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Hoffnung bei Prostatakrebs

Wie gefährlich ein Tumor ist, kann jetzt besser eingeschätzt werden

Muss ein Prostatakrebs operiert werden oder lässt man ihn besser in Ruhe? Das war bislang eine schwere Entscheidung für die Betroffenen. Ein neues, in Tübingen weiterentwickeltes Verfahren erleichtert jetzt Patienten und Medizinern die Einschätzung. Tübinger Ärzte sprechen von einem „Quantensprung“ in der Diagnose.

24.08.2015
  • Ulrich Janßen

Tübingen. Mit einem Prostatakrebs kann man alt werden, das wissen die Mediziner schon lange. Viele Tumore in der Drüse wachsen langsam und verursachen vergleichsweise wenig Beschwerden. Leider ist es nicht so einfach, die gefährlichen von den weniger gefährlichen Tumoren zu unterscheiden. Die Krebszellen in der Prostata verteilen sich nämlich sehr unterschiedlich. Durch bloßes Tasten oder das übliche Ultraschallbild ist der Charakter einer Krebszelle nur schwer einschätzbar, und bei einer Gewebeprobe erwischen die Ärzte nicht immer die aggressiven Zellen. „Das muss man sich vorstellen wie beim Schiffeversenken“, erläutert der Urologe Stephan Kruck, Oberarzt in der Tübinger Urologischen Universitätsklinik. „Man weiß nur begrenzt, wo man hineinstechen soll.“ Für viele erkrankte Männer war das ein großes Problem. Sollen sie sich operieren lassen (mit all den möglicherweise unangenehmen Folgen für die Potenz) oder lassen sie das Organ in Ruhe? In vielen Fällen liegen die Ärzte mit ihren Prognosen richtig, bei einem Drittel der Patienten allerdings entwickeln sich die zunächst als unauffällig geltenden Tumore aggressiver als gedacht.

Entsprechend groß ist die Angst vieler Erkrankter, dass aus dem vermeintlich friedlichen Tumor am Ende doch ein möglicherweise tödlicher Krebs werden könnte. Mit regelmäßigen Nachkontrollen im Zuge der „aktiven Überwachung“ versuchen die Ärzte, das Risiko beherrschbar zu halten. Doch hatten sie bislang oft zu wenig Grundlagen, um früh verlässliche Voraussetzungen zu treffen. „Es gab von der Prostata einfach nicht genug gute Bilder.“

Ein neues Diagnosegerät der in Singapur ansässigen Firma BioBot könnte dies ändern. Das Gerät wird derzeit an fünf Kliniken weltweit getestet und weiterentwickelt, eine davon ist Tübingen. „Wir haben schon einen gewissen Ruf“, erklärt das bescheiden der Oberarzt. Die Firma aus Singapur habe sich gezielt an die Tübinger gewandt, weil sie hier Spezialisten wusste, die das Gerät unter klinischen Bedingungen testen und weiterentwickeln können. Außer Kruck war noch der Tübinger Radiologe Sascha Kaufmann an der Entwicklung beteiligt. Die neue Technologie verbindet Ultraschallaufnahmen der Prostata mit Aufnahmen eines Magnetresonanztomographen und erstellt auf diese Weise sehr präzise räumliche Bilder von der Prostata. Darauf können die Ärzte in bislang ungeahnter Schärfe erkennen, wo sich mögliche aggressive Krebszellen befinden und wo nicht. Und sie können sehr viel gezielter, systematischer und auch schonender Gewebeproben entnehmen. „Ein Quantensprung“, sagt Kruck.

Bislang wurde die Biopsie-Nadel über ein Gitter mehr oder weniger systematisch in die Prostata eingeführt. Dazu waren zahlreiche Einstiche nötig, mit denen das Gewebe aus Risikogebieten in der Prostata entnommen wurde. Sofern die Einstiche vom Enddarm aus erfolgten, bestand dabei stets die Gefahr, dass es zu Entzündungen kommen konnte, die mit Antibiotika bekämpft werden mussten.

Mit dem neuen Verfahren sind nur noch zwei winzige Stiche erforderlich, über die die Ärzte die Biopsie-Nadel an die gewünschten Orte steuern können. Die Tübinger Ärzte gehen auch nicht mehr vom Enddarm aus vor. Sie stechen zwischen Hoden und Darmausgang zu, wo die Gefahr einer Infektion wesentlich geringer ist. „Das ist schonender für die Patienten“, erklärt Kruck. Während der Entnahme liegen die Patienten in einer kurzen Narkose.

Mit Hilfe des neuen Geräts lässt sich die Ausdehnung eines Tumors millimetergenau bestimmen. Erstmals unterstützt zudem ein Robotersystem die Ärzte bei ihrer Suche nach Lage und Größe des Tumors. Das System wertet die kombinierten Daten des Ultraschallbildes und des MRTs aus und kann so ein Raster anlegen, mit dem das Gewebe sehr präzise entnommen werden kann. Besonders wichtig ist, dass sich dank des neuen Verfahrens bei einer Folgeuntersuchung sehr genau bestimmen lässt, ob sich ein Tumor ausgedehnt hat. Kruck ist deshalb überzeugt: „Das ist ein Verfahren, das sich durchsetzen wird.“

Wegen des nötigen Aufwands und der hohen Kosten würden sich allerdings vorerst nur größere Kliniken ein derartiges Gerät zulegen können. Schließlich müssen die Krankenkassen die Untersuchungen am Ende finanzieren. Als großes Universitätsklinikum ist Tübingen da im Vorteil. Hier können teure Geräte zu Forschungszwecken eingesetzt werden. Gut hunderttausend Euro kosten vergleichbare Geräte im günstigsten Fall.

Patienten in Tübingen und der Region aber können sich freuen: Sie profitieren schon jetzt von der neuen Diagnose-Technik. Knapp 80 Patienten wurden bislang untersucht, viele weitere werden folgen. Prostata ist immerhin der häufigste bösartige Krebs bei Männern. Fast jeder zehnte Mann erkrankt im Laufe seines Lebens daran.

Wie gefährlich ein Tumor ist, kann jetzt besser eingeschätzt werden
Mit dem neuen Diagnose-Gerät können die Tübinger Mediziner Lage und Ort eines Prostata-Tumors viel genauer als bislang erkennen.Bild: UKT

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24.08.2015, 12:00 Uhr

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