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Zwischen Wirklichkeit und Anspruch

Wie sich Mössingen als Blumenstadt vermarktet

Mit dem Image der Blumenstadt versucht Mössingen die fehlende städtische Tradition auszugleichen und lokale Identität zu schaffen, sagt die Kulturwissenschaftlerin Eva-Maria Rost. Aber die Identitätsbildung muss auch in der Bevölkerung verankert werden.

07.10.2010

Mössingen. „Mössingen ist die Stadt der duftenden Blumen.“ So urteilte eine Jury im Jahr 2001. Die Mössinger Stadtverwaltung hatte am Bundeswettbewerb „Unsere Stadt blüht auf“ teilgenommen und vorgezeigt, was auf Kreisverkehren, Blumenwiesen und Straßenrändern farbenprächtig gedeiht. Und tatsächlich, die Jury ließ sich beeindrucken und Mössingen gewann eine Goldmedaille.

Was für ein enormer Imagegewinn! Das dachte damals Oberbürgermeister Werner Fifka. Die Stadtverwaltung zögerte nicht lange und entschied: Mössingen soll unter dem Titel „Blumenstadt“ vermarktet werden, um sich im kommunalen Wettbewerb zu behaupten. Das ist ungewöhnlich. „Denn normalerweise werben kleinere Gemeinden mit ihrer jeweiligen Tradition“, betont Eva-Maria Rost. „Mössingen erweist sich als besonders interessant, da ein Image produziert wurde, das nicht historisch mit dem Ort verwurzelt ist.“ Also ein konstruiertes Image. Und inwiefern kann es zur Identität von Mössingen beitragen? Mit dieser Frage beschäftigte sich die Mössingerin Eva-Maria Rost in ihrer Magisterarbeit am Tübinger Ludwig-Uhland-Institut für Empirische Kulturwissenschaft.

Nachdem sich auch der Gemeinderat für das Image ausgesprochen hatte, blühten die Blumen nicht nur auf Kreisverkehren und Straßenrändern, sondern sie wuchsen im städtischen Logo und auf den Mössinger Internet-Seiten, Blumenstadt-Produkte wurden entwickelt und verkauft – Kalender und Samentütchen. Mössingen sollte attraktiv werden für Investoren und Touristen, Familien anziehen und Bürgeridentität herstellen. Der Rosenmarkt wurde als Volksfest inszeniert, weil „Feste identitätsstiftende Wirkung“ haben. Dies scheint offenbar zu funktionieren. Denn Jahr für Jahr strömen mehr Besucher in die Stadt.

Mössingen als alte KPD-Hochburg

Bereits seit 1992 sät Stadtgärtner Dieter Felger Sommerblumen auf öffentlichen Grünflächen aus. Das Image „ist von uns nicht übergestülpt worden, sondern gewachsen“, zitiert Rost den städtischen Pressesprecher Uwe Walz und interpretiert zugleich: „Dadurch möchte er dem Thema Kontinuität und Berechtigung verleihen.“ Doch was hat das neue Image den lokalen Akteuren aus Wirtschaft und Kultur gebracht? Dazu führte Rost verschiedene Interviews. Viele der Befragten wollten anonym bleiben, weshalb ihre Namen auch hier nicht genannt werden.

Eine Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit der Blumenstadt hat beispielsweise ein Mössinger festgestellt, der im Kulturbereich arbeitet. Es sei ihm peinlich, wenn er Besucher durch die Stadt führe. Denn die Gäste würden „riesige Parks und Jahrhunderte alte Rosen“ erwarten, berichtet er. „So als Schlagwort hat es schon eine Außenwirkung. Aber es ist gefährlich, wenn die Leute wirklich kommen und was sehen wollen.“ Für ihn besitzt die Stadt ein anderes Alleinstellungsmerkmal: „Die Stadt des Generalstreiks.“ Danach werde er immer wieder gefragt. Aber Mössingen wolle sich eben nicht „als alte KPD-Hochburg verkaufen“.

