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Klassik

Wie hätte das der Chef gemacht?

Ohne seinen Weltstar spielt das SWR Symphonieorchester den Saisonauftakt. Was ist der Currentzis-Effekt?

21.09.2019

Von JÜRGEN KANOLD

Top-Cellist Nicolas Altstaedt. Foto: SWR/Marco Borggreve

Stuttgart. Die Hallen des Hauptbahnhofs, die Paul Bonatz noch vor 1914 als eine Kathedrale der neuen Zeit geplant und dem reisenden Menschen in heiligem Ernst geweiht hatte: trostlos vernagelt, hässlich ausladend. Die Liederhalle von Adolf Abel und Rolf Gutbrod, 1956 als herausragendes Konzerthaus der Nachkriegsmoderne gefeiert: von einer Baustellenlandschaft versperrt und drinnen in den Foyers längst furchtbar altbacken. Der Klassik-Tourist muss sich in Stuttgart tapfer Zuversicht zusprechen, bis ihn die Musik verzaubern kann. Dabei lockt da jetzt mit Teodor Currentzis ein Weltstar.

Und dann: „Aus „gesundheitlichen Gründen“ hatte der Chefdirigent des SWR Symphonieorchesters „seine Mitwirkung“ absagen müssen, auch die an die Konzerte in Stuttgart und Freiburg anschließende Deutschlandtournee. Montags war die Meldung raus, am Sonntagabend hatte sich Currentzis noch beim Luzern-Festival verausgabt, bei „Così fan tutte“ im Konzerthaus. Vier Tage Mozart hintereinander, ein Bartoli-Abend und die drei Da-Ponte-Opern mit seinem Ensemble MusicAeterna. Der Mann dirigiert manisch, existenziell – was aber offenbar Grenzen hat.

Es sprang nun Michael Sanderling ein, der zuletzt Chefdirigent der Dresdner Philharmonie war. Das zweite, so karge wie bizarre Violoncello-Konzert von Dmitrij Schostakowitsch mit Nicolas Altstaedt, Anton Weberns herrlich impressionistisch dahinwehendes „Im Sommerwind“ und schließlich Gustav Mahlers Adagio aus der unvollendeten 10. Sinfonie – Melancholie mit Herzattacke, ein hoch emotionaler Abgesang. Und gerade das Mahler-Finale: ziemlich perfekt und klangsinnlich aufgeführt.

Der Zuhörer aber fragt sich jetzt trotzdem: Wie hätte Currentzis das gemacht? Hätten die SWR-Symphoniker noch einmal 20 Prozent an Expressivität und Einsatz drauflegen können, wenn der so charismatische Chef am Pult gestanden wäre? Was ist der Currentzis-Effekt? Solche Fragen sind der Fluch der gewohnten Sensation.

Was aber auch gesagt werden muss: Nicolas Altstaedt ist ein begnadeter Cellist. Ein Erlebnis schon, wie er zu Beginn solo Henri Dutilleux' „Trois strophes sur le nom Sacher“ spielte und beim Schostakowitsch aus der sarkastischen Härte dieses Cellokonzerts geschmeidig den Wohllaut herausfilterte.

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Erstellt:
21. September 2019, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
21. September 2019, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 21. September 2019, 06:00 Uhr

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