Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen
"Bring dich um"

Wie junge Homosexuelle in Russland unter der Anti-Schwulen-Politik leiden

In Russland greift - staatlich gefördert - der Hass auf Homosexuelle um sich. Lehrer werden entlassen, Schwule gejagt, Aktivisten verfolgt. Jugendliche Homosexuelle versuchen dennoch, ihren Weg zu finden.

30.10.2013
  • STEFAN SCHOLL

Katja ist 13, sieht aber aus wie 16. Ihr Gesicht ist ungeschminkt, bis auf die violetten Schatten, die die Lider ihrer riesigen himmelblauen Augen verlängern. Katja ist bisexuell. "Aber Mädchen mag ich mehr." Die Walkürenmähne der Jugendlichen schimmert golden, "Rock the Party" steht auf ihrem blauen T-Shirt.

Katja (alle Namen der Minderjährigen geändert) sitzt zwischen ihren Freunden auf einer Bank im Park des Sieges. Der einzige Park in ihrer Kleinstadt, 80 Kilometer südlich von Sankt Petersburg. Sascha neben ihr hat ein noch unfertiges Gesicht, lange Wimpern verschatten seine Augen, er druckst etwas herum, dann outet er sich als schwul. Und Sweta, hager und schreckhaft wie eine Eidechse, sagt gar nichts.

Katja und ihre Freunde gehören zur umstrittensten Minderheit in Russland. Einer Minderheit, die es nach dem Willen der Staatsduma gar nicht geben darf: Denn diese stellte per Gesetz im Juni "Propaganda für nichttraditionellen Sex gegenüber Minderjährigen" unter Geldstrafe. Mit dem erklärten Ziel, Russlands Jugend davor zu bewahren, homosexuell zu werden.

Vergeblich, in Katjas Fall. "Ich hatte schon im Kindergarten eine Freundin", erzählt sie. "Wir haben uns auch geküsst." In der Schule sei sie ebenfalls mit ein paar Mädchen zusammen gewesen. "Aber zum Äußersten ist es noch nicht gekommen." Auch Saschas Homosexualität ist bisher platonisch.

Anfang September brachten Duma-Abgeordnete einen weiteren Gesetzentwurf ein, der homosexuellen Eltern das Sorgerecht entziehen soll. Experten halten das für undurchführbar. Auch das Gesetz gegen Schwulenpropaganda gilt als schwammige Absichtserklärung. "Sein Wortlaut kommt praktisch nicht zur Anwendung", sagt der Moskauer Iwan Simotschkin, Mitorganisator des Internetforums "deti404" für homosexuelle Jugendliche. "Aber seine Existenz gibt Anlass zu allen möglichen Initiativen gegen Schwule und Lesben."

So wurden diesen Sommer ein schwuler Geographielehrer in Chabarowsk, eine Geschichtslehrerin in Magnitogorsk und ein Moskauer Lehrer entlassen. Sie hatten im Internet oder auf Demos Verständnis für Homosexuelle gezeigt. An den Schulen wird homophobe Propaganda verbreitet."Im Aufklärungsunterricht haben sie gesagt, Homosexuelle sind kranke Menschen, die zusammenleben wollen", sagt Katja. Aber einen Jungen aus der elften Klasse hätten Mitschüler in die Toilette geschleppt und vergewaltigt. "Sie waren nicht schwul, sie wollten ihn nur erniedrigen."

Homosexuelle sind öffentliche Hassobjekte geworden. Wer an Demonstrationen für die Rechte von Lesben, Schwulen, Bisexuellen und Transsexuellen teilnehme, "riskiert Prügel", sagt Natalja Zilbojewa von der Petersburger "Allianz Heterosexueller für Homosexuelle". Berufsschläger boxen und treten mutmaßlich schwule Demonstranten blutig, unter den Augen der tatenlosen Einsatzpolizei und mit dem Segen orthodoxer Geistlicher. In Wolgograd vergewaltigten im Mai mehrere junge Männer einen 23-Jährigen mit einer Bierflasche, schlugen ihm danach den Schädel ein. Er sei eine Schwulensau gewesen, so einer der Mörder im Verhör. Laut Gay-Organisationen gab es seit Jahresbeginn in Russland neun ähnliche Morde.

