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Offene Beziehungen im Bauwagen am Landestheater

Wie wollen wir leben?

Tübingen. Ein Bauwagen. Er könnte in der Wagenburg stehen. Zumindest ist es die von Bühnenbildnerin Heike Mirbach verortete Metapher für das Ausprobieren alternativer Lebensformen.

10.12.2012

Die Hochzeit für solche Experimente war in den siebziger Jahren. Damals, 1975 spielt Lukas Moodyssons im Jahr 2000 gedrehter Film „Zusammen!“

Die Zeitangabe für das nun am LTT von Hausdramaturgin Maria Viktoria Linke inszenierte Stück ist weniger exakt. Irgendwie scheinen wir noch in den Siebzigern zu sein. Andererseits erleben wir Fälle von Mülltrennung, fällt beim Spiel der Kinder auch mal der Name Ahmadinedschad, hören wir die Ansprache eines Bauwagen-Bewohners, die dem Wortlaut nach einer jüngst im New Yorker Zucotti-Park gehaltenen Rede eines Occupy-Mitglieds gleicht. Sagen wir so: Dieses Theaterstück spielt im linksalternativen Milieu, wo seit dem gesellschaftlichen Aufbruch der 60er Jahre mal mehr und mal weniger (seit der Banken- und Eurokrise wieder mehr) nach anderen, besseren Lebens- und Gesellschaftsformen gesucht wird.

Trotzdem herrscht auch in der LTT-Inszenierung der Retro-Charakter vor. Oder in wie vielen WGs heutzutage saust jemand unten ohne, also ohne Höschen rum, mit dem Hinweis, sie hätte da einen Pilz, da müsse Luft ran? Im Film steht die Schauspielerin tatsächlich entblößt da. In der Inszenierung trägt sie an besagter Stelle einen buschigen Kunstflaum, der Nacktheit und Geschlecht theatralisiert zur Schau stellt und in seiner Wildwuchs-Variante gleichzeitig als 70er-Jahre Insignum fungiert.

Ganz anders als etliche Szenen später, wenn die Kommunenbewohner eine kollektive Waschung in der Außenbadewanne vornehmen: Nun tatsächlich bloß, nackt und unschuldig wie Lämmer. Zum deutschen Regietheater existiert ja hartnäckig das Gerücht, dass sich dort dauernd unnötig nackig gemacht wird. Hier zumindest macht es Sinn. Und hier lässt sich auch am unterschiedlichen Umgang mit der Nacktheit die Genauigkeit und der Witz der Inszenierung ablesen. Er gelingt nicht immer. Aber oft genug.

Darf man Fleisch essen? Zieht mit dem Fernseher der Teufel in die Kommune? Sollten Kinder Kriegsspielzeug haben? Wer wäscht ab? Was heißt es, eine offene Beziehung zu haben – wenn er nur die eine will, während diese eine von ihm auch noch Mitfreude beziehungsweise Trost für ihr Sexglück oder ihren Amourenjammer mit einem anderen verlangt? Es gibt neben den bürgerlichen auch jede Menge alternativer Bigotterien, Ideologie-Fallen und politisch korrekte Fragwürdigkeiten, die mit viel Schauwert und Komik bespielt werden können. Mit leisem und auch mal lautem Spott. Und dennoch auf einem Grundtenor aus Mitgefühl. So macht es der Film. So macht es das Stück. Nur etwas klamaukiger, alberner.

Der Klamauk sitzt meist an einer ganz bestimmten Schnittstelle: Denn während der Filmrealismus einfach so tut als ob, zeigt das Theater auch, dass es so tut als ob. Und manchmal eben mit einer komischen Pirouette. Das kann für Menschen, die jetzt quasi noch mal den Film, nur diesmal halt auf der Bühne sehen wollen, zu Enttäuschungen führen. Oder zu unerwartetem Mehrgewinn. Wenn sie zum Beispiel die fliegenden Wechsel der Doppelbesetzungen bestaunen. Oder den Witz, Kinder von Erwachsenen spielen zu lassen.

