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Genau hinschauen

Wie sich sexuellen Übergriffen in Sportvereinen vorbeugen lässt war Thema im Sportpark

Es gibt zahlreiche Strategien, mit denen potentielle sexuelle Übergriffe in Sportvereinen verhindert werden können. Das „Lokale Bildungsnetz Rottenburg“ (Lobin) informierte neulich darüber im Sportpark 18-61.

07.11.2015
  • WERNER BAUKNECHT

Rottenburg. Die Folgen eines Missbrauchs an einem damals Zwölfjährigen thematisierte eingangs ein Film, den Sabrina Kuhnhäuser von der Württembergischen Sportjugend Stuttgart mitgebracht hatte. Im Film schildert der inzwischen über Zwanzigjährige, wie er als Junge missbraucht wurde und schließlich mit einer jahrelangen Therapie versuchte, mit dem Erlebten fertig zu werden.

„Der Sportverein kann ein „riskanter Ort“ oder ein „sicherer Ort“ sein“, sagte Dirk Jakobi vom Tübinger Verein „Pfunzkerle“. Das hänge auch vom Engagement der Vereine selbst ab. Die „Pfunzkerle“ sind eine Beratungsstelle für sexualisierte Gewalt nicht nur unter Jugendlichen und Kindern. Eingeladen zu der Veranstaltung im Sportpark Rottenburg hatte Stefan Schmeckenbecher vom neu gegründeten Bildungsnetzwerk Lobin.

Es müsse genau unterschieden werden zwischen sexuellen Übergriffen und Grenzverletzungen, sagte Sabrina Kuhnhäuser. Zu den Grenzverletzungen zählten dabei etwa Berührungen von Kindern an „Stellen, die heikel sind.“ Uneinigkeit herrsche darüber, was eine Grenzverletzung sei und was nicht. Probehalber spielte sie mit den Anwesenden vom TV Rottenburg und dem Tus Ergenzingen, vor allem Trainer und Jugendleiter aus verschiedenen Sportarten wie Fußball, Handball, Skilaufen oder Zumba, ein paar Situationen durch. Beim Thema „Können Trainer nach dem Training mit den Kindern gemeinsam duschen“ gingen die Meinungen bereits weit auseinander. Ebenso darüber, ob ein Mädchen mit ihrem Trainer „intensiven“ Email-Kontakt haben kann. Einig waren sich alle darüber, dass ein Trainer mit einer 15-Jährigen nicht ins Kino gehen kann, und eine Trainerin in der Jungs-Dusche nichts zu suchen hat.

Opfer sexualisierter Gewalt sind meist Jungs

Die ungleiche Bewertung verschiedener Handlungen zeige aber auch, so Kuhnhäuser, dass eine pauschale Bewertung, was genau eine Grenzüberschreitung sei, manchmal nicht möglich ist. Wenn Jungs vor der Mädchenkabine auftauchen und „geschlechtsverkehrsartige“ Hüftbewegungen aufführen – ist das bereits sexualisierte Gewalt, eine Grenzüberschreitung oder bloß ein Dummejungenstreich, der altersgruppentypisch ist?

Dirk Jakobi lieferte Zahlen zum Thema: Bis zu 14 Prozent der Jungs in Vereinen sind ihm zufolge schon einmal Opfer sexueller Gewalt geworden. Opfer seien zu 80 Prozent Jungs, wobei sexuelle Übergriffe auch häufig unter den Kindern und Jugendlichen selbst vorkämen. Der Umgang für die Betroffenen nach einem Übergriff ist schwierig. Das Erlebte gehe oft einher mit gefühltem Vertrauensverlust, Trauer, Schweigephasen, Hass oder Hilflosigkeit, sagte Jacobi.

Als Berater war er bereits für beide Seiten im Einsatz – für Opfer und Täter. Zum einen schilderte er die Möglichkeiten einer Intervention. Das bedeutet konkret, dem Opfer Vertrauen zu schenken, sich um das Kind zu kümmern, aber auch herauszufinden, ob dessen Aussagen der Wahrheit entsprechen. Es gelte zuzuhören, dem Kind Verständnis entgegen zu bringen. Danach könne Hilfe von außen geholt werden (Eltern, Verein, Polizei).

Für die Prävention seien außerdem Informationsveranstaltungen im Verein wichtig, weil so die Mitglieder für das Thema sensibilisiert würden. „Die wichtigste Funktion dabei hat der Vorstand“, sagte Jakobi, „denn der oder die muss das Thema unterstützen und tragen. Seine oder ihre Positionierung zu diesem Thema entscheidet.“

Der TVR, berichtete Stefan Schmeckenbecher, setze sich schon lange mit dem Thema Missbrauch auseinander. So müssten ehrenamtliche Mitarbeiter in Risikobereichen ein erweitertes polizeiliches Führungszeugnis abliefern. Außerdem unterzeichneten diese, aber auch andere Mitarbeiter des Vereins, einen sogenannten Ehrenkodex. Dies sei eine Art Selbstverpflichtung, das Kindeswohl zu achten. Zudem mache der Verein regelmäßig bei Veranstaltungen auf das Thema aufmerksam. Und schließlich gebe es innerhalb des Turnvereins die Funktion des Kinderschutzbeauftragten. Die bekleidet Stefan Schmeckenbecher, der ausgebildeter Pädagoge ist.

Die Veranstaltung, so war aus den Reihen der Vereinsvertreter zu hören, habe sie für das Problem Kinderschutz im Verein sensibilisiert.

Die „Pfunzkerle“ in Tübingen sind eine Beratungsstelle für Opfer sexualisierter Gewalt. Die Beratung kann von Männern und Frauen gleichermaßen in Anspruch genommen werden. Die „Pfunzkerle“ beraten und unterstützen bei sexualisierten Gewalterlebnissen in der Kindheit, aber auch unter Erwachsenen, beraten, wenn es darum geht, eine Anzeige bei der Polizei zu erstatten und unterstützen, wenn es zur Gerichtsverhandlung kommt. Weitere Infos gibt es im Internet unter www.pfunzkerle.org.

Lobin steht für „Auf- und Ausbau von lokalen Bildungsnetzen“, wobei Rottenburg nur einer von neun Lobin-Standorten in Baden-Württemberg ist. Ziel ist die Jugendbildung, die unter der Mitarbeit der Jugendlichen an Projekten gefördert werden soll. Ansprechpartner in Rottenburg ist Stefan Schmeckenbecher. Geboten werden bei Lobin-Rottenburg derzeit unter anderem eine Filmreihe, eine Jugend-Werkstatt und zahlreiche Veranstaltungen. Weitere Infos unter www.robinoro.net.

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07.11.2015, 12:00 Uhr

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