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Mit Barmaids gegen Alkohol

Wie man Jugendliche von der Flasche kriegt

„Verbieten“ fordern die einen. „Prävention“ sagen die anderen. Jugendlicher Alkoholkonsum auf städtischen Plätzen und Straßen sticht ins Auge und macht Eltern, Pädagogen und Stadträten Sorge.

27.09.2012
  • Ulla Steuernagel

Tübingen. Wie kann man Jugendliche von der Flasche kriegen oder verhindern, dass sie dran hängen bleiben. „Alkoholprävention“ ist ein wichtiges Thema der Jugendarbeit. Stadt-und Kreisverwaltung haben eine Projektgruppe gebildet und bemühen sich um „lebensweltorientierte“ Programme.

Zwei dieser Programme wurden am Montag im Tübinger Sozialausschuss vorgestellt. Das eine heißt leicht zweideutig: „Mädchen Sucht Junge“, ist aber, wie eine der beiden Fachkräfte, Michael Weyhing, im Ausschuss betonte, „keine Partnervermittlung“. Statt dessen begreift es sich als „interaktives Präventionsmodul“ für 13-Jährige und Ältere. Bisher wurden die moderierten Veranstaltungen in neun Schulklassen angeboten. In dem Projekt geht man Geschlechter-differenziert an das Problem heran. Dabei werden Zielvereinbarungen getroffen, beispielsweise über das Verhalten auf Klassenfahrten. Wichtig im Umgang mit Jugendlichen sei, so Weyhing, sie zur Selbstreflektion anzuregen.

Jugendliche nicht nur belehren, sondern sie direkt in die Präventionsarbeit einbinden, ist auch das Ziel von „Trink:bar“. Die mobile Cocktailbar ist ein Kooperationsprojekt zwischen der Stadt Tübingen, der Jugendpflege Mössingen und dem Kreisjugendring. In diesem Jahr wird es voraussichtlich mit 20 000 Euro (14 700 kommen von der Stadt Tübingen) gefördert.

Alle Cocktails, die an diesem fahrbaren Tresen gemixt werden, sind bunt und fruchtig, aber ohne Alkohol. Damit will Trink:bar zeigen, dass es auch möglich ist, ohne Alkohol Spaß zu haben. An der Cocktailbar wird nach dem „peer-to-peer“-Prinzip gearbeitet. Nicht nur vor, sondern auch hinter dem Tresen stehen Jugendliche. Bisher wurden schon 50 Jugendliche und junge Erwachsene auf zweitägige Barkeeperschulungen geschickt. Mittlerweile gibt es so viele Bewerber, das eine Warteliste geführt wird.

Die praktische Einführung geschieht durch zwei Barmaids aus der „Liquid Bar“ in der Tübinger Kelter. Das Trink:bar-Team ist heterogen zusammengesetzt, die Teilnehmer kommen aus sämtlichen Schularten, die eine Hälfte Mädchen, die andere Jungen.

Saskia Ritter berichtete dem Ausschuss über dieses Projekt, das seit seiner Eröffnung im Mai 2011 schon viel herumgekommen ist, unter anderem war es beim Ract- und beim Southside-Festival. Evelyn Ellwart-Mitsanas (AL / Grüne) lobte die Basisarbeit von Trink:bar – „nettes Projekt“. Doch sie fragte auch kritisch an: „Erreichen Sie damit Jugendliche, die Probleme mit Alkohol haben?“ Sie schätzte, dass es eher „die ,netten‘ Jugendlichen“ anspreche. Nach Ritters Beobachtung wirken jedoch nicht nur „brave“ Jugendlichen mit. Ein ständiger Austausch samt Selbstreflektion werde angeregt.

Was können Cocktails, was Cola und Limo nicht können, wurde Ritter ebenfalls gefragt. „Cocktails machen mehr her und sind außerdem lecker“, befand die Sozialpädagogin. Ob man damit irgendwen vom Alkohol weg bekommt? Aylin Yigit vom Jugendgemeinderat merkte an: „Die Jugendlichen meiner Umgebung trinken den Alkohol nicht, weil er lecker ist, sondern wegen des Effekts.“ Genau darüber rege die Trink:bar an nachzudenken, entgegnete Ritter.

Debatten über Prävention landen früher oder später bei der Frage des Alkoholverbots. Zum Beispiel in der Tübinger Innenstadt. Die Pfrondorfer Ärztin Ursula Welz (UFW) fand das nicht besonders klug. Schließlich hätten die Sprösslinge ihre festen Trinkplätze, und die Eltern wüssten so, „wo ihre Kinder liegen“.

Albrecht Kühn (CDU) erinnerte daran, dass man schon seit zwei Jahren vergeblich nach einem innenstädtischen Ort für ein Jugendcafé suche. Ob man nicht einfach die Trink:bar zum „Nucleus“ (also Kern) erklären, an den Europaplatz stellen und mit ein paar zusätzlichen Tischen und Bänken ausstatten könne, so lautete sein Vorschlag. Das sei gewiss keine Lösung, meldete sich Jugendgemeinderat Daniel Kaupp zu Wort. Ein Jugendcafé ganz ohne Alkohol könne, wenn man denn alle Jugendlichen ansprechen wolle, nicht funktionieren. „Und wenn man im Café keine Möglichkeit hat, Alkohol zu trinken, dann wird’s eben dahinter gemacht.“

Der Alkohol bei Jugendlichen und seine Müll-Hinterlassenschaft seien ein „kulturelles Phänomen“, so merkte Dieter Zeller (AL / Grüne) an. „Dem Problem kommen wir weder mit Präventionsmaßnahmen noch mit einem Jugendcafé bei.“ Eine Lösung deutete aber auch er nur an: „Da müssen wir auch mal anders Grenzen aufzeigen.“

Wie man Jugendliche von der Flasche kriegt
Jugendliche Barmaids oder Barkeeper mixen Fruchtcocktails und zeigen so, dass es auch ohne Alkohol geht. Archivbild: Metz

Dorothea Herrmann von der Fachabteilung Jugendarbeit im Tübinger Rathaus ist schon seit fünf Jahren erfolglos auf der Suche nach einem Europaplatz-nahem Standort für ein Jugendcafé. Wo sie auch anfragte, wurde abgewinkt. Selbst noch in der vorderen Gartenstraße, in der mehr als ein Jahrzehnt ein ganzes Haus leersteht.
Doch die Besitzerin sieht ihr Haus lieber verfallen als von Jugendlichen genutzt.

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27.09.2012, 12:00 Uhr

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