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Zum Glück kam die Wahl

Wie sich der Widerstand gegen den Schönbuchflughafen formierte

DETTENHAUSEN (rem). 1972 war's, als die CDU/SPD-Landesregierung kurz vor den Landtagswahlen klein beigab und die Planung eines Großflughafens im Schönbuch kippte. Zwei Zeitzeugen — Altbürgermeister Helmuth Bächle und seiner Nach-Nachfolger Hans-Joachim Raich, damals noch Gemeindeinspektor — erinnern sich daran, warum sie damals aufs „blühende Geschäft“ verzichteten. „Unser Leben ist uns mehr Wert“, sagte sich Helmuth Bächle und rief zum Widerstand auf.

05.06.2002
  • Ralf Emrich

„Die Regierung wollte die Industrie fördern und außerdem hatte sich auf den Fildern eine Interessengemeinschaft gegen den Fluglärm gegründet“, nennt Helmuth Bächle einige der Gründe für die Planung, die bereits 1969 durch die Indiskretion eines Gutachters bekannt wurde. Zwei von ursprünglich sieben Standorten waren letztendlich übrig geblieben bei der Suche zwischen Ulm und Karlsruhe: Einer bei Mönsheim im Bereich Leonberg/Pforzheim, wo sich schon früher Widerstand regte und heute ein Golfplatz liegt — und eben der Schönbuch.

Auf Unglauben und eher beschwichtigende Reaktionen stieß Bächle, als er bei den Nachbarbürgermeistern und im Landratsamt die Runde machte, doch dann reagierte der Tübinger Landrat Oskar Klumpp als einer der ersten und gründete („Wehret den Anfängen!“) im April 1969 zusammen mit dem Dettenhäuser Schultes die Aktionsgemeinschaft zur Erhaltung des Schönbuchs.

Je mehr Einzelheiten über die Ausmaße der Planung bekannt wurden, desto mehr Zulauf erhielt die Aktionsgemeinschaft, vor allem auch in Walddorf und Häslach, den neben Dettenhausen am meisten betroffenen Gemeinden. Doch bald hatte es sich auch in Tübingen herumgesprochen: Bebenhausen und die Tübinger Universitätskliniken hätten unter den in zwei- bis dreiminütigem Abstand startenden und landenden Jets ebenso zu leiden gehabt.

Für den Standort im Schönbuch sprach aus Sicht der Planer, dass innerhalb der lärmbelasteten Zone von 26 Kilometer Länge und knapp 5 Kilometern Breite nur 11 800 Menschen lebten. Vorgesehen waren zwei Startbahnen in Ost-West-Richtung mit vier und 2,6 Kilometer Länge in einem Abstand von 1800 Metern. Die nördliche Startbahn, deren Mitte etwa an der heutigen Eckbergkreuzung liegen sollte, wäre nur 600 Meter vom neuen Dettenhäuser Wohngebiet „Sauwasen“ verlaufen.

Eine vierspurige Straße hätte das Flughafengelände unterquert und mit der alten B 27 verbunden. Dass ein S-Bahn von Tübingen nach Reutlingen mit Flughafen-Anschluss bereits projektiert war, verstärkte den Verdacht, dass „ein massives Interesse der Reutlinger Großindustrie“ hinter dem Vorhaben steckte, wie der damalige Vorsitzende des „Schutzbunds für Staatsbürgerrechte“ in Reutlingen behauptete. Das wichtigste Pro-Argument war jedoch, dass sich die gesamte Fläche in Staatsbesitz befand, also das Land „nichts“ kostete.

Obwohl der Dettenhäuser Gemeinderat bereits im April 1969 den Schönbuchflughafen ablehnte, beauftragte die Filbinger-Regierung im November das zuständige Innenministerium mit weiteren Untersuchungen. Der Landkreis Tübingen reagierte 1971 mit einem Gegengutachten. „Nach dieser Sitzung wussten wir: Es war keine Schau.“

Danach ging alles ziemlich schnell. Alle Landtags- und Bundestagsabgeordneten der Kreise Tübingen und Böblingen standen hinter den Flughafen-Gegnern. Der Albverein mit seinen 100 000 Mitgliedern sicherte Unterstützung zu, das TAGBLATT stellte zwei Sonderseiten für den Wettbewerb des Tübinger Rechtsanwalts Reinhard Wüst: „Kampfruf gegen den Schönbuchflughafen“ zur Verfügung, und zum Schluss wurde auch Regierungschef Filbinger immer wieder ins Hirn gehämmert: „Wer dem zustimmt, den kann man nicht wählen.“

Filbinger reagierte, indem er am 7. März, wenige Wochen vor der Wahl, in Reutlingen versicherte: die „Umgestaltung“ des Schönbuchs zum Großflughafen sei ausgeschlossen. Man benötige „Stuttgart II“ nicht, die Schiene werde „immer interessanter“. „Die Landtagswahl verhalf uns zu unserem Glück“, sagt Bächle 30 Jahre danach. Am 23. April 1972 fuhr die CDU mit 52,9 Prozent einen großen Sieg ein und konnte fortan allein regieren.

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05.06.2002, 12:00 Uhr

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