auf seiner Webseite und brachte den Tübinger Unfall mit dem des geretteten Höhlenforschers Johann Westhauser in Zusammenhang: Beide seien „aus höhlenartigen Strukturen gerettet worden“. US-Medien griffen die Story dankbar auf. Und bei der Tübinger Wehr fragten Journalisten aus aller Welt nach Einzelheiten, Bildern, Videos. Über Internetseiten wie reddit.com oder das in den USA äußerst populäre Klatsch-und-Tratsch-Portal gawker.com ging der kleine Tübinger Feuerwehreinsatz viral ganz groß durchs Netz und sorgte für ein Medienecho bis nach Australien. Das trieb teils bizarre Blüten: Das US-amerikanische Blog Jezebel.com witzelte, die Geschichte sei ein schlechtes Omen für das WM-Spiel der USA gegen Deutschland am kommenden Donnerstag. „Russia today“ titelte: „Es ist ein Junge!“ Und der „Daily Mirror“ spottete, der Mann verleihe der Redewendung „wie neu geboren“ eine völlig neue Bedeutung. Die Zahl der Kommentare, von verwundert über witzig bis hämisch und unzitierbar schlüpfrig, geht in die Tausende.

Wie ein kleiner Feuerwehreinsatz medial ganz groß rauskam
Warnschild an der Pforte der Tübinger Mikrobiologie

„Dass die Geschichte so an Fahrt aufnimmt, hätte ich nie vermutet“, sagt Mozer rückblickend. „Gemessen an den Bedingungen an der Einsatzstelle sind die Auswirkungen gigantisch.“ Bei der Feuerwehr wird nun intern diskutiert, wie sich die Persönlichkeitsrechte von Geschädigten besser wahren lassen. Tübingens Feuerwehr-Kommandant Michael Oser, vergangene Woche im Urlaub, grämt sich nun über den Rummel: „Das ist zwar auf den ersten Blick lustig, aber man muss auch an den Betroffenen denken.“

Der Student erntete zum minimalen körperlichen Schaden den weltweiten maximalen Spott – auch, weil ein Bekannter des Unglücklichen Bilder des Vorfalls in einer Online-Foto-Community postete. Auf ihnen ist der Pechvogel klar zu erkennen. Den nachträglichen Hinweis, das Gesicht bei Verwendung doch bitte zu verpixeln, da ihm die Aufmerksamkeit unangenehm sei, kam zu spät: Auf zahlreichen Webseiten ist der Student klar zu erkennen.

Es dürfte für ihn nur ein schwacher Trost sein, dass er für den Einsatz der Feuerwehr nichts bezahlen muss. Denn der junge Mann sei zwar vorsätzlich ins Innere der Marmor-Vulva geklettert, dort aber ausgerutscht. „Es ist eine Pflichtaufgabe der Wehr, Personen in Zwangslagen zu helfen“, erläutert Mozer. „Das ist kostenfrei.“


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