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Wie wollen wir leben?
Die Familie ist unsere Festung, unser Schutz.
Und wie wollen wir wirtschaften? Der LTT-Spielplan 2012/2013

Wie wollen wir leben?

Der neue Spielplan des LTT kreist auffallend um: Modelle des Zusammenlebens, politische Ideale und die globale Wirtschaftswelt. Und zwar in einer Mixtur aus jungen, zeitgenössischen Stücken und Klassikern.

12.06.2012
  • Peter Ertle

Tübingen. Vor den Stücken kommen die Plakate. Zwischen den Plakaten und den Stücken kommt das Programmheft: Alles oranje, wie die Holländer. Nein: Orange. Die Farbe der Lebensenergie, nach physischer und seelischer Erschöpfung Kraft spendend. Heißt es. Kein schlechtes Omen für die Kunst. Und weil das Kinder- und Jugendtheater die Erwachsenenwelt gern auf den Kopf stellt, braucht man das Heft nur auf den Kopf zu stellen, von der anderen Seite hinein zu blättern: Voilà, das Programm des Kinder- und Jugendtheaters – das wir morgen vorstellen. Und damit zum Abendspielplan:

Naturkatastrophenutopie Utopiekatastrophennatur

Was treibt das LTT nächste Spielzeit (also gedanklich schon jetzt) um? Da ist zum einen, mit Büchner zu sprechen „der grässliche Fatalismus der Geschichte“, da sind zum anderen politische Ideen, Utopien, und das Zusammen- oder Gegenspiel beider, auch die Frage, wie sich Utopien in ihr Gegenteil verkehren. Büchners Dantons Tod (28. September, Regie: Ralf Siebelt) wäre hier zu nennen. Oder Lutz Hübners Die Firma dankt (12. Oktober, Regie: Paul-Georg Dittrich), das in die heutige Arbeitswelt eintaucht: Es geht um einen älteren leitenden Angestellten, der durch Umstrukturierungsmaßnahmen ausgebootet wird. Oder Kleists Das Erdbeben in Chili (28. Juni 2013, Regie: Martin Kreidt – er inszenierte bereits „Liebe und Geld“ sowie „Letztes Territorium), wo nach einer Naturkatastrophe paradoxerweise ein fast paradiesischer Zustand herrscht, die Utopie aber in einer tatsächlichen Katastrophe endet.

Den nächsten thematischen Block könnte man mit der Frage „Wie wollen, können wir (zusammen) leben?“ überschreiben. Zum Beispiel in Gerhart Hauptmanns Einsame Menschen (1. Dezember 2012, Regie: Jens Poth), früher nicht oft gespielt, momentan aber en vogue, ihm selbst sein „liebstes Drama“: Ein junger Privatgelehrter im frühen Familienglück lernt eine junge Studentin kennen, von der er sich intellektuell verstanden fühlt. . . Ausgang tödlich.

Global Players, lausige Stricher

Weiter: Thomas Melles Das Herz ist ein lausiger Stricher (6. Oktober, Regie: Marion Schneider-Bast – sie inszenierte bereits „Astronauten“ und „Konfetti“), ein freches, schnelles, soap-ähnlich gestricktes Stück, das in der Begegnung verschiedener Menschen auch deren Lebensmodelle, Träume, Hoffnungen in Bewegung bringt. Oder Maxim Gorkis Die Letzten (15. Februar 2013, Regie: Ralf Siebelt), Einblick in ein patriarchales Zwangssystem eines saufenden Tyrannen, ein Stück, in dem sich alles ums Geld dreht – und ein richtig harter Stoff, der vermutlich erst mal in seelische und physische Erschöpfung führt. Schließlich gehört in diesen Block auch noch die Theateradaption von Lukas Moodyssons Film Zusammen (7. Dezember, Regie: Maria Viktoria Linke), die in gewisser Weise jenen Faden aufnimmt, den das LTT mit „68“ aufnahm. Eine Frau verlässt Mitte der siebziger Jahre ihren gewalttätigen Mann und ihr bürgerliches Leben und zieht in eine Kommune. . .

Wenn wir bei Anknüpfungen sind: Einen veritablen Nachfolger für die erfolgreiche Benefiz-Inszenierung könnte Philipp Löhles Das Ding (8. Februar 2013, Regie: Inga Lizengevic – sie inszenierte bereits „Tschernobyl“ und „Lebensansichten zweier Hunde“) sein, das den Weg einer Baumwollflocke vom Feld bis ins T-Shirt verfolgt, ein Globalisierungsstück, pointiert und komisch. Wurde dieses Jahr zu den Mühlheimer Theatertagen eingeladen.

Um den globalen Faden noch weiterzuspinnen, sei weiter auf ein Stück hingewiesen, das im LTT unter der Rubrik „Projekte“ verzeichnet wird: Clemens Bechtel, der schon „68“ inszenierte, will im Stück Global Players (Premiere 6. April 2013) die (Un)Möglichkeiten gerechten Handels anhand eines multinational agierenden Konzerns zwischen Europa und Westafrika vorführen. Als weiteres Projekt ist im Vorfeld der amerikanischen Präsidentschaftswahl eine Auseinandersetzung mit dem American Dream geplant.

Mehr Programm, weniger Zeilen

Außerdem werden die Endproben, die Premiere und die ersten Aufführungen von Alle vier Minuten der in Köln und Freiburg beheimateten Tanz-Theater&Circusgruppe HeadFeedHands (sic!) am LTT stattfinden. Eine Gastspielproduktion als Auftakt zu einer geplanten, weiterführenden Zusammenarbeit – zu der es diesmal noch nicht kam, weil entsprechende Förderungsanträge nicht bewilligt wurden.

Damit fehlen noch drei Aufführungen als da wären: Elfriede Jelineks rauf und runter gespielte Winterreise (Premiere 19. April 2013) in freier Anlehnung an Schuberts gleichnamigen Liederzyklus. Wieder geht es um die globale Wirtschaftswelt, die hier allerdings auch zu ganz privaten Seeleneinblicken führt. Ein ambitionierter Kraftakt für Jenke Nordalm, die mit „Paradies“, „Stützen der Gesellschaft“ und „Wer hat Angst vor Virginia Woolf“ eindrucksvolle Inszenierungen am LTT bot.

Schließlich eine unter dem Arbeitstitel Die Kunst ist ein Schrank laufende Inszenierung mit Texten von Daniil Charms (20. April 2013). Richtig interessant ist hier der Regisseur: Christian Weise, der schon manchen Shakespeare am Staatsschauspiel Stuttgart machte. Apropos Shakespeare: Als Sommertheater soll Der Sturm an einem überraschenden Ort geboten werden. Das Stück haben zwar auch die Lindenhöfler gerade auf dem Spielplan, aber in der Regie von Albrecht Hirche – und das ist wirklich was ganz, ganz anderes.

Uraufführung ist diesmal keine dabei. Hat sich diesmal nicht ergeben, meint Intendantin Simone Sterr. Sie orientiert sich lieber an Programmatischem. „Dafür verzichte ich lieber auf ein paar Zeilen im Feuilleton.“ Gut, schreiben wir zehn Zeilen weniger.

Wie wollen wir leben?
Und spricht: Die Kunst ist ein Schrank.

Wie wollen wir leben?
Aber der Irrsinn nistet sich trotzdem ein.

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12.06.2012, 12:00 Uhr

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