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Aus feministischer Sicht

Wie pornografisch sind die Werke des Allen Jones?

In der Kunsthalle, wo derzeit die große Retrospektive Allen Jones‘ zu sehen ist, nahm die Tübinger Verlegerin Claudia Gehrke das Werk des Pop-Art-Künstlers aus feministischer Sicht in den Blick.

03.07.2012
  • Madeleine Wegner

Tübingen. Zum Gespräch mit dem Künstler Allen Jones selbst, dessen Werke zurzeit in der Tübinger Kunsthalle zu sehen sind, kamen etwa 30 Zuhörer. Die Tübinger Verlegerin Claudia Gehrke zog mit ihrem Vortrag „Porno, PorNo und Pop-Art“ am Sonntagnachmittag gut drei Mal so viele Interessierte in die Kunsthalle. Da Gehrke unter anderem wegen der schlechten Raum-Akustik kaum zu verstehen war, ging jedoch ein großer Teil der Besucher bald wieder.

Ähnlich wie der Künstler Jones mit seinen Fetisch-inspirierten Möbelstücken geriet auch die Verlegerin mit ihrer Publikationsreihe „Jahrbuch der Erotik – Mein heimliches Auge“ in den Blick der Bundesprüfstelle, dem Amt gegen jugendgefährdende Schriften. In ihrem Vortrag gab Gehrke Antworten auf die Frage nach den pornografischen Tendenzen im Werk Allen Jones. Dazu verschränkte sie mehrere Aspekte miteinander: Begriffsdefinitionen von Pornografie, die neuere Geschichte der Frauenbewegung und damit ein sich wandelnder und facettenreicher Feminismus sowie verschiedene Werke aus Bildender Kunst und Literatur, die auch eine vielschichtigere Interpretation von Jones’ Werk ermöglichen.

Nahezu zeitgleich mit einer neuen Welle der Frauenbewegung entstanden Ende der 1960er Jahre Jones’ Kunstwerke wie „Chair“: Die auf dem Rücken liegende barbusige Frauenfigur in engen Leder-Stiletto-Stiefeln, langen schwarzen Handschuhen und knappem Höschen streckt ihre langen Beine so in die Luft, dass auf ihren Oberschenkeln eine Sitzfläche entsteht.

Ist das „Porno“? Oder wäre es vielmehr ein Fall für „PorNo“, die von Alice Schwarzer in den 70er- und 80er-Jahren geführte Kampagne gegen Pornografie? „Selbstverständlich sind Jones‘ Möbel keine Pornografie – und waren es auch nie“, konstatierte Gehrke. Und formulierte eine Definition: „Das Obszöne ohne Kunstwert ist Pornografie.“

Als Beispiel zog Gehrke ein weiteres Jones-Möbel-Kunstwerk heran: eine halb nackte Frau in Hündchen-Stellung, auf deren Rücken eine Glasplatte ruht und die so als Tisch dient. Auf dem Flokati unter ihr liegt ein runder Spiegel – je nach Betrachtungswinkel des Besuchers spiegelt er ihr Gesicht oder ihr Geschlecht wider. „Der Spiegel fügt der Figur eine Reflexion hinzu, einen Denkanstoß“, sagte Gehrke.

Mit Blick auf Jones’ drittes Möbelstück, eine Frauen-Figur als Hutständer (auf dem Foto in der Mitte), also in gewisser Weise ein belebter Nutzgegenstand, meinte Gehrke: „Ich hoffe aus feministischer Sicht, man tut ihnen nichts.“

Doch Allen Jones – auch das zeigt die Retrospektive zum 75. Geburtstag des Künstlers – hat nicht nur Werke wie diese Möbel geschaffen. Und er stellt nicht nur Frauen dar: In manchen seiner Bilder, zum Beispiel auf dem – ebenfalls in der Kunsthalle zu sehenden – Bild „Man and Woman“ (1963) scheinen beide Figuren zu verschmelzen. Für Gehrke ein Ausdruck der sinnlich-utopischen Idee der Auflösung und der Doppelgeschlechtlichkeit. Der (Geschlechts-)Akt also auch als das Gefühl, etwas von dem anderen Geschlecht zu haben, welches sich letztlich in der Ekstase auflöse.

Mit Verweis auf die Gedichtzeilen „,Du‘ hat kein Geschlecht / ,Ich‘ hat kein Genus“ riet Gehrke den Besuchern abschließend: „Also schauen Sie sich die Bilder geschlechtslos an.“

Wie pornografisch sind die Werke des Allen Jones?
Die Tübinger Kunsthalle, ausgestattet mit einem Tisch, einem Stuhl und einem Hutständer (vorn) von Allen Jones: Mobiliar, über das sich trefflich streiten lässt.

Wie pornografisch sind die Werke des Allen Jones?
Claudia Gehrke ist überzeugt: „Selbstverständlich sind Jones‘ Möbel keine Pornografie – und waren es auch nie.“

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03.07.2012, 12:00 Uhr

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