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Die unbekannte Schmirgelseite

Wie ein rauer Stoff zu einem Kunstgegenstand wird

Sein Zuhause sind die Baumärkte, dort wird es nach Holz- und Metallbearbeitung getrennt. Als Material mit künstlerischer Aura wurde das Schmirgelpapier dagegen erstmals von dem Tübinger Künstler Uwe Petruch entdeckt.

08.09.2010
  • Ulla Steuernagel

Tübingen. Das Schleifpapier führte bislang ein Aschenputteldasein. Oder schlimmer noch: ein Dasein als unattraktive Aschenputtel-Stiefschwester. Doch Uwe Petruch verleiht dieser rauen und ungeliebten Existenz neuen Glanz. Wer hat zuvor schon über den Körnern eines Schleifpapier-Bogens meditiert und die Schönheit ihres Unebenmaßes entdeckt? Wer zuvor hat schon ein Stück Schmirgelpapier in einen Diarahmen gesteckt und es wie eine Landschaftsaufnahme betrachtet? Wer hat schon einmal das Licht durchscheinen lassen und von den warmen erdigen Tönen dieses Stoffes geschwärmt? Mit Sicherheit war Uwe Petruch der Erste, der dem Schmirgelpapier so viel Respekt entgegenbrachte.

Man könnte nun meinen, da hat wieder einmal ein Künstler den Dadaismus neu erfinden wollen, sich auf die Suche nach Originalität begeben und auf den Spuren Marcel Duchamps ein neues Readymade kreiert. Wie Duchamp die profanste aller Porzellanschüsseln, das Urinoir, fand und kopfüber ins Museum stellte, so fand Petruch das werktätigste aller Papiere, das Schleifpapier, am realsten aller Orte, der Eisenwarenhandlung, und gab ihm einen ästhetischen Sinn.

Wer Petruch über sein zärtlich „Šmirgel“ genanntes Projekt reden hört, der merkt sofort, dass sich hier einer nicht krampfhaft auf die Suche nach Originalität in Zeiten eines beliebig gewordenen Kunstbegriffs begab. Mit Šmirgel öffnet Petruch den Blick ins Labor des Alchemisten, hier kann man erfahren, wie sich Gewöhnliches in Kunst verwandelt.

Petruch, der mittlerweile wohl über die größte Schmirgelpapier-Sammlung der Welt verfügt, hatte ein echtes „Heureka-Erlebnis“ mit diesem Material. Es war im Jahr 2000, als er an der Kunstakademie in Bratislawa studierte. Auf seinem Schreibtisch lag ein Stück Schleifpapier und nicht weit davon ein Diarahmen. Der Rahmen brach das Papier aus dem Alltag heraus, verschaffte ihm eine kleine Bühne und der Künstler betrachtete erstmals dieses unauffällige industrielle Produkt in seiner ästhetischen Besonderheit.

Das Material übte eine starke Faszination auf ihn aus. „In Bratislawa“, so erinnert sich der Künstler, der im Brotberuf Kinderarzt ist, „habe ich mich ertappt, wie ich ein Schmirgelpapier gekauft habe, nur weil es so schön grün war.“ Dieses Grün perforierte er mit insgesamt 64 winzigen Schnitten, das es aussah wie ein Stückchen Film und heftete es in einen Diarahmen.

Das war die Geburtsstunde von Šmirgel. Mittlerweile füllen die unzähligen Bögen in ihren verschiedenen Farben und mikrofeinen bis kratzig-groben Oberflächen Schränke, Ordner und Kisten in Petruchs Tübinger Atelier. Schon mehrfach habe er versucht, die Bögen, Rollen und Klebestreifen zu zählen, aber jedesmal sei er gescheitert: „Es sind tausende.“

Das Zentrum von Šmirgel ist ein merkwürdiger Sechziger-JahreSchiebetürenschrank, der auf staksigen Metallfüßen steht. Von der Rückwand des Schreines werden hunderte von Schmirgel-Dias von hinten beleuchtet. Paneel für Paneel kann man herausziehen und betrachten. Solche Schränke werden normalerweise in kunsthistorischen oder medizinischen Instituten verwendet. Im Schmirgelpapier-Fall haben sie etwas Verwirrendes. Schmirgelpapier will angefasst und nicht groß betrachtet werden, schon gar nicht auf diese bedeutungsstiftende Weise. Die Stilisierung durch Licht und Rahmen lässt das Material kostbar und neu erscheinen.

