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Die Offene Stadtmission verlangt Gleichstellung auch für Christen

Wie viel schwul darf es sein?

Nach Anlaufschwierigkeiten bringt der neue Studierendenrat (Stura) doch Belebung an die Uni: Der Arbeitskreis Gleichstellung, einer von 20, hat eine anspruchsvolle Filmreihe („Gleich Film“) zum Gender-Thema organisiert. Nach Filmen etwa über einen Mann, der seine Mutter pflegt, oder ein arabisches Mädchen, das seinen Traum vom Radfahren verwirklicht, ist für den 17. Dezember die Vorführung einer NDR-Dokumentation über „Schwulenheiler“ vorgesehen. Gemeint sind zumeist fundamental christliche Ärzte und Geistliche, die Homosexualität nicht für eine sexuelle Identität, sondern für eine heilbare Krankheit halten.

26.11.2014
  • Ulrike Pfeil

Eine Szene in dem Film, dessen schwuler Reporter-Protagonist vorgab, er wolle sich heilen lassen, spielt in einer „Heilungskonferenz“ der TOS-Gemeinde (früher: Tübinger offensive Stadtmission). Diese evangelikale Freikirche (unter anderem bekannt durch den Jesus-Laden am Tübinger Marktplatz) unterhält an der Uni Tübingen auch eine Studierendengruppe. Eine Vertreterin dieser Gruppe trat im letzten Stura-Plenum auf und kritisierte die Vorführung und das Flugblatt, auf dem dafür geworben wird. Begründung: Film und Flyer erweckten den Eindruck, die TOS betrachte Schwulsein als „heilbare Krankheit“.

Ach, dem ist dann gar nicht so? Nein, beteuert die TOS, und das habe man auch schon nach der Fernseh-Ausstrahlung des Films im Mai gegenüber dem Sender „richtiggestellt“. Zwar wird nicht bestritten, dass die gefilmte „Heilungskonferenz“ stattgefunden hat, doch sei es dabei „in keinster Weise um Homosexualität gegangen“, sagt TOS-Sprecher Thomas Waldert gegenüber dem TAGBLATT.

Was nun Gleichstellung angeht, wird für die TOS umgekehrt ein Schuh draus: Indem der Film der TOS diese Auffassung von Homosexualität unterstellt, diskriminiere er eigentlich Christen ganz allgemein und passe deshalb nicht in eine Anti-Diskriminierungsreihe. Wie nun? TOS fordert Gleichstellung mit Schwulen?

Das ist nicht so abwegig, denn die TOS-Studierendenvertreterin wies in der Stura-Sitzung den Verdacht der Schwulenfeindlichkeit weit von sich. Sie habe doch selbst schwule Freunde, lautete einer ihrer Beweise, wie sich Stura-Mitglied Sebastian Boecker von der Liberalen Hochschulgruppe erinnert. Dass sie den Studierendenvertretern „gedroht“ habe, die TOS werde gegen die Film-Aufführung juristisch vorgehen (wie zunächst das Internet-Medium „Neckarstudent“ verbreitete), wird inzwischen nicht mehr aufrechterhalten. „Es bestehen keine Pläne, weitere Schritte zu gehen“, versichert TOS-Sprecher Heinz Reuss. Alles nur ein Missverständnis.

Hingegen wird den Studierendenrat vermutlich noch beschäftigen, wie die TOS-Studentin überhaupt auf die Idee kam, gegen den Film Einwände zu erheben. Der Anlass war nämlich, wie Reuss erklärt, dass „jemand aus dem Studierendenrat“ selbst auf die TOS zukam und „als Christ“ über die Bewerbung des Films „Die Schwulenheiler“ in der Gender-Reihe klagte.

Wie es die TOS offiziell mit Homosexualität hält, hat sie in ihrer Stellungnahme zu dem Film niedergelegt: Schon aufgrund der verhängnisvollen Unterdrückung der Homosexuellen im Dritten Reich wende sie sich gegen die Diskriminierung aufgrund von Geschlecht ebenso wie geschlechtlicher Orientierung. „Wir begegnen Vertretern einer anderen geschlechtlichen Orientierung mit Respekt und Würde“, heißt es da.

Aber Gleichstellung? Lieber nicht: „Wir sehen allerdings praktizierte Homosexualität – wie andere Formen der außerehelichen Sexualität – grundsätzlich als unvereinbar mit der für den christlichen Glauben maßgebenden biblischen Ethik an.“ Eine inner-eheliche Sexualität bleibt Schwulen jedoch von vornherein verwehrt. Denn: „Wir wenden uns (...) gegen Versuche, gleichgeschlechtliche Lebenspartnerschaften der im Grundgesetz herausgehobenen klassischen Ehe gleichzustellen (...).“

Schwule gelten in der TOS vielleicht nicht als krank. Aber auch nicht als gleich.

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26.11.2014, 12:00 Uhr

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