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Mit ganz viel Tee zum Bodensee

Wie man bei Minus 18 Grad warme Füße behält

Der Sommer ist eine gute Zeit, um Klaus Steinle und Karin Speidel zu treffen: Wenn das Thermometer über die 20-Grad-Marke klettert, ist es nämlich zu warm für Tee – denn dann nehmen die Kräuter Schaden. Doch jetzt geht es wieder los: mit einem Bus voller Tee und Gewürze. Steinles Teemarkt ist bis Weihnachten fast jeden Tag unterwegs.

03.09.2012
  • Gabi Schweizer

Talheim. Es ist ein surreales Gespräch. Bei Außentemperaturen von 30 Grad im Schatten geht es um die wärmsten Schuhe für den Weihnachtsmarkt. Karin Speidel hat welche mit integrierter Heizung und eine ebensolche Jacke. Heizstäbe wärmen ihren Rücken und ihre Füße. Sind diese Körperteile erstmal warm, reicht es auch für den Rest. So lassen sich die Minusgrade zwischen Tee- und Gewürzregalen ertragen. Drei bis fünf Stunden hält der Akku, dann muss er wieder an den Stromkreis. Entwickelt wurde das System für Motorradfahrer – das sind Karin Speidel und ihr Lebensgefährte Klaus Steinle auch, wenn sie nicht gerade mit dem mobilen Tee- und Gewürzladen durchs Land touren. Und das tun sie oft, jedenfalls im Herbst und in der Weihnachtszeit. „Ab September toujours durch“, berichtet Klaus Steinle. Morgens um 3 scheppert der Wecker, dann geht es los mit Bus und Verkaufshänger, zurück sind sie spätabends zwischen 20 und 22 Uhr, von ihren Trips zwischen Bodensee und Hessen. Selten nur bleiben sie über Nacht weg, in Talheim haben sie ein Haus. Eigentlich nur, wenn der Weg so lang wäre, dass sich die Fahrt gar nicht lohnen würde.

Der Opa und der Vater verkauften Kittelschürzen

Ja, die Fahrtzeiten! Und doch möchte Klaus Steinle seinen mobilen Markt nicht gegen einen gemütlichen kleinen Laden eintauschen. Was ihm einerseits so viel Stress bereitet, schafft ihm andererseits auch Freiräume – beispielsweise zur Sommerzeit. Und gewissermaßen ist es auch eine Familientradition, die er nun in dritter Generation fortführt. Klaus Steinle kommt aus dem Kittelschürzen-Geschäft. Sein Großvater verkaufte sie ab 1936 auf Märkten, danach der Vater, dann er selbst – und der Bruder. Der ist immer noch im Business, aber Klaus Steinle hat sich daraus verabschiedet. Weil es immer weniger Frauen gibt, die diese doch sehr, nun ja, rustikalen Kleidungsstücke tragen möchten; weil es mühsam ist, sich davon zu ernähren.

So stieg er vor 15 Jahren ins Tee- und Gewürzgeschäft ein. Er ist, bei aller Reisefreude in der Region, keiner, der viele ferne Länder und ihre kulinarischen Gepflogenheiten ausgekundschaftet hätte; wer sich sein Talheimer Haus als Hexenhäusle mit Kräuterbüscheln vorgestellt hat, wird ebenfalls enttäuscht. Trotzdem: „Tee und Gewürze haben mich schon immer fasziniert.“ Und in der globalisierten Welt ist indischer Chai ja auch nichts, wofür man um die Welt jetten müsste, findet der 50-Jährige.

Teehändler zu werden ist dennoch nicht einfach. Selbst dann nicht, wenn man, wie der gelernte Kaufmann Steinle, bei der Industrie- und Handelskammer eine Zusatzschulung gemacht hat und nicht-apothekenpflichtige Medikamente verkaufen darf. Die deutschen Gesetze erlauben es ohne entsprechende Ausstattung nicht mal, selbst zu mischen – und eine solche Ausstattung würde viel Geld kosten. Statt dessen kooperiert Steinle mit verschiedenen Großhändlern aus ganz Deutschland, die Teemischungen nach Wunsch zubereiten und zuweilen auch Schulungen anbieten – etliche hat er besucht. Indischen Gewürztee hat er im Sortiment und weißen Tee aus dem Himalaya, Nana-Minze aus Marokko und Pfefferminze aus dem Fränkischen, Tees mit Katzenpfötchen (eine kleine rosa Blume) und natürlich all die Kräuter, denen der Volksmund heilende Wirkung nachsagt: Salbei gegen Halsschmerzen, Weißdorn, der gut sein soll fürs Herz, Thymian, Weidenröschen.