Für den Naturfotografen Armin Dieter ist der Bergrutsch das Ausflugsziel Nummer Eins in Mössingen. Um ihn zu sehen, kämen die Touristen in die Steinlachstadt. Dieter glaubt, dass die Blumenstadt nur bedingt zur lokalen Identität beigetragen hat. „Ein paar Blumen sind da zu wenig.“ Er versteht jedoch, dass „Bergrutschstadt“ kein Imagefaktor sein könne, weil das zu negativ klingt.

Das Ziel sei noch längst nicht erreicht, betont ein Mitglied des Handels- und Gewerbevereins. Ein bestimmtes Image zu erwerben, sei ein jahrelanger Prozess. Und ein Händler glaubt, dass städtische Maßnahmen zur lokalen Identitätsbildung der falsche Weg sei. Identität entstehe vor allem durch Engagement – und das gebe es seiner Meinung nach bislang zu wenig. Eine Geschäftsfrau aus der Gastronomie denkt, „dass das Thema noch in den Kinderschuhen steckt, aber viel Potenzial hat“. Als problematisch sieht sie allerdings die saisonale Ausrichtung. Was soll Besucher im Winter in die Stadt locken?

„Obwohl sich fast alle Interviewpartner einig waren, dass Blumenstadt ein schönes Image ist, wurde oft die Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit des Konzeptes bemängelt“, bilanziert die Kulturwissenschaftlerin. Ihre Studie zeigt, dass die meisten Befragten das Thema nicht hinreichend in der Stadt umgesetzt sehen. „Die Blumenstadt bietet für die lokalen Akteure aus Wirtschaft und Kultur noch zu wenig Partizipationsmöglichkeiten“, urteilt Rost. „Auch im Wirtschaftsbereich konnten kaum Schnittmengen ausgemacht werden.“

Lediglich ein Unternehmer nutzt die Blumenstadt erfolgreich. Er ist sich sicher, dass es Leute gibt, die sonst nicht hierher gekommen wären. Seiner Erfahrung nach ist „die Blumenstadt bekannter als man denkt“. Die Stadt könnte sich jedenfalls selbstbewusst präsentieren, „weil die Idee klasse ist und die Umsetzung richtig gut“. Darüber hinaus, meint er, gebe es nicht viele Gründe nach Mössingen zu kommen.

Mehrere Facetten, nicht nur Blumen

Letztlich ist es dem Engagement und dem persönlichen Interesse des Stadtgärtners zu verdanken, dass das Thema in den Anfangsjahren weiterentwickelt wurde. Doch trotz städtischer Bemühungen konnte das Image bislang nur bedingt zur lokalen Identität beitragen, betont Rost. „Es muss in der Bevölkerung verankert werden.“ So könnte die Stadt durch „weitere blumenstadttypischen Events die lokalen Akteure animieren, sich mehr mit dem Thema auseinanderzusetzen“. Dennoch warnt die Kulturwissenschaftlerin, die Stadt allein darauf zu reduzieren. „Die lokale Identität besteht nicht nur aus Blumen, sondern hat mehrere Facetten“ – wie etwa die Pausa. Deshalb sei es richtig, auch deren Bedeutung publik zu machen.

Immerhin, Mössingen sei mit seien Blumenwiesen wegweisend für andere Gemeinden. Und für den ökologischen Aspekt interessierten sich viele Imker. Damit liege Mössingen im Trend. Rost sagt: „Das Prinzip der ökologischen Nachhaltigkeit wird als Leitbild des 21. Jahrhunderts angesehen.“

Wie sich Mössingen als Blumenstadt vermarktet

Wie sich Mössingen als Blumenstadt vermarktet
Es blüht und blüht und blüht in Mössingen und ringsum: Blumenfeld mit weißen und lilafarbenen Nachtviolen bei Bad Sebastiansweiler. Archivbild: Rippmann

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07.10.2010, 12:00 Uhr

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