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Kommentar

Wie lange noch Karl-Adam-Straße?

Nachdem die Alliierten 1945 Deutschland vom nationalsozialistischen Regime befreit hatten, gingen sie daran, zusammen mit hiesigen demokratisch gesinnten Helfern das Land zu entnazifizieren. Das betraf nicht nur Repräsentanten des NS-Staates, die – wenn auch nicht immer konsequent genug – von ihren Posten entfernt wurden.

08.10.2010
  • Hans-Joachim Lang

Sichtbares Zeichen war auch die Umbenennung von Straßen. Unmittelbar nach der Nazizeit wurden allein in Tübingen 64 Straßen umbenannt, davon 47, weil sie in engem Zusammenhang mit dem NS-System standen. So wurden, zwei prominente Beispiele, die Adolf Hitler-Straße wieder zur Mühlstraße und die Wilhelm-Murr-Straße zur Neuen Straße. Auch bei diesen Säuberungen sind einige Kandidaten zunächst unentdeckt geblieben und zu einem späteren Zeitpunkt vom Straßenschild entfernt worden.

Nicht nachvollziehbar bleibt jedoch, wieso Eduard Haber immer noch durchs Stadtbild führen darf. Er wurde 1936 zum Straßenpatron ernannt, ausdrücklich mit dem Hinweis, dass damit ein „Vorkämpfer für die nationale Erhebung“ geehrt werde. Haber, letzter Gouverneur von Deutsch-Neuguinea, war hoher SA-Führer und Lehrbeauftragter an der Tübinger Uni für Kolonialwesen.

Der kurioseste Fall von Tübinger Fehlbenennung ist die Karl-Adam-Straße auf dem Horemer. Sie erhielt ihren Namen nämlich erst 1966 nach einem Tübinger katholischen Dogmatik-Professor, als dessen Bekenntnisse zum Nationalsozialismus und dem „Führer“ in der Erinnerung der Zeitgenossen noch nicht ganz verblasst gewesen waren. Dabei war er kein harmloser Mitläufer, wie dieser Tage auch das Rottenburger bischöfliche Ordinariat einräumte. In einer Stellungnahme wird bestätigt, dass Adam „in der NS-Zeit völkisch, rassistisch und antisemitisch geprägte Aussagen“ verbreitet habe.

Adam könne „für die heutige Generationen keine Orientierung bieten“, reagierte Bischof Gebhard Fürst auf eine Anregung des Rottenburger Stadtrats Albert Bodenmiller. Deshalb soll künftig das Karl-Adam-Haus, in dem die Katholische Hochschulgemeinde ihren Sitz hat, nach dem Jesuitenpater und Nazi-Gegner Rupert Meyer heißen.

Bodenmiller, voll Anerkennung für den Bischof, deutete daraufhin nach Tübingen. Aber wer fühlt sich hier getroffen? Will hier kein Gemeinderat die Rottenburger Überlegungen aufgreifen? Es könnte sich auch die CDU angesprochen fühlen, die seinerzeit die Namensbenennung initiierte.

Und da Adam an der Tübinger Uni lehrte, könnte ihm durchaus jemand auf dem Straßenschild nachfolgen, der an dieser Uni Opfer des Antisemitismus wurde. Etwa der spätere Physik-Nobelpreisträger Hans Bethe, den die Nazis 1933 aus der Uni warfen, weil er jüdischer Abstammung war. Bethe brachte sich in Großbritannien in Sicherheit. Ihn im Tübinger Straßenbild zu verewigen, wäre schon lange angebracht.

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08.10.2010, 12:00 Uhr

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