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Interview mit Günther Klee vom IAW

Wie realistisch ist die Rente mit 67?

Das Rentenalter wird bis 2030 auf 67 Jahre angehoben – so die gesetzliche Regelung. Doch wie realistisch ist diese politische Vorgabe? Und was müssen Betriebe tun, um ihre Beschäftigten länger in Arbeit zu halten? Das fragten wir Günther Klee vom Institut für Angewandte Wirtschaftsforschung.

28.08.2012
  • Angelika Bachmann

Das Rentenalter wird angehoben. Künftig soll man bis zum 67. Lebensjahr arbeiten. Wie gut sind denn die Betriebe auf die älter werdende Belegschaft vorbereitet?

Das Ganze ist ja ein längerer Prozess. Das Rentenalter wird monate weise bis 2030 angehoben, man geht also in kleinen Schritten vor. Anfangs werden die Betriebe das gar nicht so sehr spüren. Mittelfristig müssen sie sich aber schon darauf einstellen, mehr Menschen über 65 zu beschäftigen.

Wie können sich denn Betriebe darauf einstellen?

Vor allem, indem sie den Nutzen dieser Neuregelung wahrnehmen. Die Betriebe können aufgrund der demografischen Entwicklung immer weniger darauf setzen, dass sie ausreichend geeigneten Nachwuchs bekommen werden. Die Baby-Boomer-Jahre sind vorbei. Insbesondere für die kleinen und mittleren Betriebe wird sich das Angebot immer weiter verringern, aus dem sie die besten Bewerber auswählen können. Aufgrund des verschärften Wettbewerbs wird es mit der Rosinenpickerei deutlich schwieriger.

Sie meinen: Die Betriebe werden froh sein, wenn sie ihre eingearbeiteten Fachkräfte möglichst lange halten können?

Richtig. Aber die Firmen werden auch darauf achten müssen, dass sie ihre Leute möglichst lange arbeits- und leistungsfähig halten. Sie werden also sorgsamer mit der Belegschaft umgehen müssen.

Was verstehen Sie darunter?

Wichtige Ansatzpunkte sind zum einen die betriebliche Weiterbildung und zum anderen die Arbeitsorganisation, die Arbeitsplatzgestaltung und das betriebliche Gesundheitsmanagement. Derzeit wird sehr viel über die zunehmende psychische Belastung von Arbeitnehmern geredet. Dabei wird auch deutlich: Viel kommt auf die Führungskultur an. Sprich: Die Betriebe werden stärker darauf achten müssen, ihre Mitarbeiter human zu behandeln, für ein gutes Betriebsklima zu sorgen, sie zu umwerben und zu motivieren. Dass man das Arbeitsumfeld möglichst menschenfreundlich und gesund gestalten soll, ist nun wahrlich keine neue Idee. Gesetzliche Änderungen sind aber immer wieder ein Anlass und ein Impuls, darüber nachzudenken, wie man dieses Ziel schneller erreicht, und in der betrieblichen Praxis damit tatsächlich Ernst zu machen.

Wird die Anhebung des Rentenalters nicht vielmehr dazu führen, dass noch mehr Leute sich frühverrenten lassen, wenn sie sich die Abzüge leisten können, oder versuchen, sich frühzeitig arbeitsunfähig schreiben zu lassen?

Das ist natürlich für manche eine strategische Option, die auch stark von der individuellen Lebensplanung abhängt. Schon heute gehen viele vorzeitig in Rente. Das durchschnittliche Renteneintrittsalter beträgt 63,5 und nicht 65 Jahre. Für langjährige Versicherte wird ein vorzeitiger Renteneintritt auch künftig möglich sein. Allerdings sind dabei deutliche Abschläge in der Rentenhöhe hinzunehmen. Deshalb erwarte ich, dass sich das tatsächliche Renteneintrittsalter weiter erhöht.

Die Altersteilzeit wird nicht mehr politisch gefördert.