Der Tübinger Kunsthistoriker Johannes Meinhardt bescheinigte dem Künstler nicht nur, dass er in seinen Reliefs die Grenzen zwischen dem Ästhetisch-Visuellen und dem Ästhetisch-Körperlichen aufhebe, also zwischen Malerei und Skulptur, sondern dies auch noch in einem „dreifachen Chiasmus“ tue, in einer steten Bewegung aus Auflösung, Verkehrung und Überschreitung.

So betreibt der Künstler ein verwirrendes Spiel mit den Oberflächen. Mal ist das raue Original in Diarahmen gesperrt, dann wieder hängt es in Großformat gezoomt als glatter Fotodruck an der Wand. Das visuelle Trägermaterial Film vermischt sich mit dem haptischen Trägermaterial Schmirgelpapier.

Trotzdem ist dieses Papier für Petruch mehr als eine rein intellektuelle Spielerei. Er ist den Reizen des Materials erlegen. Voller Selbstironie berichtet er von Urlaubreisen, auf denen er an kaum einer Eisenwarenhandlung vorbeikommt, „die italienischen sind die schönsten“. Mittlerweile liebt er auch die Erfahrungen, die er hier macht, wenn er keinen Schleifzweck angeben kann, sondern sein künstlerisches Interesse offenbart.

In Nordspanien erfuhr er einmal ein seltenes Glück, der Geschäftsführer einer Dependance einer großen deutschen Schleifpapier-Firma entpuppte sich als wahrer Kunstfreund und schickte dem Tübinger knapp 300 Kilo Schmirgelpapier nach Hause. Welch ein Geschenk!

Petruch steckt voller Geschichten über seine Schmirgelpapier-Suche. Er scheint alles zu wissen über dieses Material. Seltsam, beginnt der Zuhörer nach einer Weile zu denken, wieso habe ich mir darüber noch keine Gedanken gemacht. „Der Kenner bewahrt das Schmirgelpapier immer Butterseite an Butterseite auf“, erklärt Petruch etwa. Die Butterseite ist die raue Seite, nur so liegt das Papier still und behält seine Körner. Und was bedeuten die Zahlen auf der Rückseite? Je höher, je feiner. Denn über das Papier, manchmal ist es auch Folie, werden bei der Herstellung Fäden gespannt, die als Sieb fungieren. Je mehr es sind, desto feiner müssen die Körner sein, die durchs Sieb fallen. Eine Art Wertpapier sind Bögen, die mit Diamantsplittern berieselt werden. 24 Euro kostet so ein Blatt. In Petruchs Šmirgel-Werkgruppe findet man kleine Stücke davon in Schmuckschatullen.

Nicht nur Petruch hat sich das Schmirgelpapier, das Papier scheint sich auch ihn gesucht zu haben. Denn Petruch, erklärt der Künstler, ist die Verkleinerungsform von Petrus, bedeutet also „kleiner Fels“. Besteht das Papier nicht ebenfalls aus vielen kleinen Felsstücken? Steht also deshalb auf der Rückseite der Bögen neben der Zahl ein großes P – wie Petruch? Das Verhältnis zwischen Künstler und Material scheint eine magische, vielleicht sogar religiöse Dimension anzunehmen. „Hat nicht jede Kunst etwas Religiöses?“ fragt der Künstler zurück. Aber man sollte über diese Dinge gar nicht so viel sagen, findet er. Und dann sucht er schon wieder nach seinem „Lieblingsschmirgel“, es ist ein Bogen mit wellenförmigen und popart-ähnlich angeordneten Punkten. Und er offenbart einen großen Wunsch: Irgendwann möchte er, wie Günther Uecker für Nagelkunst steht, einmal als der Schmirgel-Petruch bekannt werden.

Info: Smirgel-Arbeiten von Uwe Petruch sind bis Sonntag in der „Kunst in Tübingen“-Ausstellung in Stadtmuseum und Kulturhalle zu sehen.

Wie ein rauer Stoff zu einem Kunstgegenstand wird
Vor genau zehn Jahren entdeckte Uwe Petruch das Schmirgelpapier und seitdem lässt es ihn nicht mehr los. Bild: Sommer

Wie ein rauer Stoff zu einem Kunstgegenstand wird
Petruchs Lieblingsschmirgelpapier.

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08.09.2010, 12:00 Uhr

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