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Wie empfänglich ist Bach für Moskaus Argumente?
Russlands Präsident Wladimir Putin (rechts) und IOC-Präsident Thomas Bach demonstrierten nicht nur bei den Winterspielen von Sotschi 2014 Einigkeit. Im Dopingskandal hofft Moskau auf die Unterstützung des Deutschen. Foto: dpa
Doping

Wie empfänglich ist Bach für Moskaus Argumente?

Die russische Fachwelt zweifelt nicht am systematischen Betrug im Spitzensport. Moskaus Politiker hoffen auf Hilfe des deutschen IOC-Präsidenten.

14.12.2016
  • STEFAN SCHOLL

Moskau. Valentin Balachnitschew, Ex-Präsident des international gesperrten Russischen Leichtathletikverbandes, versucht es mit Ironie: „Wir müssen lernen, für vaterländischen Urin unverwundbare Reagenzgläser herzustellen, die für unseren Sport zur Festung werden.“ Nach dem zweiten McLaren-Bericht über das Staatsdoping in Russland erhitzen sich die Gemüter dort vor allen an Reagenzgläsern: Ein Hauptvorwurf McLarens lautet, russische Geheimdienstler hätten die Gläser mit Dopingproben etlicher Medaillenanwärter mit elastischen Stahlklingen geöffnet und den Inhalt gegen sauberen Urin ausgetauscht. Für viele Russen eine Räuberpistole. „Es heißt, zwei russische Eishockeyspielerinnen hätten in ihren Proben männliche DNA gehabt. „Zieht euch aus, Mädchen!“, schnaubt die Fachzeitung Sowetski Sport. „Zeigt, wer ihr wirklich seid. Soll McLaren euch persönlich abtasten.“

Vier Olympiasieger im Visier

Richard McLaren hat einen russischen Zentralnerv getroffen: Sotschi 2014. Stimmt sein Bericht, so droht der Verlust von vier Goldmedaillen, also des als Triumph gefeierten ersten Platzes in der Nationenwertung. Alle olympische Gastfreundschaft der Russen entpuppt sich als ganovenhafter Missbrauch des Heimrechtes. Eisschnellläufer, Sportfunktionäre und Staatsjournalisten diskutieren, wie einfach oder wie unmöglich es ist, die Hightech-Gläschen der Schweizer Firma Berlinger zu knacken. Und ob nicht auch McLaren jetzt eine Urinprobe abgeben müsse, er habe ja auch Zugriff zu den Reagenzgläsern gehabt.

Dabei gilt in Fachkreisen Doping in Russlands Spitzensport schon als selbstverständlich. „Sie haben es einfach zu unverschämt getrieben“, sagt ein Moskauer Eishockeytrainer dieser Zeitung. Balachnitschew beklagt auf Facebook die falsche Politik: „Seinerseits stand das Sportministerium vor der Wahl – in Richtung Gendoping (USA) zu forschen oder in Richtung Turinabol.“ Man habe entschieden, kolossale Haushaltsgelder für das Anabolikum Turinabal auszugeben. „Jetzt ist Turinabol nachweisbar, Gendoping aber nicht. Wir stehen als Ausgeburt der Dopinghölle da, die Amerikaner aber als reine Engel.“

Wjatscheslaw Fetissow, russische Eishockeylegende und Ex-Chef der inzwischen zum Ministerium umgewandelten Agentur für Körperkultur und Sport, begründet gegenüber der Zeitschrift Ogonjok die sportliche Pleite bei den Winterspielen 2010 in Vancouver mit mangelhafter „pharmakologischer“ Vorbereitung. „Die Sportler fuhren steril los. Niemand hatte eine Ahnung von den aktuellen Tendenzen in der Pharmakologie. Man fragte die Athleten, was los sei, sie antworteten: ,Wir haben nichts, um zu laufen!' Die wichtigste Vorbereitungsetappe wurde verbockt, die Pharmakologie wurde verbockt.“ Mies gedopt also.

McLaren übrigens schreibt in seinem Bericht, die russischen Sportbehörden hätten nach Vancouver angefangen, das Dopingsystem zu perfektionieren. Das häufigste Gegenargument der Russen in diesen Tagen lautet: Westliches Doping ist noch perfekter, medizinisch noch abgefeimter. Viele russische Experten bezweifeln, dass McLarens Zweitbericht große Folgen hat: „Vielleicht nimmt man uns zwei, drei Medaillen ab, und sperrt bei den nächsten Winterspielen zum Beispiel die Bobfahrer“, sagt Alexei Lebedjew, Sportchef der Zeitung Moskowski Komsomoljez. „Aber die meisten anderen dürfen wieder starten, wie in Rio.“

Moskau vertraut auf seinen Einfluss in den Hinterzimmern des Weltsports. Seit Jahren besetzen sehr zahlungskräftige Russen Schlüsselpositionen in internationalen Verbänden. Die Wirtschaftsoligarchen Alischer Usmanow und Wladimir Lisin stehen dem Weltfecht- und dem europäischen Schießsportverband vor, der ebenfalls milliardärenschwere Arkadi Rotenberg sitzt im Vorstand des Judoweltverbandes. Fetissow wollte 2007 Chef der Welt-Antidoping-Agentur werden, damals vergaß die russische Botschaft, seine Bewerbungspapiere einzureichen.

Auch Thomas Bach, der deutsche IOC-Chef, gilt in Russland als „unser Mann“. Trotz aller Dopingskandale sperrte das IOC die Russen nicht komplett für Rio, dafür aber ihre 800-Meter-Läuferin Julia Stepanowa, die als Whistleblowerin das Staatsdoping in ihrer Heimat mit aufgedeckt hatte. „Uns bleibt die Hoffnung auf Thomas Bach, der für Russland die vergangene Olympiade gerettet hat“, sagt der Athletenanwalt Alexander Karpenko, „auf seine Prinzipientreue und sein Gerechtigkeitsgefühl.“ Mit anderen Worten: auf Bachs Empfänglichkeit für Moskaus Argumente.

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14.12.2016, 06:00 Uhr

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