Die einzelnen Änderungen im Vergleich zum Film sind zahlreich. Aus dem Normaloschwulen im Film wird ein tuntiger Schwuler, dick aufgetragen, aber zum Ausgleich bis in die letzte Faser feinfühlig gespielt von Raul Semmler. Aus der großartig gleichnishaften Reflexion über den Haferbrei eine nicht ganz hinreichende über die Zwiebel. Einen Liebesakt darzustellen, indem er ihren Zehen in den Mund nimmt und beide in dieser bizarren Kopulation bettüber, treppauf und bühnenrundherumum vagabundieren – wird zwar von jedem Zuschauer sofort verstanden und erntet viel Gelächter. Ist aber schon megaalbern.

Um bei dieser Szene zu bleiben: Während im Film die Kameraführung den Blick des Zuschauer auf einen in diesem Moment verzweifelten Menschen lenkt, ist auf der Bühne ja immer so viel gleichzeitig los, dass der Zuschauer ohne Vorwissen dessen Reaktion hier halb verpassen kann. Was um so blöder wäre als Steffen Riekers die Zerrissenheit seines Görans sehr sehenswert spielt.

Oder, eine andere Szene: Dass Bauwagen-Neuankömmling Elisabeth (Lotte Ohm gibt ihrer Figur zunehmende WG-Kompatibilität) aus einer völlig anderen Welt kommt, wird aufgrund des im Stück fehlenden Ehedrama-Vorspiels für einen Zuschauer ohne Film-Vorwissen längst nicht in dieser Wucht klar.

Neu hinzu kam im Stück eine „meditative Verschafung“ (man soll ja nicht alles verraten), auch unglaublich albern, aber als satirischer Binnenwitz darf das rausfallen.Unter Anleitung der kundigen Hirtin Anna (besonnter und beseelter nie: Jessica Higgins) wird es gar zu einem weiß gewandeten Glanzstück des Abends. Die Musik wird wie das Licht von oben auf das Stück geschüttet, live, von Los Banditos. Eine wahre Freude sind auch die sichtlich nach genauen Verhaltensstudien angelegten Kinder von Benjamin Janssen als Stefan, Maik Rogge als Tet (eine schöne Visitenkarte der beiden Stuttgarter Schauspielstudenten), sowie von Raul Semmler als Frederik und Valerie Oberhof als Signe. Letztere spielt auch noch die Alternativfundamentalistin Eva, Freundin von Sigvard, ihrem ernsten Guru, eine klasse Rolle für Karlheinz Schmitt. Der wiederum noch Elisabeths verlassenen Ehemann Rolf spielt.

Man sieht: Da ist schwer was los und es brauchte sicher eine logistische Hirnung, um das zu koordinieren. Es kann ja immer nur einer von so einem Pärchen auf der Bühne sein: Entweder Bauwagen-Lena (Nadia Migdal) oder Nachbarsfrau Margit (Nadia Migdal). Entweder Margits Mann Ragnar (David Liske) oder Bauwagen-Lasse (David Liske).

Dass der politradikale Eric von Gotthard Sinn gespielt wird, der als einziger am LTT tatsächlich eine politisch bewegte, bis in die siebziger Jahre hineinreichende Vergangenheit hat, ist ein interner Volltreffer. Und kommt auch nach außen gut.

Zu Beginn der Spielzeit lud man hier alle zum Essen ein. Nun lädt man alle in die Bauwagen-WG. Ein schöner Bogen, der noch weiter geht: Nach der Premiere bedienen Hippies am LTT-Tresen, dann klettert die Intendantin auf den Tisch, spricht und gibt Sekt für alle aus. Da könnte es ja eigentlich Weihnachten werden. Wenn wir nur wüßten: Darf man sich jetzt was schenken oder ist das scheißbürgerlich?Peter Ertle

Info: Die nächsten Aufführungen finden am 13., 21., 30., 31. Dezember und am 17. und 25. Januar im und um den Bauwagen auf der großen Bühne statt, jeweils um 20 Uhr.

Wie wollen wir leben?
Von links: Stefan (Benjamin Janssen), Elisabeth (Lotte Ohm), Lasse (David Liske), Eric (Gotthard Sinn) und Tet (Maik Rogge) raufen sich zusammen.Bild: LTT

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10.12.2012, 12:00 Uhr

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