Karin Speidel hat früher Ausbildungs- und Praktikumsstellen für Jugendliche vermittelt. Nun verkauft sie Safran („so teuer wie Gold“), Kurkuma („kann man als Ersatz nehmen“), Koriander, Waldfruchttee, Mischungen mit Äpfeln vom Bodensee, Bambustee (immer mehr gefragt, da säurearm und gut verträglich); und ja, sie habe alle 800 Teesorten selbst probiert. Klaus Steinle natürlich auch.

Vor drei Jahren hat Karin Speidel sich für ein Leben als Tee- und Gewürzverkäuferin entschieden – und für eins in Talheim, mit ihrem Lebensgefährten Klaus Steinle. Sie kommt aus Stuttgart, ein Jobwechsel stand ohnehin an. Ein paarmal war sie dabei gewesen auf Märkten – und bei den Gelegenheiten hatte sie gemerkt: Es machte ihr „wahnsinnig viel Spaß“. Speidel wirkt wie jemand, der gern auf Menschen zugeht. Anders ginge es wohl nicht in dieser Branche und erst recht nicht, wenn 80 Prozent der Kunden Stammgäste sind. Mit Namen kennt sie die wenigsten, vom Sehen die meisten. Umgekehrt genauso. „Kräuterhexle“ wurde die 48-Jährige von einigen getauft.

Es gibt allerdings auch jene Käufer, die Steinles Teemarkt nie zu Gesicht bekommen haben. Denn so sehr die Markthändler für ein traditionsreiches Gewerbe stehen – es gibt eben auch jene andere Sparte, die moderne: den Internetshop. Im sozialen Netzwerk Facebook ist Steinles Teemarkt ebenfalls vertreten. „Das sind Medien, die man nutzen kann“, findet Klaus Steinle.

Kochsendungen steigern Gewürze-Umsatz

Eine andere neue Entwicklung haben die beiden hingegen noch nicht mitgemacht. Mössingen ist auf dem besten Weg zur Fair-Trade-Stadt – aber mit diesem Siegel sind die Steinle’schen Tees und Gewürze nicht ausgezeichnet. Viele Zutaten kämen aus Deutschland, erklärt Karin Speidel. Unter welchen Bedingungen die nicht-heimischen produziert würden, wüssten sie nicht.

Es sind gerade die exotischen Gewürze, die besonders gern gekauft werden. Weil – zum Beispiel durch die vielen Fernsehkochsendungen – mehr als Salz und Pfeffer ins Gewürzregal muss. Karin Speidel schaut sich selbst gern jene Shows an, bei denen Starköche in Windeseile und scheinbar mühelos leckere Mahlzeiten zubereiten. Momentan hat sie ja noch Muße dazu. Wenn erstmal Herbst ist, ist wieder Marktzeit für das „Kräuterhexle“ und den Teemarkt-Besitzer. In der Zwischenzeit heißt es: Abwarten, Tee trinken, Päckchen für Internet-Besteller packen. Und zum Schluss verrät Karin Speidel noch einen zweiten Trick gegen kalte Füße: Heizmatten. Erprobt auf dem Stuttgarter Weihnachtsmarkt, bei minus 18 Grad.

Wie man bei Minus 18 Grad warme Füße behält
Klaus Steinle und Karin Speidel auf dem Krämermarkt mit ihrem Tee- und Kräutersortiment: In Mössingen sind sie regelmäßig mit ihrem mobilen Tee- und Gewürzladen unterwegs. Bild: Rippmann

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03.09.2012, 12:00 Uhr

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