Ja, das wären sonst gegenseitige Anreize, wenn man gleichzeitig die Regelaltersgrenze erhöht. Die Arbeitnehmer müssen natürlich schon abwägen, ob sie es sich finanziell leisten können, früher auszusteigen. Derzeit wird allerdings überlegt, ob man die Hinzuverdienstgrenzen von Personen in Altersteilzeit nicht erhöhen sollte. Das würde es ihnen ermöglichen, mehr als einen Minijob anzunehmen, der sie nicht mehr so stark beansprucht wie ihre vormalige Beschäftigung, dabei aber eine stärkere Aufstockung der Rente zulässt.

Im dem Report „Altersgerechte Arbeitswelt“ des Bundesarbeitsministeriums, an dem das IAW mitgewirkt hat, verweisen Sie auf Schweden: Dort gebe es kein gesetzliches Rentenalter. Welche Vorteile hat das?

In Schweden gibt es die Möglichkeit, ab 61 Jahren in Rente zu gehen. Zudem gibt es die Option – nicht jedoch den gesetzlichen Anspruch – länger als bis zum 67. Lebensjahr zu arbeiten. Ein früherer Rentenbezug führt zu niedrigeren, ein späterer zu entsprechend höheren Renten. Auch in Schweden gilt es für den Arbeitnehmer also abzuwägen. Die Erwerbsbiografien werden ja auch immer unterschiedlicher. Das wird der Trend der Zukunft sein: Die Vielfalt der Übergänge zwischen Erwerbsleben und Ruhestand durch neue Lebenslauf-Konzepte zu erhöhen.

In ihrem Bericht schreiben Sie, Betriebe müssten auf „demografieorientierte Personalplanung“ achten. Was verstehen Sie darunter?

Die Vorbereitung auf eine längere Lebensarbeitszeit beginnt nicht erst mit 55 Jahren. Wenn man das Know-how seiner Mitarbeiter länger nutzen will, sollten Betriebe in ihrer Personalentwicklung stärker auf die jeweilige Lebensphase ihrer Mitarbeiter eingehen, etwa schon bei den jüngeren und mittleren Jahrgängen auf die Vereinbarkeit von Familie und Beruf achten. Oder älteren Mitarbeitern verstärkt Weiterqualifizierungen anbieten oder sie in Mentoren-Positionen bringen.

Das mag ja für Facharbeiter gelten. Aber wie sieht das bei Geringqualifizierten aus? Oder in körperlich sehr anspruchsvollen Berufen? Kann ein Zimmermann mit 66 noch seinem Beruf nachgehen? Oder eine Krankenpflegerin regelmäßig im Schichtdienst arbeiten? In vielen Branchen gibt es jetzt schon kaum Beschäftigte über 60 Jahre.

Es stimmt, man kann ja nicht alle Beschäftigte zu Führungspersonen weiterqualifizieren oder als Mentoren einsetzen. Es gibt auch den Ansatz, Arbeitsstellen mit verminderten Leistungsanforderungen, so genannte Schonarbeitsplätze für Ältere einzurichten. Das kann aber nicht der Königsweg sein, zumal die Älteren im Durchschnitt auch nicht weniger produktiv und leistungsfähig als Jüngere sind. Wichtig und richtig ist es vielmehr, bei der Arbeitsorganisation und Arbeitsplatzgestaltung anzusetzen. Dass Schichtdienst oder Nachtdienst nicht gesundheitsförderlich ist, weiß man ja schließlich auch schon seit Längerem. Es gilt, die Arbeits- und Einsatzbedingungen für die älteren Mitarbeiter deren Fähigkeiten anzupassen sowie individueller und flexibler zu gestalten.

Zudem: Die Arbeitsplätze für Geringqualifizierte sind schon in den vergangenen Jahren deutlich weniger geworden. Das ist aber ein Problem, das unabhängig von der Frage des Rentenzugangsalters angegangen werden muss.

Wie realistisch ist die Rente mit 67?
Der Politologe und Soziologe Günther Klee erforscht, wie sich mit dem höheren Renteneintrittsalter der Arbeitsalltag in den Betrieben verändern könnte.

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28.08.2012, 12:00 Uhr

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