Ein 16-jähriger Neonazi, Spitzname "Dönitz", veranstaltet in mehreren Städten "Safaris" auf minderjährige Schwule: Er und sein Gefolge locken Teenager zu Treffen mit vermeintlichen "Freiern". Dort erniedrigen sie ihre Opfer vor laufender Kamera, stellen die Videos ins Internet. Hinterher übergießen sie die Jungen mit Urin, verprügeln sie oder zwingen sie zum Oralsex. Mehrere Strafanzeigen gegen den Neonazi blieben ergebnislos. "Die Polizisten geben uns sogar Ratschläge", brüstete er sich in der Zeitung "Moskowski Komsomoljez".

Die Schwulenhasser beherrschen den öffentlichen Luftraum. "Die Politik in vielen westlichen Staaten", klagt Präsident Wladimir Putin "stellt Großfamilien und homosexuelle Partnerschaft ebenso gleich wie den Glauben an Gott und an Satan." Nach einer Umfrage des Lewada-Zentrums verlangen 27 Prozent der Russen für Homosexuelle psychologische Hilfe, 16 Prozent Isolation von der übrigen Gesellschaft, 22 Prozent Zwangsheilung und fünf Prozent schlicht die Liquidation.

Katjas Eltern wissen nichts von der Bisexualität ihrer Tochter. "Mein Vater würde mich sofort zu allen Psychiatern schleppen", seufzt sie. "Meine Mutter hat Gerüchte gehört, aber sie hält das für Getratsche." Katja lächelt schief. Bei vielen Russen ruft allein der Verdacht, ihr Sohn könnte schwul sein, Panik bis Tobsucht hervor. "Für dich gibt es nur einen Ausweg", sagte die Mutter eines erwachsenen Gays aus Nowosibirsk. "Bring dich um!"

Katjas Stadt ist klein, 12 000 Seelen, ein Einkaufszentrum, drei Schulen. Hier kenne jeder jeden, sagt Katja. "Aber es gibt hier keine Skinheads, die rumlaufen und Schwule zusammenschlagen." Laut Simotschkin vom Internetforum "deti404" ist vor allem die Jugend toleranter geworden. Aber wie bei vielen von oben losgetretenen Kampagnen bricht sich die Wucht des Anti-Homosexuellen-Feldzugs weniger an Duldsamkeit als an der russischen Gleichgültigkeit. "Den meisten Leuten ist es völlig egal, wer mit wem in welcher Pose schläft", schreibt der Publizist Anton Nosik. Doch für aktive Solidarität mit den "Pediki", wie man Schwule nennt, ist in Russlands bäuerlich-konservativer Seele kein Platz.

Katja schwärmt von ihrer 18-jährigen Freundin aus dem 1000 Kilometer entfernten Kursk. Sie hätten sich zwar noch nie gesehen, schrieben sich aber lange Mails. "Zwischen uns herrscht so viel Verständnis." Katja ist voller Optimismus. Sie wolle Kinder, am besten adoptiert. "Die sind dann ganz besonders glücklich." Die 13-Jährige ist selbst noch ein Kind. Aber je mehr sie heranwächst, umso mehr Feindschaft wird ihr entgegenschlagen.

Wie junge Homosexuelle in Russland unter der Anti-Schwulen-Politik leiden
Ein Kuss gegen die Staatsmacht: Polizisten mit Schutzhelmen und Bomberjacken nehmen bei einer Homosexuellen-Demonstration Mitte Oktober in St. Petersburg zwei Aktivisten in Gewahrsam. Aus Protest küssen sich die beiden jungen Männer auch, als sie abgeführt werden. Foto: Imago/ ITAR-TASS

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

30.10.2013, 12:00 Uhr

Sie müssen angemeldet sein, um einen Leserbeitrag zu erstellen.
Anmelden
Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar zu verfassen.
Anmelden
 

 

 
Video-News: Aus Land und Welt
Heute meistgelesenNeueste Artikel
Wirtschaft im Profil
Bildergalerien
Videos
Single des Tages
date-click
Video-News: Fußball