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Am Anfang war es bizarr

Wie eine Familie in den USA nach 50 Jahren vom NS-Verbrechen an ihrer Großmutter erfuhr

Dass ihre Großmutter Alice Simon von den Nazis für eine rassistische Schausammlung ermordet worden war, erfuhren ihre Nachfahren in den USA erst durch den TAGBLATT-Redakteur Hans-Joachim Lang. Drei ihrer Enkeltöchter berichteten am Mittwochabend im Rittersaal des Tübinger Schlosses.

22.05.2015
  • Dorothee Hermann

Tübingen.Der Holocaust schien mit ihrer Familie nichts zu tun zu haben. „Wir wussten nur, dass unsere Großmutter im Krieg gestorben ist. Mein Vater hat nie darüber gesprochen“, sagte Chris Halverson am Mittwochabend bei dem Gespräch „Den Holocaust erinnern“ vor 50 Zuhörern im Rittersaal des Tübinger Schlosses. Es moderierte Ulrike Pfeil.

Chris Halverson ist eine von vier Töchtern von Carl Simon, Sohn der Berlinerin Alice Simon, die im August 1943 im KZ Natzweiler-Struthof ermordet worden war. Der Tübinger SS-Anthropologe Hans Fleischhacker und sein Kollege Bruno Beger aus München hatten Alice Simon und 85 weitere jüdische Auschwitz-Häftlinge auf die Mordliste gesetzt. Ihre Überreste waren für eine pseudowissenschaftliche Sammlung der Reichs-Universität Straßburg bestimmt. Die zweifache Mutter war 56 Jahre alt. Erst ein halbes Jahrhundert später brachte der TAGBLATT-Redakteur Hans-Joachim Lang diese Zusammenhänge ans Licht. Im Jahr 2001 setzte er sich per Internet mit der Familie in Verbindung.

„Ihre Todesumstände waren entsetzlich“, erinnerte Debbie Konkol, die älteste Enkeltochter, an den Schock, als die Familie erfuhr, wie willkürlich die Großmutter ermordet worden war. „Anfangs war es bizarr. Wir konnten es nicht fassen.“ Andererseits wusste die Familie nun, wo Alice Simon begraben war, auf dem Jüdischen Friedhof in Straßburg. „Wir hatten nun einen Ort, den wir aufsuchen konnten. Sie war nicht einfach verschwunden.“

Auf dem Weg nach Straßburg kamen die Lehrerin und ihre beiden Schwestern am Mittwoch nach Tübingen, auch um Lang sichtlich bewegt zu danken. Als Nachkommen eines Holocaust-Opfers fühlten sie sich lange Zeit nicht. „Wir waren eine presbyterianische Familie in Milwaukee“, sagte Alice Simons Enkeltochter Joanne Weinberg. „Die Wahrheit hat unser Leben verändert und das, was wir als unsere Identität empfinden.“

Ihr Vater Carl Simon war presbyterianischer Pfarrer. Seine Eltern Alice und Herbert hatten sich kurz vor ihrer Heirat in Berlin protestantisch taufen lassen. Der Rechtsanwalt Herbert Simon starb 1936 eines natürlichen Todes. Seine Witwe blieb in Berlin, weil sie ihre betagte Schwiegermutter nicht im Stich lassen wollte. Die Zwillinge Carl und Hedda, geboren 1921, hatte sie in England in Sicherheit bringen können. Mit seiner englischen Nenntante gelangte Carl 1939 weiter in die USA. Bei Kriegsende wusste er nicht, was mit seiner Mutter geschehen war. Es gab nur ein paar Briefe und Gerüchte, sie sei nach Auschwitz gebracht worden, so Chris Halverson.

Erst als älterer Mann, 1994 bei einer Reise in das Vernichtungslager, schien Carl Simon Gewissheit über das Schicksal seiner Mutter zu erlangen: Er fand ihren Namen auf einer Häftlingsliste. Damals habe er gewissermaßen mit ihrem Tod abschließen können, sagte die älteste Tochter Debbie Konkol. Es sei „ein Schock“ für ihren Vater gewesen, als er von den tatsächlichen Umständen ihrer Ermordung erfuhr. „Aber als er die Wahrheit wusste, begann er zu sprechen – in Schulen, in kirchlichen Gruppen.“

Verbittert sei ihr Vater nie gewesen. „Er glaubte an die Menschen. Er suchte immer das Beste in jedem.“ Carl Simon engagierte sich in der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung, an Martin Luther Kings Protestmarsch von Selma nach Montgomery. „Es war sehr hart. Es gab Tote“, sagte Konkol. „Doch als Martin Luther King an die amerikanischen Geistlichen appellierte, wie hätte er da zuhause bleiben können?“

Ihr Vater starb im vergangenen Jahr, 92-jährig. Er hinterlässt fünf Kinder und 13 Enkelkinder. „Das ist unsere Antwort auf Hitler“, sagte die Lehrerin. Schon lange begleitet sie die Frage, „wie so etwas in Deutschland passieren konnte, KZs über das ganze Land verteilt“. Aber ihre eigene Generation habe den Vietnam-Krieg erlebt, sagte Konkol. Sie merkte, wie schwer es war, gegen die vorherrschende Politik anzukämpfen. Dennoch engagiert sich die gesamte Familie im Sinne des Großvaters gegen Unrecht und Diskriminierung.

Wie eine Familie in den USA nach 50 Jahren vom NS-Verbrechen an ihrer Großmutter erfuhr
Ihre Berliner Großmutter Alice Simon wurde vom Tübinger Anthropologen Hans Fleischhacker in den Tod geschickt: die Schwestern Chris Halverson (von links), Joanne Weinberg und Debbie Konkol (Zweite von rechts) aus den USA. Im Gespräch mit Moderatorin Ulrike Pfeil und TAGBLATT-Redakteur Hans-Joachim Lang am Mittwochabend im Rittersaal des Tübinger Schlosses.Bild:Sommer

Die Enkeltöchter von Alice Simon reisen auch nach Berlin. Dort lebten ihre Großeltern in einer großen Wohnung in der Nähe des Kurfürstendamms. Wie die Räume ausgestattet waren, können die Enkeltöchter nur noch indirekt erschließen: aus einer Inventarliste, die Alice Simon vor ihrer Deportation erstellen musste. Vor dem Haus Joachimsthalerstraße 12 erinnert ein Stolperstein des Künstlers Gunter Demnig an ihre Verschleppung und Ermordung. Weitere Informationen finden sich im Buch des TAGBLATT-Redakteurs und NS-Forschers Hans-Joachim Lang: „Die Namen der Nummern“.

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22.05.2015, 12:00 Uhr

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